Helle Köpfe (15)

Eberhard Schockenhoff: Der Grenzwächter

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Sa, 27. September 2014

Bildung & Wissen

BZ-SERIE HELLE KÖPFE (15): Eberhard Schockenhoff weist Politik und Gesellschaft in ihre ethischen Schranken.

infallsreiche und kluge Wissenschaftler sind die Grundlage für den Erfolg einer Universität und einer Region. Wir stellen Ihnen in dieser Serie Menschen vor, die den Forschungsstandort Südbaden starkmachen: helle Köpfe, die in der globalen Wissenschaftswelt eine Rolle spielen, die Herausragendes leisten oder faszinierende Fragen lösen. Heute: Eberhard Schockenhoff.

EMoraltheologie. Der Name seines Fachgebiets klingt wuchtig, nach Strafpredigt von der hohen Kirchenkanzel. Eberhard Schockenhoff hat nichts von einem Polterer. Der 61-jährige Professor spricht leise, zurückhaltend. Sein Arbeitszimmer unterm Dach des Kollegiengebäudes I der Freiburger Universität ist spärlich möbliert, auf Stuhl und Schreibtisch liegen Bücher, Zeitschriften, Diktiergerät; ein Computer fehlt. Wie würde er Moraltheologie in einem Satz beschreiben? "Als eine Theorie der menschlichen Lebensführung unter dem Anspruch des christlichen Glaubens", sagt Schockenhoff.

Das klingt abstrakt. Und kann schnell konkret werden, zu einer Frage nach Leben und Tod. Etwa in der Hochleistungsmedizin: Wie weit reicht der ärztliche Behandlungsauftrag? Gibt es Situationen, in denen es ethisch vertretbar oder sogar gefordert ist, lebensverlängernde Maschinen abzustellen? Ja, sagt Schockenhoff: "Es gibt das Recht, am eigenen Sterben nicht durch medizinische Maßnahmen gehindert zu werden, die unverhältnismäßig geworden sind." Er betont die einzelnen Wörter; die genaue, differenzierte Formulierung ist ihm wichtig.

Schockenhoff befasst sich mit Gesundheit und Krankheit, mit Fragen nach dem Beginn des Lebens und nach dessen Ende. Die Arbeit in seinem Spezialgebiet, der Medizin- und Bioethik, hat ihn nicht nur zu einem der bekanntesten Vertreter seines Fachs gemacht. Er gehört auch zu den 26 von Bundesregierung und Bundestag vorgeschlagenen Mitgliedern des Deutschen Ethikrats und ist begehrter Gesprächspartner der Medien. Aktuell zu der vom Ethikrat geforderten Legalisierung des Geschwisterinzests – ein Beschluss gegen den Schockenhoff selbst in dem Gremium gestimmt hat – aber auch schon früher zu Themen wie Abtreibung, Embryonenforschung und Klonen, zu aktuellen Fragen der Kirchenpolitik oder, wie während der WM, zur moraltheologischen Bewertung von Schwalben im Fußball.

Schockenhoff will wirken, über die Uni hinaus. Die Moraltheologie habe einen "Öffentlichkeitsauftrag", sagt er. Zum Beruf Wissenschaftler gehört seiner Meinung nach heute nicht nur das Forschen und Lehren, sondern auch die "Bereitschaft, an öffentlichen Diskussionen teilzunehmen." In seinem Fall zum Beispiel an der auch in Deutschland intensiv geführten Debatte über die Bewertung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Dabei geht es um die genetische Untersuchung eines außerhalb des Mutterleibs erzeugten menschlichen Embryos, um festzustellen, ob er gesund ist und in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt werden soll – oder nicht.

Die öffentliche Aufgabe seiner Arbeit sieht Schockenhoff darin, nicht bloß zu einem Urteil zu gelangen. Sondern auch darin, alle wichtigen Aspekte und ethischen Prinzipien innerhalb der Diskussion zu ordnen und abzuwägen. Er habe "den Anspruch, keine Antworten zu geben, die den Komplexitätsgrad der öffentlichen Debatte unterschreiten, denn die helfen nicht."

Die moraltheologische Beschäftigung mit einem Thema unterteilt Schockenhoff in drei Schritte. Am Anfang steht die Frage: Worum geht es genau, zum Beispiel bei der PID? Wer wendet sie warum an? Welche Akteure gibt es, von Ärzten und Patienten bis zu Juristen und Forschern? Sein Ziel sei es zunächst, die Eigenlogik eines Bereichs zu verstehen, sagt Schockenhoff. "Daraus folgt aber noch keine Aussage darüber, was wünschenswert wäre."

Die ergibt sich für ihn erst durch die "Integration in ein anthropologisches Menschenbild". So beschreibt er den zweiten Schritt, in dem er sich mit philosophischen Aussagen über das Wesen des Menschen befasst. Hier kommt auch die christliche Perspektive ins Spiel. Schockenhoff spricht wenig von Religion und führt keine bloßen Glaubensgrundsätze ins Feld. Sie fließen aber mit ein in sein Menschenbild, das letztlich der Ableitung ethischer Normen zugrunde liegt. Das äußert sich etwa in seiner Überzeugung, dass jeder Mensch auch Träger der Menschenwürde ist– allein, weil er ein Mensch ist. Und zwar schon von der Befruchtung an.

