Der Wille und sein Weg

Freiburger Forscher: Die Entdeckung der Bereitschaftspotentials

Hans-Werner Lüdke

Von Hans-Werner Lüdke

Do, 21. Januar 2016 um 09:45 Uhr

Bildung & Wissen

Der Wille, eine Bewegung zu machen, hat eine Vorbereitung im Gehirn: Man nennt dieses Phänomen negative elektrische Potentialschwankung. Unter dem Namen "Bereitschaftspotential" wurde es vor 50 Jahren in Freiburg entdeckt.

Am 21. Januar 1966 ernannte die Medizinische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Lüder Deecke zum Doktor der Medizin. Seiner Dissertation gingen experimentelle Untersuchungen und eine Kurzveröffentlichung im Jahr 1964 voraus. Die Arbeit wurde zu einer der meistzitierten neurologischen Arbeiten dieser Zeit. Der Titel "Hirnpotentialänderungen bei Willkürbewegungen und passiven Bewegungen des Menschen: Bereitschaftspotential und reafferente Potentiale" lässt auf den ersten Blick allerdings nicht vermuten, dass hier eine umwälzende Entdeckung gemacht wurde.

Kurz vor willkürlichen Bewegungen tritt im Hirn ein messbares Phänomen auf den Plan, das diesen Bewegungen vorausgeht. Ein Experiment der Arbeitsgruppe um den Neurophysiologen William Gray Walter in England hatte im selben Jahr 1964 ein ähnliches Ergebnis. Dass an zwei Orten fast gleichzeitig dieselbe Entdeckung gemacht wurde, sicherte ihre Dignität. Das Bereitschaftspotential wurde weltweit berühmt, nicht nur in der Neurologie, sondern auch in der Theologie, Philosophie, Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaft. Dabei spielte die Erwartung eine Rolle, dass hier außer für den Willen auch für die Willensfreiheit ein Korrelat im Gehirn gefunden worden sei.

Die Erforschung des Willens lebte wieder auf

Für die Theologen beschränkt die Willensfreiheit des Menschen die Allmacht Gottes – ein Problem, das schon den Kirchenvater Augustinus beschäftigt hat. Die Calvinisten behaupten in der Prädestinationslehre, dass Gott alles vorherbestimmt hat; damit ist für den freien Willen des Menschen kein Platz. Für die reichen Genfer und Zürcher Bürger war die doppelte Prädestinationslehre, nach der schon am irdischen Erfolg das Wohlergehen im Jenseits zu erkennen ist, ein starker kapitalistischer Antrieb. Für die armen, ebenfalls calvinistischen Lipper war diese Glaubenslehre derart abschreckend, dass die reformierte Lippische Landeskirche von der Doktrin Abstand nahm. In der Philosophie und Soziologie gibt es viele Denker, die für und wider die Willensfreiheit streiten. Es sind auch viele Jeinformen bekannt. Die Psychologie ist ebenfalls tief gespalten. Die Justiz braucht die Willensfreiheit, um einen Verbrecher bestrafen zu können.

Wissenschaftliche Spur

War es ein Zufallsfund im Elektroenzephalogramm (EEG), der das abendländische Denken derart bewegte? Die erste Bedingung war die wissenschaftliche Spur, die von Hans Berger, dem Erfinder des EEG und Nobelpreisanwärter, über den Freiburger Neurologen Richard Jung und den Ingenieur Jan Friedrich Tönnies zu den Neurologen Hans Helmut Kornhuber und Lüder Deecke führte. Um das Bereitschaftspotential registrieren zu können, musste ein empfindliches Gerät zur Verfügung stehen. Die geniale Art der Registrierung haben die Mediziner selbst entwickelt.

Person und Weltbild

Die zweite Bedingung war die Persönlichkeit Hans Helmut Kornhubers, des geistigen Vaters des Projektes. Kornhuber war ein umfassend gebildeter Neurologe. Er wurde 1928 als Sohn eines Arztes in Ostpreußen geboren und im Alter von acht Jahren im Collegium Fridericianum in Königsberg, eine preußische Eliteschule, aufgenommen. Das Ziel war die Erziehung humanistisch gebildeter Gelehrter. Bei der Reichstagswahl 1933 errangen die Nationalsozialisten die absolute Mehrheit in Königsberg. Wie weit der Nationalsozialismus Einfluss auf die geistige Welt des Gymnasiums gewonnen hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls war 1964 bei Kornhuber nichts davon zu bemerken (der Autor war sein jüngster Doktorand in Freiburg).

Sehr wohl aber war der geistige Horizont des Neuhumanismus Humboldts zu erkennen. Drei furchtbare Jahre verbrachte Kornhuber in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Diese Erlebnisse waren Anlass für nervenärztliche Arbeiten über Gefangenschaft. Die Facharztausbildung und die Habilitation absolvierte er bei Richard Jung in Freiburg.

Kornhuber war ein unglaublich tatkräftiger Mann. Am Tag versorgte er Patienten, abends experimentierte er, nachts philosophierte er in der Kellerküche der Abteilung für klinische Neurophysiologie. In der linken Hand balancierte er einen Joghurtbecher, in der rechten ein philosophisches Reclamheft. Sein Weltbild war bestimmt von Vernunft, Freiheit und Gelehrsamkeit. Er glaubte an die Freiheit des Willens, bevor er seine Experimente durchführte.

Geistige Situation der Zeit

Zwischen 1945 und 1965 fand in Deutschland so gut wie keine Erforschung des Willens statt. Die Tradition von Wilhelm Wundt bis Karl Kleist war abgerissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der amerikanische Behaviorismus mit seiner Ausgrenzung des Willens in Deutschland ein, die Psychoanalyse kehrte zurück. Kornhuber nannte die Psychoanalyse verächtlich "Freudismus" und die Frankfurter Schule "Freudo-Marxismus". Nach der Entdeckung des Bereitschaftspotentials lebte die Erforschung des Willens wieder auf. Großen Anteil hatten die bildgebenden Verfahren. Berühmt sind die Libet-Experimente, in denen der zeitliche Abstand zwischen der Nervenaktivität im Hirn und einer bestimmten Bewegung gemessen wurde. Dem Physiologen Benjamin Libet, der die Messungen 1979 vornahm, war selbst nicht klar, ob man daraus die Freiheit des Willens oder ein autonomes Agieren der Neurone schließen müsste.

Eine geniale Lösung bietet der Philosoph Ernst Tugendhat an: Es kommt nicht darauf an, ob der Wille frei ist oder nicht. Wichtig ist allein, ob ein Mensch die Verantwortung für sein Wollen übernehmen kann ("Anthropologie statt Metaphysik"). Aber die Verantwortung ist eine andere neurologische Baustelle. Hans Helmut Kornhuber hat an der Bejahung des freien Willens bis zu seinem Tod 2009 festgehalten.

Der Autor leitete das Geriatrische Institut Freiburg und arbeitete in der klinischen Arzneiforschung. Seit seiner Pensionierung 2006 widmet er sich der Erfahrungsheilkunde.