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04. Juli 2008

Eine Theorie, von der die Hochschule nichts hören will

Der umstrittene Furtwanger Professor Konstantin Meyl darf in seinen Vorlesungen nichts über "Neutrino Power" berichten

FURTWANGEN. Gut 100 Jahre ist es her, da scheiterte der Erfinder und Elektro-Pionier Nikola Tesla mit dem Versuch, Strom ohne Draht und Kabel zu übertragen. Während sein Kollege Heinrich Hertz die elektromagnetischen Querwellen entdeckte, konnte der gebürtige Kroate Tesla nicht nachweisen, dass sich die Energie auch in Längswellen ausbreitet. Würde sie das tun, könnte man von einem Sender aus einen Empfänger mit Strom speisen, ohne eine Batterie aufzuladen. Hätte Tesla Erfolg gehabt, es wäre eine physikalische Revolution gewesen.

Die will Konstantin Meyl jetzt nachholen. Der Professor lehrt an der Fachhochschule Furtwangen Antriebstechnik und Leistungselektronik. Er erregt seit einigen Jahren den Unmut wissenschaftlicher Kollegen mit der Behauptung, die drahtlose Energieübertragung funktioniere mittels Neutrinos, kleinen Teilchen aus dem Weltraum. Die würden sich in so genannten Skalarwellen fortbewegen und hätten die interessante Nebenwirkung, dass mehr Energie beim Empfänger ankommt, als der Sender abgebe.

"Ich habe die Maxwellsche Theorie erweitert und kann damit beweisen, dass Teslas Versuche funktionieren", sagt Meyl. Er habe seine Berechnungen der Neutrino-Power aus allgemein anerkannten Lehrbuchgleichungen hergeleitet – fehlerfrei. Er betont das deshalb, weil genau hier einer seiner schärfsten Kritiker einhakt. Der Darmstädter Professor Gerhard Bruhn hat Meyl bereits vor Jahren vorzuführen versucht, dass dessen Theorie auf Rechenfehlern basiert. "Das ist falsch", sagt Meyl. Im Gegenzug wirft er Bruhn vor, Fehler nachträglich eingebaut zu haben.

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Auch die Teilchenphysik kennt Neutrinos: als Elementarteilchen, die in der Sonne entstehen und trillionenfach durch Materie rasen, als sei sie nicht vorhanden. Sie haben eine verschwindend geringe Masse und sind nicht elektrisch geladen – was sie schwer nachweisbar macht. Die Apparatur, die Meyl zum Beweis seiner Skalarwellentheorie vertreibt, kostet 800 Euro und funktioniert nur, wenn ein sogenanntes Erdungskabel Sender und Empfänger verbindet.

Der Laie fragt sich da natürlich, warum es sich dennoch um drahtlose Übertragung von Energie handeln soll. Meyl kann es auch anders: Auf der Südwestmesse in Villingen-Schwenningen, wo Meyl kürzlich ohne das Einverständnis der FH Furtwangen seine Forschungen präsentierte, behalf er sich mit einer Wanne voll Wasser, in die er ein gläsernes Boot setzte, das scheinbar von Neutrino-Power angetrieben wurde. Kritiker Bruhn sagt: Das ist ein Trick, er nutzt Salzwasser. Kurze Erinnerung an den Chemieunterricht: je salziger das Wasser, um so besser leitet es. Meyl sagt: Da ist kein Salz drin.

Streit unter Wissenschaftlern ist das eine, Vorlesungseinschränkungen, wie sie die Furtwanger Hochschule gegen ihren Professor Meyl ausgesprochen hat, das andere. Die im Grundgesetz festgeschriebene Freiheit von Forschung und Lehre wolle man auch nicht antasten, versichert Gerd Kusserow, Kanzler der Hochschule Furtwangen. Dennoch habe man sich dafür entschieden, dass Konstantin Meyl keine Vorlesung zur Neutrino-Power halten dürfe: "Wir haben eine gewisse Pflicht, unsere Studenten zu schützen, das sind ja Laien." Man wolle nur das an die Studierenden weitergeben, was wissenschaftlich belastbar, sprich: von Fachkollegen überprüft und anerkannt ist. "Es könnte sich durchaus herausstellen, dass Meyls Forschungen revolutionär sind", sagt Kusserow, "auch wenn ich das für sehr unwahrscheinlich halte."

Meyl verweist auf Beachtung seiner Forschung in der internationalen Fachwelt, die sich in der Teilnahme von Kongressen ausdrückt – an durchaus herausgehobener Stelle. "Daran sehen Sie, dass meine Theorie Anerkennung erfährt", sagt Meyl. Weltweit hätten Universitäten sein Demo-Set bestellt. "Wer die Versuche durchgeführt hat, wird die neuen Erkenntnisse bestätigt gefunden haben."

Wer sich im Internet auf die Spuren von Konstantin Meyl begibt, geht schnell verloren. Neben seiner eigenen Homepage und einem Eintrag bei Wikipedia, in dem auf Werke und Ergebnisse der Kritiker Meyls verwiesen wird, finden sich unzählige Debatten. Für die Forschungsgemeinschaft Funk etwa hat Thomas Eibert sich mit den Theorien von Meyl auseinandergesetzt. In einem Aufsatz kommt der Diplomingenieur bereits 2004 zu dem Schluss, "dass diese zahlreiche Widersprüche aufweisen, sobald sie das Fundament der klassischen physikalischen Theorien verlassen". Drastischer drückt sich der Naturwissenschaftler Klaus Keck aus, der die Internetseite xy44.de betreibt, die sich mit Pseudowissenschaften an deutschen Hochschulen und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auseinandersetzt: "Es ist nicht übertrieben, Meyls Seminare, Vorlesungen etc. als Verdummungs-Veranstaltungen zu bezeichnen."

Meyl spricht von Mobbing
Dass ihm eine Vorlesung verboten worden ist, empört Meyl. Zudem er darin nicht ausschließlich über Neutrino-Power, sondern über klassische Energieübertragungstechniken spreche. "Die habe ich auch schon zwei Semester lang gehalten, da war sie amtlich genehmigt." Dass er plötzlich genau die nicht mehr unterrichten dürfte, sei nicht nachvollziehbar, sondern sehe nach Mobbing aus.

Von einem Vorlesungsverbot aber will Sabine Mahling, Dekanin an Meyls Fakultät Computer and Electrical Engineering, nichts hören. Lediglich Sachzwänge hätten dazu geführt, dass Meyls Vorlesung wegfalle. Erst auf Nachfrage räumt die Dekanin auch ein: "Meyls Theorie passt nicht in unsere Schwerpunkte." Er könne das gern außerhalb der Hochschule unterrichten. Auf dem Campus jedoch sei man auf Qualitätssicherung bedacht. Meyl ficht die hausinterne Kritik nicht an. Schade sei es, sicher, aber nicht von Belang fürs internationale Renommee: "Das muss man aushalten als Wissenschaftler."

Autor: Claudia Füßler