Halb Mensch, halb Maschine

Anna Manceron

Von Anna Manceron

Sa, 24. September 2016

Bildung & Wissen

Werden wir bald alle zu Cyborgs? Die Technik dazu gibt es bereits. Und die Idee ist nicht nur medizinisch interessant /.

Die meisten Versuche, den menschlichen Körper durch Technik zu verändern, haben heute noch einen medizinischen Grund. Sie dienen dazu, kranken Menschen ein normales Leben zu ermöglichen. Mit Hilfsmitteln wie Prothesen, künstlichen Herzen und Hirnschrittmachern sollen körperliche Mängel ausgeglichen werden. Manche Ärzte wollen die Technologie aber auch nutzen, um den gesunden Menschen zu optimieren. Wie realistisch sind solche Forderungen? Und bringen sie uns mehr Nutzen oder Schaden?

Der Wunsch, die eigenen Fähigkeiten mithilfe der Technik zu erweitern, gründet auf der Idee des Cyborgs. Der Cyborg ist ein Mischwesen: halb Mensch, halb Maschine. Der Begriff stammt aus dem Englischen und steht für "cybernetic organism", kybernetischer Organismus. Als Wissenschaft befasst sich die Kybernetik mit der Steuerung und Regelung von biologischen, technischen und anderen Systemen. Bereits heute arbeiten viele Menschen daran, ihre Fähigkeiten mit Medikamenten und technischen Mitteln zu erweitern. Das Ziel des sogenannten Human Enhancement: Der gesunde Körper soll erweitert und perfektioniert werden. Beim Neuro-Enhancement (auch "Hirn-Doping" genannt) nehmen gesunde Menschen Anti-Depressiva und aufputschende Psychopharmaka wie Ritalin ein, um länger konzentriert zu bleiben und ihr Gedächtnis zu verbessern. Hinter all diesen Maßnahmen steht kein therapeutischer Zweck, sondern allein der Wunsch nach Selbstoptimierung. Gesünder, stärker, schöner soll er sein, der Mensch der Zukunft.

Es gibt allerdings Menschen, die noch viel mehr wollen als einen gesünderen, stärkeren und schöneren Körper. In den USA ist in den letzten Jahrzehnten eine Denkbewegung entstanden, die sich Transhumanismus nennt. Prominenter Vertreter dieser Bewegung ist der Autor, Erfinder und Google-Chefentwickler Ray Kurzweil. Er prophezeit, dass wir das menschliche Gehirn im Jahr 2045 komplett erforscht haben und Computer entwickeln werden, die uns in punkto Intelligenz in nichts nachstehen. Die Transhumanisten glauben, dass die Menschheit kurz vor einem radikalen evolutionären Umbruch steht: Schon bald würden wir mithilfe der Technik unsere biologischen Grenzen überwinden und dadurch Unsterblichkeit erlangen.

In 30 Jahren werden Mensch und Maschine einander so ähnlich sein, dass man den kompletten Inhalt eines Gehirns – einen Menschen mit all seinen Gedanken und Gefühlen – auf einen Computer übertragen kann, davon ist Ray Kurzweil überzeugt. Endlich wären wir nicht mehr auf unseren mangelhaften, anfälligen und vergänglichen Körper angewiesen, sondern könnten unser gesamtes Wissen und unsere Erinnerungen als digitales Back-up auf einem externen Datenträger speichern und beliebig oft auf andere Körper überspielen, glaubt Kurzweil.

Unsere Identität auf einer Festplatte, völlig losgelöst vom biologischen Körper – ist das der Schlüssel zum ewigen Leben? Wenn es nach Ray Kurzweil ginge, dann ja. Er nennt diesen Zustand Singularität. Für die Transhumanisten ist sie der natürliche Lauf der Evolution, dem sich niemand entziehen kann.

Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist ein alter Menschheitstraum, den die Transhumanisten an den Zeitgeist unserer Leistungsgesellschaft anpassen und auf die Spitze treiben. Aber wie realistisch sind diese Pläne? Was davon wäre biologisch und technisch möglich?

In der Medizin versuchen Ärzte und Forscher seit einigen Jahren mithilfe von sogenannten Gehirn-Computer-Schnittstellen Informationen direkt vom Gehirn auf Maschinen zu übertragen. Wie das geht, wird am Beispiel von motorischen Neuroprothesen deutlich, die im Gegensatz zu herkömmlichen Prothesen allein mit der Kraft der Gedanken gesteuert werden. Sie sollen vor allem querschnittsgelähmten Patienten zu Mobilität und Autonomie verhelfen. Und so funktioniert die Neuroprothese: Unter der Kopfhaut des Patienten werden Elektroden implantiert,     die die elektrischen Signale der Nervenzellen abfangen und an die Prothese, zum Beispiel einen Roboterarm, weiterleiten. Indem er sich die gewünschte Bewegung vorstellt, kann der Patient den Roboterarm selbständig steuern.

Ad Aertsen ist Neurobiologe und Leiter des Bernstein-Center an der Universität Freiburg. Dort versucht er zu verstehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Trotz der neuesten Entwicklungen im Bereich der Neuroprothetik hält der Hirnforscher Kurzweils Prophezeiung, dass wir in nur 30 Jahren künstliche, maschinelle Gehirne herstellen könnten, für absolut unrealistisch. "Unser Gehirn ist das komplexeste System, das es zu verstehen gibt", sagt er. Bisher kratze man da nur an der Oberfläche. Auf Einzelzellebene sei schon viel erforscht, aber was das Funktionieren von Zellverbänden und ganzen Hirnarealen angeht, stehen die Froscher noch ganz am Anfang. "Da gibt es noch so viel zu verstehen, was auch in 50 oder 100 Jahren nicht erreicht sein wird."

