Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

31. Dezember 2009

Ein Grundeinkommen für alle

Im Basler Unternehmen Mitte sitzt die Keimzelle einer Initiative, die Geld ohne Gegenleistung für die Bürger fordert.

  1. Die Basler Initianten Foto: Fritz

BASEL. "Was würden Sie arbeiten, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre?" Der Satz prangt von einer goldenen Tafel am Eingang des Kaffeehauses Unternehmen Mitte in Basel. Ein guter Einstieg für ein anregendes Gespräch beim Heißgetränk, könnte man meinen. Doch der Satz bedeutet mehr. Im Unternehmen Mitte liegt die Keimzelle der Initiative Grundeinkommen. Mitinhaber und Geschäftsleiter Daniel Häni hat diese 2006 zusammen mit dem Frankfurter Künstler Enno Schmidt gegründet.

Häni wartet mit vielen Unterlagen unterm Arm in der Mitte der Mitte und führt zu einem Tisch am Kamin. Zu trinken gibt es natürlich einen Latte Macchiato. Das Kaffeegetränk steht mit seinen Schichten für eine mögliche Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens für alle. Schon in einer halben Stunde werden wir nicht mehr zu zweit am Feuer sitzen und über das Grundeinkommen diskutieren, sondern zu siebt. "Das Interesse und der Zuspruch wachsen stetig", sagt Häni und lächelt. Mit der Wirtschaftskrise habe das nur am Rande zu tun, die Idee liege in der Luft. Und sie sei am Reifen.

Werbung


1000 bis 1500 Euro für alle – und das ohne Gegenleistung? Das klingt im ersten Moment nach Träumerei. Seit in Deutschland der Gründer der Drogeriekette dm, Götz Werner, allerdings für das Grundeinkommen spricht, scheint es gar nicht mehr so unrealistisch. Wie es finanziert werden könnte, haben der Basler Daniel Häni und Enno Schmidt in einem 100-minütigen Filmessay dargelegt. Nämlich mit der Umlagerung der Steuern von der Arbeit auf den Konsum – sprich mit einer höheren Mehrwertsteuer. Dass die Preise der Produkte dann nicht ins Endlose steigen, soll dadurch bewirkt werden, dass mit dem Grundeinkommen die Lohnkosten sinken.

Der Film, den die beiden in eineinhalb Jahren gedreht haben, wurde inzwischen schon mehr als 200 000 mal angesehen. Hauptsächlich von Menschen in Deutschland. Er wird in so manchem Alternativkino gezeigt, steht aber auch frei zum Download im Internet bereit. Und er birgt so manche Überraschung. All jenen, die glauben, Menschen mit Grundeinkommen würden nur noch faul in der Hängematte liegen, setzen die Filmmacher eine Umfrage entgegen. Danach würden 60 Prozent nach eigenen Aussagen weiter arbeiten wie bisher, 30 Prozent den Arbeitgeber wechseln oder auf Teilzeit umstellen, und lediglich zehn Prozent "erstmal ausschlafen, dann weiter sehen". Erstaunlich ist dabei, dass sich 80 Prozent der Befragten sicher waren, dass es bei einem bedingungslosen Grundeinkommen viele Schmarotzer geben würde. Getreu dem Motto: Die anderen würden nicht mehr arbeiten – ich natürlich schon. "Jeder Mensch hat den Impuls mit Freude etwas zu tun", wirft einer in die Latte-Macchiato-Runde ein.

Während der Film sehr darauf abzielt, die Umsetzbarkeit des Grundeinkommens zu erläutern, sprechen Daniel Häni und Enno Schmidt gerne über den kulturellen Rahmen, den geschichtlichen Entwicklungszusammenhang und über das Verständnis von Freiheit und Selbstbestimmtheit, das mit dem Grundeinkommen einher gehen könnte. Das Gefühl der eigene König zu sein. Das haben Uschi Bauer und Anke Dietrich von der Krönungswelle begriffen – die inzwischen auch mit am Feuer sitzen. Die beiden stellen sich in Basel und Lörrach, wo Uschi Bauer ihre Agentur hat, auf die Straße und verteilen goldene Papp-Kronen. Sie waren auch schon auf Krönungstour in ganz Deutschland unterwegs und sind nach Wien zu den ersten Uni-Besetzern gereist – insgesamt 100 000 Kronen wurden verteilt. Und viele spannende Gespräche mit Passanten seien so entstanden, sagen die beiden.

Mit dem eindrücklichen Bild gekrönter Menschen hat das Grundeinkommen viele neue Fans gefunden. Überhaupt ist Daniel Häni davon überzeugt, "dass dies nur der Anfang sei, und dass sich da etwas von unten her aufbaut." Er denke in Vorgängen, nicht in Ergebnissen. Die kommen ganz automatisch, "sobald Menschen selber nachdenken". Es klingt manchmal ein wenig rätselhaft, was die Mitglieder der Initiative Grundeinkommen so von sich geben. Besonders als Anke Dietrich davon spricht, dass das Dreiland ein sehr heller Fleck auf der Landkarte sei, mit viel Potenzial für Veränderungen. "Das liegt sicher daran, dass wir hier im Rheinknie sind – das Knie ist seit jeher ein Energiezentrum."

Aber immer wieder blitzt auch der unternehmerische und wirtschaftliche Geist der Gruppe auf. Beispielsweise wenn Daniel Häni vom Unternehmen Mitte erzählt. Das Kaffeehaus in Basel funktioniert, obwohl es dort keinen Verzehrzwang gibt, und die Besucher stundenlang kostenlos im Internet surfen könnten. Benjamin Hohlmann, der Wirt des Gatsonomiebetriebs kommt vorbei, setzt sich eine Weile hinzu. Auch er ist überzeugt von der Grundeinkommen-Idee – nicht zuletzt, weil er seine Arbeit liebe und genau das weiter machen würde. Auch wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, versichert er. "Mit dem Grundeinkommen, hätte niemand mehr die billige Ausrede er müsse halt Geld verdienen und könne deshalb nichts Sinnvolleres tun. Denken Sie nur an all das kreative Potenzial, das da noch schlummert", sagt Daniel Häni. Seine Augen blitzen ein wenig auf, wenn er das sagt, aber die Mimik bleibt ganz ruhig. Er wirkt souverän. Einer der überzeugt davon ist, dass eine Idee so gut ist, dass sie sich von ganz alleine durchsetzen wird.

Autor: Bianca Fritz