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19. August 2017

Kollege auf vier Beinen

Hunde am Arbeitsplatz tun dem Menschen gut – wenn es entsprechende Regeln gibt.

  1. Wachdienst und Inkasso: Jagdhund Linus, elf Jahre alt, hat seinen Posten am Schreibtisch von Karen Heckers. Firmenchef Ulf Tietge bringt selbst seinen Hund mit ins Büro und ist offen für die Tierliebe seiner Mitarbeiter. Foto: Patrick von Au

Luna und Leila liegen unterm Schreibtisch und verdienen ihr Fressen im Schlaf. Jari trägt ein Halsband, auf dem "Betriebsrat" steht. Balou hat eine feste Aufgabe: "Er macht bei uns Wachdienst und Inkasso", sagt sein Chef Ulf Tietge. Balous Chef ist zugleich sein Herrchen. Denn Balou ist natürlich ein Hund, ein Labrador. "Mit ihm hat es angefangen", sagt der Offenburger Unternehmer Tietge, der in seinem Werbeverlag heute 20 Mitarbeiter beschäftigt.

Hund im Büro – das klingt vor allem für Menschen ohne Hund nach Dauergebell, Spieltrieb sowie Sabber und Haaren. Und wenn es regnet? Wer will schon ein Büro, das wahrhaftig riecht wie nasser Hund? Ulf Tietge nicht. "Wenn man Hunde im Büro hat, dann muss man auch Regeln haben. Kommt man mit dem Hund aus dem Regen, gehört er halt abgetrocknet." Schon hat man ein Problem gelöst.

Im Übrigen seien Hunde im Büro kein Problem, sondern eine Freude. Das sagt zumindest die Wissenschaft. Es gibt mehrere Studien, die belegen wollen, dass Hunde gut fürs Arbeitsklima seien. Eine schwedische Forscherin vergleicht das Glücksgefühl, das Hundebesitzer beim Streicheln ihres Haustiers haben, mit dem Glück einer Frau, die gerade ein Kind geboren hat. Sie macht das am Ausstoß des Glückshormons Oxytocin fest. Hunde- und Kindseltern werden diesen Vergleich skeptisch sehen. Streicheln tut man jeden Tag, Kinder kriegen nicht.

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Der amerikanische Wissenschaftler Randolph Barker – ja: Barker wie Kläffer – hat in einer 2012 veröffentlichten Studie dargelegt, dass Hunde gut ins Büro passen. Dabei wurden Hundehalter mit Hund im Büro oder Hund zu Hause sowie Menschen ohne Haustier nebeneinander gestellt. Fazit: "Hunde können am Arbeitsplatz einen positiven Unterschied machen", so der emeritierte Professor der Virginia Commonwealth University.

450 Menschen wurden dabei beobachtet – und etwa 30 Hunde. Ein Experiment war, dass Menschen ohne Hund eine Pause mit einem geliehenen Hund machten. Danach sei es Mensch und Hund besser gegangen, sagt Barker. Der Forscher sieht Hunde ganz pragmatisch als ein kostengünstiges Mittel, die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern. Der Stresslevel sinkt und die Mitarbeiter kommen leichter ins Gespräch. Eine andere Studie will sogar bewiesen haben, dass Hunde weniger ablenken, dafür aber die Kreativität steigern. "Ein Hund im Büro lässt Mitarbeiter, Unternehmen und den Hund selbst gesünder sein", sagt Markus Beyer, Gründer des Bundesverbands Bürohund. Der Verband wirbt daher für ein leichteres Miteinander von Fiffis und Festangestellten.

Wissenschaftler Barker mahnt aber genau wie Ulf Tietge, dass Hunde immer auch nach klaren Spielregeln verlangen – für den Hund, seinen Halter und alle anderen Mitarbeiter. "Das Problem sind weniger die Hunde, sondern Menschen, die es gut mit ihnen meinen", sagt auch Evelyn Paul. Ihr gehören Luna und Leila, die beiden Dackel, die sich ihr Fresschen im Schlaf verdienen. Paul ist Geschäftsführerin des Dienstleisters Office & Phone im Freiburger Stadtteil Stühlinger. "Hunde sind wie Kinder", sagt sie. Und meint damit vor allem die Sorgen der Hundehalter. Wer morgens das Haus verlässt, der will seine Babys nicht zurücklassen. Bei ihr war darum schnell klar, dass es Bürohunde werden. Und so wie Kinder allen Anstand vergessen, wenn man ihnen einen Lolli gibt, büxen Bürohunde aus, wenn ihnen jemand ein Leckerli reicht.

Dominique Wolf bringt etwa einmal pro Woche ihren Pudel Jari mit ins Büro zu Più Caffè in March-Hugstetten. "Der Hund haart nicht und ist pflegeleicht. Meistens liegt er gemütlich bei mir unterm Schreibtisch", sagt sie. Die meisten Gäste der Firma sehen ihn gar nicht.

Bei Office & Phone kommen auf acht Mitarbeiter manchmal fünf Hunde, denn auch Tochter Denise Paul hat ihren Boarder Collie Bonny schon mit ins Büro gebracht. Auch Ulf Tietge ist nicht der einzige, der in seinem Unternehmen den Hund mitbringt. Seine Redakteurin Karen Heckers hat ihren heute elf Jahre alten Linus, einen Podenco Andaluz. Auch Beagle Pepper und Chihuahua Kiwi schauen regelmäßig vorbei. Tietge hat aber auch schon einen Hund weggeschickt. Eine Kollegin hat eine deutsche Dogge. "Ein richtiges Pferd", sagt Tietge im Spaß. "Das ging nicht." Evelyn Paul hatte eine Mitarbeiterin mit zwei langhaarigen Hovawarts – die waren nicht so gern gesehen.

Ulf Tietge denkt auch an Menschen, die Hunde nicht so sehr mögen oder gar viel Respekt vor ihnen mitbringen. Etwa jeder fünfte Deutsche fürchtet sich laut einer Studie vor Hunden. Darum sagt Tietge: "Unsere Mitarbeiter haben natürlich auch das Recht, dass es hundefreie Zimmer gibt. Darauf achten wir."

Autor: Philipp Peters