Viel interessanter seien hingegen die philosophischen und juristischen Fragen, die die neuen Erfindungen der Neurotechnologie aufwerfen. Zum Beispiel die Frage, wer schuld ist, wenn ein Patient einen anderen Menschen mit einer Roboterprothese verletzt oder tötet. Der Prothesenträger, der Erbauer des Roboterarms oder aber der Erfinder des Algorithmus, mit dem man versucht, die Signale aus dem Gehirn zu entschlüsseln?

Auch unter denjenigen, die sich als Cyborgs sehen, teilen längst nicht alle die Visionen und Ziele der Transhumanisten. So auch Stefan Greiner, Gründungsmitglied des Vereins "Cyborgs" in Berlin. Für ihn steht bei der Erweiterung seiner Fähigkeiten kein Optimierungsgedanke im Vordergrund, sondern die Idee einer kreativeren und vielfältigeren Gesellschaft: "Mir geht es darum, neue Sichtweisen auf mich und meine Umwelt zu entwickeln und diese Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen", sagt der Geschäftsführer des Startups, das eine digitale Migränetherapie entwickelt. Um seine Sinne zu erweitern, hat er ein Jahr lang ein etwa reiskorngroßes Magnetimplantat im linken Ringfinger getragen, mit dem er Magnetfelder spüren konnte. Für Greiner sind wir von Natur aus Cyborgs, weil wir uns zur Eroberung unserer Umwelt schon immer verschiedener Techniken bedient haben. Eine neue Qualität des Menschen von heute sei aber die Möglichkeit, sich mithilfe der Technik von innen heraus verändern zu können, wie etwa durch das Verändern der DNA. Von transhumanistischen Visionen à la Ray Kurzweil hält Stefan Greiner wenig. Der Google-Pionier versuche die Funktionsweise technischer Systeme eins zu eins auf den Menschen zu übertragen und vernachlässige dabei die Komplexität der Biologie. Greiner selbst gehe es nicht darum, den biologischen Körper zu verlassen, sondern ein neues Menschenbild und neue Werte für unseren Umgang mit Technologie zu definieren. Dabei sei wichtig, dass die Technologie nicht nur von wenigen großen Konzernen bereitgestellt werde, sondern transparent und für jeden zugänglich gestaltet sei.

Die Debatte um Cyborgs und Human Enhancement wirft somit nicht nur technische und medizinische, sondern auch gesellschaftliche und ethische Fragen auf: Machen uns die technischen Veränderungen unseres Körpers wirklich zu glücklicheren Menschen? Und welche Motivationen und Ängste stecken vielleicht auch hinter dem Wunsch, die Natur zu besiegen?

Der Medizinethiker Joachim Boldt von der Universität Freiburg forscht zu den ethischen Fragen zu Human Enhancement und Cyborgisierung. Bei vielen Cyborg-Visionen gehe es darum, als Individuum stärker und unabhängiger zu sein, sagt er. "In Freundschaftsverhältnissen zu sein, jemand anderen zu lieben – all das sind Abhängigkeiten, gegen die sich der Cyborg wehrt. Letztendlich sind für uns aber nicht die Momente am wichtigsten, in denen wir stark und allein dastehen, sondern die, in denen wir in Gemeinschaft sind."

Hinter dem Wunsch der Transhumanisten, ihre biologischen Grenzen zu überwinden, sieht der Medizinethiker eine fast religiöse Erlösungshoffnung. "Man möchte das Jammertal der Erde, dieses imperfekte, anstrengende, dreckige Leben hinter sich lassen. Und unangreifbar werden. Die Technik, die sich die Transhumanisten vorstellen, das sind Drogen, die uns erfüllen oder erlösen sollen."

Wie würde unsere Gesellschaft wohl aussehen, wenn wir 400, 500 Jahre oder gar ewig leben könnten? Seine eigenen Grenzen überwinden, was macht das mit dem Menschen? "Die positive Seite wäre, dass man nicht mehr auf einen Lebensweg festgelegt wäre. Man könnte verschiedene Interessen verfolgen und mehrere Berufswege einschlagen", sagt Joachim Boldt. Auf der anderen Seite sei es gerade das Wissen über die eigene Sterblichkeit, das unserem Handeln Gewicht verleihe. "Wenn man jahrhundertelang lebt oder unsterblich ist, hat man das Gefühl, alles schon tausendmal gesehen und erlebt zu haben. Was sind uns dann noch Beziehungen wert? Die ersten Enkelkinder mögen wichtig sein, aber die achtzigsten? Das sei einem doch irgendwann völlig egal.

In Bezug auf die Gesellschaft wäre außerdem zu klären, wie gerecht eine Cyborg-Gesellschaft sein kann. Wie ließe sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft verhindern, in der diejenigen dominieren, die es sich finanziell leisten können, ihren Körper technisch aufzurüsten und ihr Erbgut zu perfektionieren?

Auf die Frage "Wie viel Technik muss im Menschen drin sein, damit er ein Cyborg ist?" gibt es keine eindeutige Antwort. Nicht immer lässt sich klar unterscheiden zwischen medizinisch-therapeutischem Nutzen und Optimierungswillen. Fest steht jedoch, dass mit den aufkommenden Technologien neue Werte, Normen und Gesetze geschaffen werden müssen, die die Verschmelzung von Mensch und Technik regeln. Egal, wie weit sie letztendlich gehen wird.