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29. März 2014

Der Gedanken-Streuner

Freiburger Philosoph Günter Figal erforscht Bedeutung des Nichtstuns

BZ-SERIE HELLE KÖPFE (9): Der Philosoph Günter Figal erforscht, warum der Mensch auch Muße braucht.

  1. Auch Raum und Räumlichkeiten formen unser Denken, meint der Philosoph Günter Figal. Foto: Thomas Kunz

  2. Macht das Tun erst möglich: das Nichtstun. Hans Thoma malte die „Frau mit Kind in der Hängematte“ 1876. Foto: Städel Museum/ARTOTHEK

infallsreiche und kluge Wissenschaftler sind die Grundlage für den Erfolg einer Universität und einer Region. Wir stellen Ihnen in dieser Serie Menschen vor, die den Forschungsstandort Südbaden starkmachen: Helle Köpfe, die in der globalen Wissenschaftswelt eine Rolle spielen, die Herausragendes leisten oder faszinierende Fragen lösen. Heute: der Philosoph Günter Figal.

EGünter Figal sieht weder aus wie ein Tagträumer noch wie ein Revoluzzer: die hellgrauen Haare sauber zurückgekämmt, das Einstecktuch locker ins Tweed-Jackett gesteckt und die runde Nickelbrille auf der Nase zurechtgerückt. So sitzt er in seinem Büro, umgeben von Büchern. Und trotzdem erleiden Eltern, Lehrer und Vorgesetzte bei Figals Thesen Schweißausbrüche. Denn Figal setzt sich ein für etwas, das in unserer Gesellschaft verpönt, bisweilen gar geächtet ist: für das Nichtstun und ziellose Handeln. Besuch bei einem, der es ernst meint.

Natürlich tut Günter Figal nicht einfach nichts. Der 64-Jährige befasst sich mit dem Nichtstun so intensiv, wie vermutlich kaum ein anderer. Denn Figal ist Professor für Philosophie an der Universität Freiburg und stellvertretender Leiter des Sonderforschungsbereichs "Muße. Konzepte, Räume, Figuren". "Seit Aristoteles sind wir es gewohnt, menschliches Leben in erster Linie vom Handeln her zu verstehen. Das Tun gilt als Grundbestimmung menschlichen Lebens, und zwar – in der Moderne – das zeitlich getaktete Tun: Termine, Kalender, Fristen", sagt Figal.

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Seit über 2000 Jahren beurteilen wir also uns selbst und andere Menschen daran, dass sie etwas tun. Figal aber möchte einen Blick hinter diese Denkweise werfen: "Der Mensch ist ein handelndes Wesen. Mich interessiert aber schon lange, ob Handlungen nicht bestimmte Voraussetzungen haben, die in der Untätigkeit liegen. Also ob man nicht erst einmal nichts tun muss, um dann etwas tun zu können." Anders formuliert: Nur wer nichts tut, kann sich zu einer Handlung entschließen.

Es macht Figal Freude, die Dinge bis auf ihren Grund zu durchdenken. Schon in der Schule vertiefte er sich in das Werk des wohl schwierigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts: Martin Heideggers "Sein und Zeit" hatte es ihm angetan. Noch heute ist Heidegger für seine komplexen Gedankengänge, Wortneuschöpfungen und die Umdeutung bestehender Begriffe selbst unter Philosophen gefürchtet. "Offenbar hat es mir gefallen", entgegnet Figal trocken auf die Frage, weshalb er sich damit beschäftigt habe.

Dass sich jemand heutzutage daran macht, die Untätigkeit zu erforschen, wirkt anfangs etwas befremdlich. Gleichzeitig aber stellt es einen Gegenentwurf dar zu einer Lebensweise, die immer mehr Menschen überfordert. "Wir befinden uns in einer Phase der Moderne, die weniger durch ein forciertes Fortschrittsdenken, utopisches Denken und Zukunftsorientierung charakterisiert ist, sondern durch ein Schon- und Erhaltungsdenken", so Figal.

Während also seit Ende des 19. Jahrhunderts das Credo "schneller, weiter, höher" galt, hat nun ein Umdenken eingesetzt. "Wir sind uns darüber klar geworden", so der Philosoph "dass wir endliche Ressourcen haben und damit möglichst intelligent und vorsichtig umgehen müssen." Was für den Umweltschutz schon selbstverständlich ist, so Figals These, beginnen wir langsam auf unser eigenes Leben und unsere persönliche Zeit zu übertragen.

Doch das Nichtstun ist für den Freiburger Philosophen erst der Anfang. Denn laut Figal kann aus dem Nichtstun etwas sehr Interessantes entstehen: Muße. "Muße kann man als Zustand verstehen, in dem wir nichts tun müssen, also auch nicht unter Zeitdruck sind. Und weil wir nichts tun müssen, können wir etwas tun", erklärt er.

Muße beschreibt also einen Zustand, in dem Menschen sich wirklich auf etwas einlassen können. Dabei ist es egal, ob es die Gartenarbeit ist, ein interessantes Buch oder eine kreative Tätigkeit. Wichtig ist, dass niemand ein Ergebnis erwartet. Diese Ziel- und Ergebnislosigkeit erlaubt es, ohne Druck und Erwartung Neues auszuprobieren.

Doch wie leicht ist es tatsächlich, sich frei zu machen von dem Gerüst aus Terminen, Verpflichtungen und Zielen? "Wenn die zeitliche Durchstrukturierung des Lebens aufhört, die für die Moderne wesentlich ist, kann das auch zu Ratlosigkeit führen. Freiheit ist nicht nur etwas Schönes. Man muss Muße auch einüben", sagt der Philosoph.