Auf dieser Grundlage formuliert Schockenhoff schließlich normative Ansprüche: Er spricht sich etwa für ein Verbot der PID aus. "Dabei geht es nicht um das Verbot als solches, sondern um die Schutzfunktion für menschliche Grundgüter", sagt er: den Schutz der Freiheit, der Wahrheit und vor allem des Lebens.

Systematik ist Schockenhoff wichtig, im Gespräch ordnet er seine Antworten oft in einzelne Unterpunkte. Das tut er auch, wenn er beschreibt, wie genau er zu seinen ethischen Urteilen gelangt: Zunächst betrachtet er das Ziel einer Handlung, dort liege in der Regel noch kein Problem. Eltern zum Beispiel mit Hilfe der PID den Wunsch nach einem gesunden Kind zu erfüllen, sei ethisch ein "hochrangiges Ziel".

Problematisch wird es aber in Schockenhoffs Augen oft bei der Wahl der Mittel: "Wenn das hochrangige Ziel nur erreicht werden kann, indem man menschliche Embryonen in dem Wissen herstellt, dass sie dann getestet und möglicherweise verworfen werden, dann ist das ein Verstoß gegen die Selbstzwecklichkeit des Menschen." Das führt Schockenhoff zu dem Ergebnis, dass das an sich wünschenswerte Ziel auf diesem Weg nicht angestrebt werden darf. Darin bestärkt sieht er sich noch durch einen dritten Punkt, nämlich die Verantwortung für die Folgen: Lasse man eine Technik wie die PID in einigen Fällen zu, dann drohe sie, sich auch auf noch problematischere Fälle auszuweiten.

Wenn Schockenhoff spricht, klingt ein leichtes Schwäbisch aus seinen Worten heraus. Geboren ist er in Stuttgart, aufgewachsen in Ludwigsburg. Geprägt hat ihn die kirchliche Jugendarbeit, er studierte katholische Theologie in Tübingen und Rom, unter anderem bei dem Moraltheologen Klaus Demmer. Am Anfang seines Studiums habe das Ziel gestanden, Priester zu werden, sagt Schockenhoff, 1978 erhielt er die Weihe. "Aber bald habe ich gemerkt, dass mich die Theologie auch als intellektuelle Herausforderung fasziniert." Er promovierte in Tübingen und wurde dort Assistent von Walter Kasper, dem späteren Kurienkardinal.

Zur Beschäftigung mit Medizin- und Bioethik – Schockenhoff selbst spricht auch von Lebensethik – führte ein Anstoß von außen: Kurz nachdem er 1990 seine erste Professur in Regensburg angetreten hatte, erhielt er die Anfrage, "geistlicher Assistent" der katholischen Ärztearbeit in Deutschland zu werden.

Seit 1994 ist er Professor in Freiburg, zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem das Standardwerk "Ethik des Lebens", die Studie "Naturrecht und Menschenwürde" und der Band "Wie gewiss ist das Gewissen?" Seine Position beschreibt Schockenhoff selbst als "rechtebasierte Ethik, die von der Menschenwürde ausgeht". Das Recht auf Leben ist für ihn die nicht verhandelbare Grundlage, "das Recht, überhaupt Rechte zu haben". Das führt ihn nicht nur bei der PID zu einer strikten Haltung. Abtreibungen etwa sieht er "aus ethischer Position als schweres Unrecht, weil sie das noch ungelebte Leben des Embryos zerstören." Gleichzeitig kritisiert er aber auch die "schwerwiegende Verantwortungslosigkeit" vieler Männer, die Frauen mit der Entscheidung allein ließen.

Auch wenn Schockenhoff in der Abtreibungsfrage damit auf Linie seiner Kirche liegt, ist das nicht immer so: Vor allem in den vergangenen Jahren äußerte sich der Priester und Professor oft kritisch zu römischen Positionen: So unterschrieb er das Memorandum "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch", das unter anderem eine stärkere Beteiligung von Gläubigen, ein Ende des Pflichtzölibats und weibliche Geistliche forderte. Er kritisierte die kirchliche Haltung zur Homosexualität und setzt sich für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion ein. Die Gläubigen hätten das Recht, dass ihre Zweifel und Schwierigkeiten ernst genommen werden, sagt er: "Wer darauf verweist, ist kein Querulant, sondern übt einen notwendigen Dienst für die Kirche aus."

2001 wurde Schockenhoff in den Nationalen Ethikrat berufen. Als dessen Mitglied bekomme er Einladungen, sich zu ethischen Fragen zu äußern, "die ich allein als Theologe nicht erhalten würde." Seit 2008 heißt das Gremium Deutscher Ethikrat, vier Jahre lang amtierte Schockenhoff als stellvertretender Vorsitzender. Zuletzt befasste sich der Rat mit Biosicherheit und Forschungsfreiheit, Organspende und Intersexualität. Nicht immer sei ein Konsens möglich, aber immer, sagt Schockenhoff, bemühten sich die Mitglieder zu begründen, "welche Folgen aus welchen Prinzipien abgeleitet werden".

Universität, Kirche, Gesellschaft: In diesem Dreieck arbeitet und bewegt sich Schockenhoff. Neben aktuellen Anfragen versuche er, sich Zeit für die eigene Forschung freizuhalten. Einen Schwerpunkt will er hier im Bereich der Friedensethik setzen. Die Frage, ob und wie militärische Gewalt ethisch gerechtfertigt werden kann, ist schließlich hochaktuell, nicht erst seit Bundespräsident Gauck eine Debatte darüber anstieß. Schockenhoff wird sich weiter zu Wort melden.