Startschuss

Basler Industriegebiet Klybeck: Testplanungen für Umnutzung angelaufen

Michael Baas

Von Michael Baas

Mi, 08. März 2017

Basel

Vier internationale Büros haben mit Testplanungen für die Umnutzung des großen Basler Industriegebietes Klybeck begonnen.

BASEL. Der Basler Norden ist städtebaulich im Umbruch. Eines der größten Vorhaben dort ist die Transformation des Klybeckareals. Mit rund 325 000 Quadratmetern ist das Industriegebiet zwischen Rhein und Wiese die größte zusammenhängende Entwicklungsfläche der Stadt überhaupt und eine echte Chance für diese – zumal in Verbindung mit dem angrenzenden trinationalen Entwicklungsprojekt "3Land" um den Hafen Kleinhüningen. Inzwischen sind vier Planerteams dabei, Potenziale des Klybeckareals auszuloten und Ideen zu kreieren. Diese sollen im Juni vorgestellt werden, teilt der Kanton mit.

Bis ins 19. Jahrhundert war das Areal noch ein Überflutungsgebiet für Wiese und Rhein. Mit der Industrialisierung wurde es von 1860 an dann zum Standort der im Stadtzentrum zunehmend ungelittenen Farbstoffwerke und später zum Hauptsitz der Ciba-Geigy. Seit deren Fusion mit Sandoz zu Novartis 1996 und der anschließenden Neuordnung der Geschäfte gehört es Novartis und deren "Ablegern"; seit 2009 sitzt etwa zur Hälfte zudem die BASF, die damals die Ciba Spezialitätenchemie übernommen hatte, mit im Boot. Bereits vergangenes Jahr aber hatten beide Konzerne die Bereitschaft zu einen teilweisen (Novartis) oder auch kompletten Rückzug (BASF) aus dem Areal, in dem sie noch etwa 2250 Menschen beschäftigen, signalisiert.

Das wiederum war der Startschuss eines Planungsprozesses, der mit den Testplanungen nun eine erste konkretere Phase erreicht. Tatsächlich eröffne das Vorhaben die Chance, "die Stadt zusammenzunähen", befand laut des Newsletters der Planungspartner des "Klybeckplus" betitelten Vorhabens der Architekt Vittorio Lampugnani dieser Tage in einem Workshop zum Auftakt dieser neuen Etappe. Dabei aber warnte der in dem Begleitgremium beratende wirkende Zürcher zugleich vor einem allzu beliebigen Vermischen von Zutaten, vor einer "Minestrone-Planung", wie er es nannte und plädierte für ein "gewisses Maß an Autorenschaft in der Stadtplanung".

Der Basler Architekt Jacques Herzog, der ebenfalls im Begleitgremium mitarbeitet, warb in dem Workshop darüber hinaus für Ansätze, "die pragmatisch sind, aber trotzdem auch visionär". Für einen in der Ausdehnung so eng eingeschränkten Kanton wie Basel-Stadt mit einer Fläche von nur 36 Quadratkilometern sei es wichtig, die Dichte zu nutzen und ein lebendiges Quartier zu schaffen, das bestehende Gebäude sensibel einbinde in "ein Gewebe von neuen" und einen Ort schaffe, der "wie ein Magnet" sein werde. Als Pragmatismus wiederum definierte Herzog dabei laut des Newsletters einen Umgang mit dem Gebäudebestand, der sich nicht allein an dessen historischem Wert orientiert, sondern auch am langfristigen Gebrauchswert und der Forderung, dass die Gebäude auch in den nächsten 50 bis 100 Jahren noch eine sinnvolle Nutzung gewährleisten sollten.

Ein Aspekt, der vor dem Hintergrund der vielen denkmalpflegerisch bedeutsamen Gebäude auf dem Areal knifflig werden könnte. So findet sich dort nicht nur die im Lauf der Jahre immer wieder aufgestockte Gründerzeitvilla von Alexander Clavel, die der BASF heute als Domizil dient; vielmehr findet sich da auch das nach 1945 entstandene große Ensemble zur Pharmaproduktion im östlichen, Richtung Wiese gelegenen Teil des Areals, der erste reine Pharmaproduktionsbau der Welt, oder der Produktionsbau K 90 an der Klybeckstraße, zeitweise das größte Textilfarbstoffwerk der Welt, das in der jüngeren Vergangenheit mit außen angebrachten Stahlstreben noch aufwändig erdbebensicher gemacht wurde, ein Parkdeck oder die Kantine an der Ecke Mauer-, Gärtnerstraße – insgesamt also ein heterogenes Ensemble, das rund 150 Jahre Industriegeschichte spiegelt.

Die Testplanung der vier eingeladenen Architekturbüros (Diener & Diener aus Basel, Hans Kollhoff aus Berlin, Albert Speer + Partner aus Frankfurt sowie das Office for Metropolitan Architecture aus Rotterdam) versteht sich denn auch als "offener Meinungsaustausch" und "Dialogverfahren", in dem es weder um eine Rangliste noch einen Sieger gehe, sondern um weitere Erkenntnisse, heißt es im Newsletter. Erste Statements deuten dabei bereits eine mögliche Richtung an. In dem Areal gebe es große Strukturen, und ein "fast dramatisches Aufeinandertreffen" von urbanisierten und Naturräumen wie Wiese oder Rhein, die eine "ungeheure Faszination" ausübten, lässt sich der Basler Roger Diener zitieren. Er zeigt sich da auch zuversichtlich, dass "gewisse Gebäudestrukturen" für Nutzer und Interessen erhalten werden können, die nie in der Lage wären, sich in Neubauten einzukaufen. Perspektivisch lasse sich so eine "Durchmischung und Vielfalt erzielen, die bis jetzt in keinem Basler Quartier existiert", prognostiziert Diener.

Ein Stück Stadt, das für ganz Basel Signifikanz hat

Wichtig sei, dass ein "individuelles Stück Stadt entstehe", skizziert Professor Hans Kollhoff aus Berlin. Dabei gehe es nicht nur um ein "Sammelsurium von Gebäuden", sondern einen einprägsamen Stadtraum, der für Basel als ganze Stadt "Signifikanz" habe. Dafür aber brauche es nicht nur einzelne interessante Objekte, dafür brauche es auch mehr als eine "Schnittmenge unterschiedlicher Interessen". Dafür benötige es "eine Raumform, die Prägnanz und Bestand hat" sowie Orte, Plätze und Ufer mit Aufenthaltsqualität, an denen er sich auch selbst gerne aufhalten würde, um an "einem sonnigen Tag einen Campari zu trinken".

Erklärtes Ziel dieser Testplanungen ist es, Vorstellungen davon zu entwickeln, wohin die Arealentwicklung steuern soll. Diese Konzepte sollen im Juni präsentiert werden. Anschließend beginnt die Syntheseplanung. Für 2020 werden erste entscheidungsreife Pläne für die Legislative im Großen Rat anvisiert und erst danach werden erste Veränderungen greifbar werden.