Wie Muße entsteht, welche Voraussetzungen sie benötigt und welche Einflüsse sie auf unsere Gesundheit haben kann, erforscht Figal gemeinsam mit 24 Wissenschaftlern der Universität Freiburg in dem 2013 gegründeten Forschungsverbund, der mit 5,8 Millionen Euro finanziert wird. Beteiligt sind unter anderem Psychosomatiker, Soziologen und Theologen. Der Projektteil des Philosophen lautet "Muße als räumliche Freiheit".

Denn Muße, so die Theorie Figals, kann sich nur in einer bestimmten räumlichen Umgebung entfalten. Er erläutert seine Idee an einem Beispiel: "Eine Bibliothek ist ein Raum, der Angebote macht – in Form von Büchern. Die Bibliothek schreibt Ihnen nicht vor, welches Buch Sie zuerst lesen sollen, sondern hat die Fülle an Möglichkeiten, die nebeneinanderstehen, die zugleich da sind." Das Gegenteil wäre demnach ein Fließband, auf dem ein Buch nach dem anderen transportiert wird.

Die zeitliche Reihenfolge schreibt dem Leser vor, wann er welches Buch nutzen kann. Der Bibliotheksraum dagegen bietet viele Bücher gleichzeitig und der Leser entscheidet, zu welchem Buch er greifen möchte. Dieses "Zugleich an Möglichkeiten" nennt Figal "räumlich" und meint das sowohl Philosophie-theoretisch als auch ganz real: "Wir können nicht trennen zwischen einem realen Raum und einem Raum, der Möglichkeiten bietet. Denn Möglichkeiten müssen immer in der Verbindung mit Dingen angeboten werden", sagt Figal. Damit der Besucher die Möglichkeit hat, das eine oder andere Buch zu lesen, muss es eben auch ganz real vorhanden sein.

Damit, so ist sich Figal sicher, kann auch die Art, wie Gebäude konstruiert und strukturiert sind, Einfluss auf unser Denken nehmen. Figal spricht von "Räumen, die führen und solchen, die freilassen. Ein führender Raum ist zum Beispiel ein Behördenflur", aber auch einer der engen Flure des Kollegiengebäudes 1, in dem auch sein Büro liegt. Eine solche Umgebung schränkt freies Denken ein. Anders wirkt sich hingegen ein Gebäude wie die Foundation Beyeler bei Basel aus: das Museum bietet offene Räume, keine vorgegebenen Routen, den Blick nach draußen und trotzdem Ruhe im Inneren. "Eine Stunde in diesem Gebäude, und ich fühle mich frisch wie nach einer Wanderung", schwärmt Figal.

Seine Leidenschaft für die Verbindung von Denken und Architektur begann schon früh: "Ich habe mit 14, 15 Jahren die Welt der Texte und der Bilder als die eigentliche Abenteuerwelt für mich entdeckt. Museen mit moderner Malerei waren meine Abenteuerspielplätze", erinnert er sich. Vielleicht hat sich damals schon die Besonderheit der Räume auf Figals Denken ausgewirkt.

Dass er nach dem Abitur "ein bisschen Abstand von zuhause" wollte, scheint für einen Freidenker wie ihn nur logisch. Kurzerhand entschied er sich für Heidelberg. Schon im zweiten Semester hatte der junge Student die Gelegenheit, den Philosophen live zu erleben, dessen Werk er schon als Jugendlicher verschlungen hatte. Martin Heidegger hielt einen Vortrag und Figal ging selbstverständlich hin.

Es sollte das einzige Mal bleiben, dass er den Mann persönlich sah, in dessen Fußstapfen er später treten würde. "Es war die Art, wie er sprach: völlig unrhetorisch, sehr bedächtig. Aber so, dass man den Eindruck hatte: jeder Satz – ein Gedanke. Und selbst wenn man es nicht verstanden hat, man verstand, dass da etwas ist", beschreibt Figal Heidegger.

Im Jahr 2002 erhielt Figal den Ruf an die Uni Freiburg, an den Lehrstuhl, an dem bereits Heidegger von 1928-1945 gelehrt hatte, "eine schöne Herausforderung" so Figal. Heute leitet der gebürtige Hesse auch die Martin-Heidegger-Gesellschaft und hat mehrere Bücher zu dessen Werk herausgebracht. In seinem Büro steht ein Foto von dem wegen seiner Aktivitäten im Nationalsozialismus auch umstrittenen Philosophen. Wie geht er mit dieser zwiespältigen Figur und Rolle Heideggers um, der von 1933-34 sogar Rektor der Universität war? Einerseits, erklärt Figal bedächtig, sei Heidegger ein Philosoph, von dem man immer noch viel lernen könne. Andererseits sagt er deutlich: "Man kann nicht leugnen, dass einer der größten Denker in der Phase von 1933-45 deutlich nationalsozialistisch geprägt war und das muss man aushalten. Ich muss ja Heidegger nicht verteidigen und ich will ihn auch gar nicht verteidigen."

Trotz allem bleibt der bekannte Philosoph eine zentrale Inspiration für Figal. Im Büroregal steht jedes seiner Bücher. Die Schätze sind in einer Glasvitrine verschlossen. Aus dem Regal zieht er eine Originalausgabe des Werks "Sein und Zeit", inklusive Widmung von Heidegger selbst. Auch hier scheint der große Denker durch die Gegenwart in seine Schranken verwiesen. Mit Bleistift wurde direkt neben der handschriftlichen Widmung die Signatur der Bibliothek gekritzelt. "Brutal", findet Figal und stellt das Buch vorsichtig zurück. Nach dem Gespräch packt auch der Philosoph seine Sachen zusammen. Sein Arbeitstag an der Uni ist heute schon mittags zu Ende. Denn freitags arbeitet er immer von zuhause aus. Dort hat er mehr Muße.

Autor: Johannes Faber