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18. Januar 2010 00:08 Uhr
Psychologie
Kulleraugen & Co.: Der "Oh, wie süß"-Reflex
Kulleraugen machen knuffig und laden zum Liebhaben ein. Wir lieben alles, was große, runde Kulleraugen hat: Babys, Hundewelpen, Teddybären. Oder eben Autos. Doch warum nur?
Als 2007 der neue Twingo auf den Markt kam, war die Enttäuschung groß – trotz aller technischen Verbesserungen. "Kein Wiedererkennungswert mehr" und "sieht jetzt aus, wie jeder andere Kleinwagen", klagten Liebhaber des alten Modells in Internet-Foren und trauerten ihrem Lieblingsauto in "Nachrufen" hinterher. Vor allem eine Frage tauchte immer wieder auf: "Wo sind nur die Kulleraugen hin?"
Kulleraugen machen knuffig und laden zum Liebhaben ein. Wir lieben alles, was große, runde Kulleraugen hat: Babys, Hundewelpen, Teddybären. Oder eben Autos. Doch warum nur?
Die Antwort auf diese Frage fand der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz. 1943 verglich er Tierbabys verschiedener Arten. Dabei fand er heraus, dass es bestimmte Merkmale gibt, auf die ausgewachsene Tiere sofort mit einem "Fürsorgeverhalten" reagieren. Fürsorgeverhalten bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass der Mensch bei dem Anblick eines Kinderwagens mit dazugehörigem Kleinkind in Verzückung gerät. Dass er in die Hände klatscht und mit Aussprüchen wie "Oh, wie süß!" seine Begeisterung kundtut. Diese Begeisterung gipfelt in dem Bedürfnis, das kleine, hilflose Wesen auf den Arm zu nehmen und zu liebkosen.
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Aber nicht nur Menschenbabys üben auf ausgewachsene Exemplare der jeweiligen Art eine derartige Macht aus. Alles was runde Formen aufweist, klein, hilflos und tapsig ist, findet der erwachsene Mensch niedlich. Es sind vor allem ein runder Kopf mit ausgeprägter Stirnregion, große, runde Kulleraugen, eine Stupsnase und ein kleines Kinn sowie kurze Extremitäten, die als Schlüsselreize wirken.
Auf diese Reize reagieren die meisten ausgewachsenen Säugetiere mit einem ähnlichen Verhalten – auch der Mensch. Kein Wunder, ob Hunde-, Menschen-, oder Meerschweinchenbaby – alle kokettieren mit diesen Merkmalen der runden Formen und der Kulleraugen um größere Tiere für sich zu gewinnen. Konrad Lorenz bezeichnete das ähnliche Aussehen vieler Tierbabys als "Kindchenschema". Das Kindchenschema ist nichts anderes als ein Trick der Natur, mit dem das ansonsten sehr hilflose Baby seine Eltern fast schon dazu zwingt, für es zu sorgen und so sein Überleben zu sichern. Wer könnte schon dem Blick feuchter Kulleraugen widerstehen? Dass das fast unmöglich ist, liegt daran, dass Kindchenschema-Merkmale im Gehirn das Belohnungszentrum aktivieren. Das heißt, dass unser Gehirn uns für das Verhätscheln von Kleinkindern belohnt. Oder anders ausgedrückt: Der Charme eines Kindes wirkt ähnlich wie eine Droge.
Ein Forscherteam um den Psycholgen Reiner Sprengelmeyer von der schottischen Universität St. Andrews wollte wissen, ob auf Männer und Frauen, Alte und Junge der Kulleraugenblick gleich berauschend wirkt. Dazu legten die Wissenschaftler Probanden Fotos von Babys vor, die von einem Computerprogramm verändert worden waren. "Wir hatten immer die gleichen Babygesichter und haben dann sozusagen in diese Gesichter Niedlichkeit injiziert", erklärt Reiner Sprengelmeyer das Verfahren. "So konnten wir die Gesichter niedlicher und weniger niedlich machen. Die Testpersonen hatten die Aufgabe, bei zwei gleichzeitig vorgelegten Bildern zu beurteilen, welches Baby sie als niedlicher empfanden als das andere."
Mittels einer "Niedlichkeitsskala" die zwischen 25 und 100 Prozent variierte, konnten Forscher dann ermitteln, wie sensibel die Probanden auf das Kindchenschema reagierten.
Junge Frauen im Alter zwischen 19 und 26 Jahren zeigten sich in diesem Test als besonders ansprechbar, aber auch einige ältere Frauen hatten ein recht gutes Gespür für die Niedlichkeit eines Babys – jedoch nur, wenn sie noch nicht in der Menopause waren. Frauen, die die Wechseljahre bereits hinter sich hatten, kamen auf ein ähnlich schlechtes Ergebnis wie die Männer. Beim männlichen Geschlecht hatte das Alter auch keinen Einfluss auf die Urteilsfähigkeit.
Die Wissenschaftler vermuten, dass wahrscheinlich weibliche Hormone die Erklärung für dieses Phänomen sind. "Je höher der Spiegel der weiblichen Sexualhormone Östrogen und Progesteron ist, desto leichter fällt es den Frauen, Niedlichkeit in Kindergesichtern zu erkennen", so Sprengelmeyer.
So passt zu den Ergebnissen der Forschungsgruppe auch, dass Frauen, die die Pille nahmen, im Test sensibler auf die Niedlichkeit von Babys reagierten als Frauen, die das Hormonpräparat nicht nahmen. Die Pille ist im Grunde nichts weiter als eine künstliche Gabe weiblicher Sexualhormone. Diese Hormone produziert sonst vor allem der Körper von Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter.
Dass gerade Frauen in diesen Jahren besonders sensibel auf das Kindchenschema reagieren, erscheint sinnvoll: Wer Kinder bekommt, bei dem muss die Natur auch sicherstellen, dass er sich darum kümmert. Das bedeutet aber nicht, dass Männer nicht für ihren Nachwuchs sorgen wollen. Wenn Väter nicht oder kaum auf das Kindchenschema reagieren, "heißt dies nicht, dass sie kein Interesse an Kindern haben", so der Psychologe. "Es bedeutet lediglich, dass sie auf bestimmte Signale, die im Kindergesicht vorhanden sind, nicht automatisch ansprechen. Die Sorge des Vaters kann unabhängig davon sein, ob ein Baby niedlich aussieht oder nicht."
Vielleicht ist ja gerade die Tatsache, dass es in erster Linie Frauen sind, die auf das Kindchenschema anspringen, der Grund dafür, dass der Twingo als typisches Frauenauto gilt. Oder zumindest galt. Der neue Twingo hat keine Kulleraugen mehr. Dafür mehr PS. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum das jetzige Modell den Männern besser gefällt.
Autor: Charlotte Reinhard
