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30. August 2016 18:43 Uhr

Pflanzenschutz

Bauernverband: Chemie hat Badens Ernte gerettet

Plädoyer für den chemischen Pflanzenschutz: Laut Badens Bauernpräsident Werner Räpple haben Pestizide eine noch schlechtere Ernte verhindert. Besonders betroffen ist deshalb: der chemiefreie Ökolandbau.

  1. Ein Bauer versprüht Pflanzenschutz im Elsass. Foto: dpa

"Es geht heutzutage mehr um den Wasserfloh als um die Sicherheit der Ernte", meint Badens Bauernpräsident Werner Räpple. Nach einer Missernte in der Region hielt er am Dienstag in Freiburg ein Plädoyer für den chemischen Pflanzenschutz – und stellt sich damit gegen jene, die Badens Landwirtschaft am liebsten komplett auf Öko und Bio umstellen wollen.
"Ohne Pflanzenschutz hätten wir in der Region dieses Jahr gar keine nennenswerte Ernte eingefahren". Werner Räpple
"Es war ein Jahr für Könner", bilanzierte Räpple, der Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV) anlässlich der Erntebilanz 2016. Was er damit meinte? "Oft ging es um Stunden, in denen der chemische Pflanzenschutz darüber entschied, ob es dieses Jahr noch etwas zu ernten gab oder nicht." Das über Wochen sehr feuchte Wetter habe den Bauern "so sehr zugesetzt, wie wir es wohl noch nie erlebt haben." Überall Pilzbefall und Fäule – am Wein, an den Kartoffeln, dem Weizen, den Erdbeeren.

Räpple: Früher hätte es in einem so schlechten Jahr eine Hungersnot gegeben

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Nur eine umfangreiche Anwendung von chemischen Hilfsmitteln habe Schlimmeres verhindert, daran ließ Räpple keinen Zweifel – auch wenn der verstärkte Einsatz von Pestiziden die Landwirte entsprechend viel gekostet habe. Räpple sagte: "Ohne Pflanzenschutz hätten wir in der Region dieses Jahr gar keine nennenswerte Ernte eingefahren." In einem derart schlechten Jahr hätte es vor der Erfindung des chemischen Düngers "eine Hungersnot gegeben".

BLHV: Mehr Ökoware wird aus dem Ausland kommen

Besonders schlecht sei es im Ökolandbau gelaufen. In der Direktvermarktung dürfte das zu mancher Preiserhöhung führen, so der BLHV, im Einzelhandel zu mehr Bioimporten aus dem Ausland. "Wer Bio sein will, muss sich aber auch in kritischen Jahren bewähren – sonst ist es halt nichts", so Räpple.

Klaus Mastel, Leiter des Referates "Pflanzliche und tierische Erzeugung" beim Regierungspräsidium Freiburg betonte, dass es sich trotz aller Probleme bei den in den Handel gebrachten Produkte dennoch um einwandfreie Ware handele.

Räpple nutzte das Pressegespräch, um den Pflanzenschutz leidenschaftlich zu verteidigen. "Auch ich mag kein Glyphosat im Bier", sagte er mit Verweis auf entsprechende Funde des umstrittenen Pflanzenschutzmittels im Gerstensaft. "Aber wir sollten nicht vergessen, dass man Hunderte Biere trinken muss, damit der zulässige Grenzwert überschritten wird." Und wie habe selbst der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Recht gesagt: Wenn er einen Sack Kartoffeln auf einmal äße, wäre er auch tot.

Räpple findet: "Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass solche Stoffe null Spuren in unseren Lebensmitteln hinterlassen." Man werde sie wegen der immer besseren Analysemethoden der Wissenschaft überall finden. Dass der Pflanzenschutz überall nachweisbar sei, heiße aber noch lange nicht, dass er gefährlich sei. Die Verlängerung der EU-weiten Zulassung von Glyphosat sorgt derzeit für erheblichen Streit in Brüssel.

Ministerin Barbara Hendricks will Bau großer Ställe erschweren

Räpple sah weitere Gründe zur Klage. Die Landwirte würden von "Wirtschaft und Politik in die Zange genommen". Der Handel reagiere auf Rufe von Umwelt- und Tierschützern nach einer ökologischen Agrarreform. Räpple kritisierte neue Standards für die Haltung von Milchkühen, die Edeka vorschreibe. Laut BLHV gehe es um umfangreiche Dokumentationspflichten und darum, dass die Tiere nicht mehr angebunden werden dürften. "Kaum ein bäuerlicher Familienbetrieb könne es sich leisten, den Edeka-Standards gerecht zu werden", so Räpple.

Er kritisierte auch den Vorstoß von Umwelt- und Bauministerin Barbara Hendricks (SPD), die den Bau großer Ställe per Baurecht erschweren will. Kommunen sollen solche entsprechende Flächen für die Bauvorhaben speziell ausweisen müssen, was Bürgerinitiativen ermögliche "praktisch jeden Stall zu verhindern", so Räpple. Dabei brauche man moderne Ställe auch für mehr Tierschutz.

Hendricks will aber nur die größten Ställe regulieren, etwa Rinderställe mit über 600 Tieren. Auf Nachfrage räumte der BLHV ein, dass so gut wie kein Projekt in der Region betroffen wäre. Der BLHV warnt aber davor, dass die Hendricks-Reform Türöffner für weitere Eingriffe in die Landwirtschaft sein könnten, die der Verband als Aktionismus bezeichnete.

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Autor: Ronny Gert Bürckholdt