Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

31. März 2017

Fokussierung auf die Lücke

Kunsthaus Baselland zeigt Arbeiten der spanischen Performancekünstlerin Itziar Okariz .

"Mind the Gap", so lautet der berühmte Sicherheitshinweis in der Londoner U-Bahn, wonach auf die Lücke zu achten sei, die es beim Ein- und Ausstieg aus der Bahn zu überwinden gilt. Itziar Okariz, deren Arbeiten jetzt im Kunsthaus Baselland zu sehen sind, baut ihr Werk gleichsam herum um von ihr gefundene oder geschaffene Lücken. Wenn die baskische Perfomance-Künstlerin etwa in ihrer fünfteiligen Serie "Video Notes" (2017) Szenen eines Tages gefilmt hat, dann ist der Betrachter aufgerufen, den darin jeweils sehr eng gewährten Bildausschnitt weiterzudenken. So wird etwa die Kamera auf einen Punkt des Küchenbodens der Künstlerin gerichtet, zoomt ihn heran oder lässt ihn wieder verschwimmen. Eine Katze scheint vorbeizugehen, von der man aber, wie vom ganzen Boden, nur einen kleinen Teil sieht. Ist es überhaupt eine Katze? "Es ist an der Phantasie, die Lücke zu füllen", sagt Okariz, deren Hände bei der Medienpräsentation nahezu pausenlos in Bewegung sind. So aktiv die Künstlerin selbst agiert, so reduziert kann ihre Bildsprache sein.

Im selben Raum mit dem Videotagebuch findet sich das diesmal rein akustische "Applause" von 2009. Während sie ansonsten ihre meist filmisch dokumentierten Performances ohne Publikum aufgenommen hat, war Okariz diesmal im renommierten Guggenheim Museum in Bilbao eingeladen, live aufzutreten, erstmals, wie sie erzählt. Die Künstlerin hat sich dann einmal mehr für eine Fehlstelle entschieden und ist klatschend vor ihr Publikum getreten, ohne dass vorher sichtlich etwas stattgefunden hatte, was den Applaus hätte rechtfertigen können. Die Aufnahme, die jetzt in Muttenz zu hören ist, dokumentiert das Klatschen der Performerin ebenso wie die Reaktionen des Publikums, das bald einfällt in den sich rhythmisch verändernden Applaus. Ganz anders sei es bei einer Wiederholung an anderem Ort gewesen, erzählt die 1965 geborene Spanierin, die heute in Bilbao und Madrid lebt. Im seinerseits berühmten Museo National Centro de Arte Reina Sofía in Madrid blieben die Besucher der Performance still. Sie hätten erst das Ende beklatscht, so Okariz.

Werbung


Offenbar ohne Publikum auf der New Yorker Brooklyn Bridge und weiteren Orten aufgenommen ist eine Serie, in der die Künstlerin etwas sehr viel Irritierenderes tut. Sie uriniert stehend und mit halb angehobenem Rock. Was Männern zwar auch nicht immer aber doch häufiger nachgesehen wird, ist für Frauen in unserem Kulturkreis undenkbar. Dass man die Künstlerin auch aufgrund solcher Sequenzen als besonders streitbare Feministin eingestuft hat, liegt nahe, ohne ihrem eigentlichen Anspruch gerecht zu werden. Genderfragen interessieren sie vor allem mit Bezug auf Codes, die Identität bestimmen und die jeweils dahinter liegende Konstruktion. Aktuell befasst sich Okariz etwa mit dem Thema Sprache und möglichen Bedeutungsverschiebungen, wie sie durch Fragmentierung, Wiederholung und neue Lücken entstehen. Drei Monate lang hat die Künstlerin zuletzt ein sehr spezielles Traumtagebuch geführt, in dem auf großformatigen Blättern schriftlich notierte Erinnerungsbruchstücke erscheinen. Ziert nur ein Datum das Blatt, dokumentiert es die fehlende Erinnerung. Über die geschriebenen Traumfetzen, die gleichzeitig bildlich, etwa in Form einer Treppe, geordnet sind, legt sich eine akustische Ebene, in der Okariz zu hören ist, die die Textfragmente spricht.

Kunsthauschefin Ines Goldbach will die Muttenzer Werkschau, die im Anschluss auch noch in Madrid und in San Sebastian gezeigt werden wird, als Überblicksausstellung verstanden wissen. Das gelte, zumal die früheren Werke mit ihrem expliziten Genderbezug den Weg nachvollziehbar machten, den die Künstlerin geht und auf dem sie immer neue Perspektiven wählt. "Im Zentrum stehen die Verbindung von Sprache und Körper", so Goldbach, "sowie die Möglichkeit der Ausbreitung von Sprache im Raum". Deren Bedeutung steht dabei auf einem anderen Blatt. Sie ist aufgerufen, sich ihren eigenen Weg in die Phantasie des Besuchers zu bahnen. "Ich halte gerne Abstand von der Bedeutung", lacht Itziar Okariz.

Itziar Okariz, bis 16. Juli, Kunsthaus Baselland, St.-Jakob-Str. 170, Muttenz, Di/Do-So 11-17 Uhr, Mi 14-20 Uhr, Tel. 0041-61-3128388

Autor: Annette Mahro