Kunst nach dem Anthropozän

Veronika Zettler

Von Veronika Zettler

So, 09. September 2018

Kunst

Der Sonntag Das Haus der elektronischen Künste in Basel spürt künstlerischen Öko-Visionen nach.

Können Kunst und digitale Medien für Umweltbelange sensibilisieren? Sie können, wenn sie biologische Prozesse erlebbar machen wie jetzt im Haus der elektronischen Künste.

Auch wenn der Begriff umstritten ist, als Ausgangsbasis für Überlegungen verschiedener Art taugt er: "Anthropozän", das Zeitalter, in dem der Mensch massiv auf die Erde einwirkt, durch seine technischen und industriellen Aktivitäten selbst Naturgewalt wird. In der Kunst haben Anthropozän-Konzepte Fragen nach ökologischen Strategien längst den Rang abgelaufen. Wofür der inflationäre Gebrauch grüner Themen und ihres Vokabulars mitverantwortlich sein dürfte. Was einem in Supermarkt und Unternehmenskommunikation begegnet, gilt in der Kunst schnell als beliebig, unsexy und neoliberal.

Es geht aber auch anders. Das Haus der elektronischen Künste in Basel (HEK) stellt in seiner neuen Ausstellung die Frage, welchen Beitrag die Kunst und dabei speziell Kunst mit neuen Medien und Technologien zur Sensibilisierung für das Ökosystem leisten kann. Welche Visionen eines Nicht- oder Post-Anthropozäns – mit Mensch, Umwelt und Technik im Einklang – kann sie entwerfen?

Die Kuratorinnen Sabine Himmelsbach, Karin Ohlenschläger und Yvonne Volkart haben schon 2007, am Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg, die Ausstellung "Ökomedia" zu ökologischen Strategien in der Medienkunst auf die Beine gestellt. "Zehn Jahre später wollen wir das Thema noch einmal aufgreifen", erklärt Himmelsbach, die seit 2012 das HEK leitet. Zumal "seither politisch leider nicht viel passiert ist".

Sehenswert ist die Ausstellung schon deshalb, weil sie statt strittiger Antworten unstrittige Fragen präsentiert. "Ökologische Kunst sollte nicht von Anfang an ein Statement liefern", meint denn auch Heiko Hansen vom deutsch-britischen Künstlerduo "HeHe", das mit der Installation "Domestique Catastrophe" vertreten ist. Besser dem Betrachter verschiedene Positionen anbieten.

Eben das leistet die Ausstellung mit 17 künstlerischen Beiträgen: sechs aus der Schweiz, zehn aus weiteren europäischen Ländern und einem aus Afrika. Die bildstarken Installationen, Filme und Versuchsanordnungen dürften technophile Besucher ebenso faszinieren wie Technikskeptiker.

So unterschiedlich die Herangehensweisen, so klar das gemeinsame Anliegen: Sensibilisierung für sensible Organismen, Empathie für die Umwelt. Manchen Beiträgen gelingt das, indem sie verborgene biologische Vorgänge mittels Technik erfahrbar machen. So im "Treelab" der Schweizer Künstler Marcus Maeder und Roman Zweifel. Schon Mitte der 60er Jahre erkundete der englische Forscher John Milburn (mit dem bloßen Ohr nicht hörbare) Geräusche im Inneren von Bäumen. Maeder und Zweifel machen diese Töne nicht nur hörbar, sondern zeigen auch, wie sie sich bei Trockenstress zum stakkatohaften Knacken verstärken.

Pflanzen würden davonlaufen, wenn sie könnten, dies zumindest legt der Beitrag der Schweizer Künstlerin Aline Veillat nahe. In Zusammenarbeit mit Robotik-Spezialisten der ETH Zürich entwickelte sie eine Apparatur, die Pflanzen auf einem Gestell Mobilität ermöglicht. Sensoren an den Blättern messen die jeweilige Pflanzenaktivität bezüglich Licht, Wasser, Pflanzennachbarn oder Menschen im Raum und übersetzen diese in Bewegungen der Unterkonstruktion.

Auch die Bodenatmung lässt sich sichtbar machen: Die Installation "Inhale/Exhale" der Finnin Terike Haapoja besteht aus einem Glaskasten voller Walderde und Laub. Sobald die toten Pflanzen eine bestimmte Menge Co2 freigesetzt haben, reagiert ein Sensor, öffnet Klappen und lässt es entweichen.

Neben derlei Einblicken enthält die Ausstellung auch schwer Verdauliches. Der Kanadier Chris Jordan etwa filmte Tausende verendeter Albatrosse auf dem Midway-Atoll im Pazifik. Viele tote Tiere schnitt er auf und zog aus deren Bäuchen ganze Haufen bunter Plastikteile. Der Film könnte das Verhältnis des ein oder anderen Besuchers zu Plastik schlagartig ändern, sind die Kuratorinnen überzeugt.

Gleichwohl demonstrieren einige Installationen, dass grüne Technologien genauso ihren Preis haben können wie die Digitalisierung. So thematisiert das britische Kollektiv "Unknown Fields Division" die Lithium-Gewinnung für Akkus in Bolivien und der Atacama-Wüste, und die spanische Künstlerin Joana Moll zeigt, wie viele Bäume nötig sind, um die immense Menge an CO2 zu absorbieren, die sekündlich allein bei der Nutzung von Google produziert wird. Parallel hinterfragt das Schweizer Duo Knowbotiq die unkontrollierte und unkontrollierbare biotechnologische Forschung von IT-Konzernen. "Da passiert etwas Unglaubliches", meint Yvonne Volkart, "und es passiert einfach."
Eco-Visionaries Haus der elektronischen Künste, Freilager-Platz 9, Münchenstein/Basel. Mittwoch bis Sonntag 12 bis 18 Uhr (bis 11. November). Eintritt 9 Franken (ermäßigt 6 Franken).