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07. April 2013 00:00 Uhr

Hygiene

Menschen kommen als Putzmuffel zur Welt – Tiere nicht

Vom Lausen und Filzen: Viele Tiere sind von Natur aus um Sauberkeit bemüht. Menschen lernen es dagegen oft erst mit zunehmendem Alter. Eine Bestandsaufnahme.

  1. Privileg nur für die ranghöchsten Affen: der persönliche Putzpage Foto: Vasiliy Koval (fotolia.com)

  2. Menschen kommen als Putzmuffel zur Welt. Foto: prodente (dpa)

Wenn in einem Bienenstock eine verpuppte Larve in ihrer Brutzelle stirbt, öffnen die Arbeiterbienen die Wabe und werfen den Kadaver hinaus. Nisten sich in den Höhlen von Tüpfelhyänen beim Nachwuchs zu viele Parasiten ein, suchen sich die Jungtiere eine neue Unterkunft. Und Hauskatzen haben scheinbar oft nichts Besseres zu tun, als sich mit Zunge und Pfoten stundenlang zu putzen. "Tiere sind im allgemeinen ziemlich reinlich", sagt die Verhaltensbiologin Bettina Wachter, die am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin arbeitet. "Sauberkeit bietet einen klaren Überlebensvorteil."
Wasservögel zum Beispiel müssen ihr Gefieder mit dem Schnabel regelmäßig durchkämmen und einfetten: Nur so bleiben sie trocken, warm, sauber und flugfähig. Und der Stock von hygienischen Honigbienen, die tote Larven entsorgen, ist weniger anfällig für die Ausbreitung von Bakterien und Milben. Auch für Säugetiere hat es sich im Laufe der Evolution bewährt, ihre Neugeborenen sofort nach der Geburt zu säubern und trocken zu schlecken. "Der starke Geruch der Plazenta und des Fruchtwassers könnte Fressfeinde anlocken", erklärt Bettina Wachter. "Deswegen führen Gnus zum Beispiel ihre Jungen auch von der Plazenta weg." Außerdem ist alles Feuchte eine Brutstätte für Keime – und gefährdet dadurch die Gesundheit der Tiere.

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Vielen Tieren ist offenbar auch angeboren, sich von Parasiten zu reinigen oder sich reinigen zu lassen, da diese gefährliche Krankheiten übertragen können. Tüpfelhyänen etwa legen sich gerne ins Schlammwasser, um Fliegen, Läuse und Zecken fortzuspülen. In tropischen Meeren suchen Fische gezielt bestimmte Orte in Korallenriffen auf, wo Putzerfische oder Putzergarnelen auf sie warten: "Diese Tiere sind die Gesundheitspolizei der Meere", sagt die Zoologin Isabel Koch, verantwortlich für den Bereich Aquarium, Terrarium und Insektarium der Stuttgarter Wilhelma. "Sie befreien die Haut der Fische von Parasiten und pflegen deren Wunden, indem sie Hautfetzen, Schüppchen und abgestorbenes Gewebe abzupfen. Für sie ist das eine willig dargebrachte Nahrungsquelle." Zudem scheint die Anwesenheit solcher Reinigungskräfte eine beruhigende Wirkung zu haben: Fische, die neu in ein Aquarium kämen, gewöhnten sich mit Putzertieren schneller in ihrer Umgebung ein, weiß Isabel Koch.

Der soziale Aspekt der Körperpflege tritt bei einigen Säugetieren und Vögeln besonders deutlich zu Tage. Papageien beispielsweise putzen mit dem Schnabel hingebungsvoll das Gefieder ihres Partners; auch befreundete Pferde beknabbern sich gegenseitig. "Wenn Tiere andere Familienmitglieder putzen, stärkt das den Zusammenhalt", sagt die Biologin Wachter. "Und in Sozialsystemen mit nicht verwandten Tieren versichert man sich dadurch, füreinander etwas zu tun."

So hat zum Beispiel unter Blutbrustpavianen, die im Hochland Äthiopiens leben, das Alpha-Tier das schönste Fell mit langen, wallenden Haaren – gepflegt von rangniedrigeren Affen, die sich als Gegenleistung Schutz versprechen. "Wird ein Haremsführer gestürzt, kann man in kurzer Zeit feststellen, wie seine Mähne zerfällt, verfilzt und verklebt", berichtet Wachter. "Zum einen, weil der Stress des Sturzes zu Haarausfall führt, zum anderen, weil sich niemand mehr um sein Fell kümmert." Weibliche Tiere reagieren auf solche Veränderungen sensibel: Gelten doch Männchen mit einem glänzenden Fell oder einem gleichmäßigen Federschmuck als die potenziell besten Partner.

Beobachtungen haben gezeigt, dass junge Affen das Putzverhalten ihrer Mütter und Geschwister oft nachahmen. Gleichzeitig ist es so wichtig, dass es genetisch programmiert ist: Selbst Jungtiere, die von ihrer Mutter getrennt werden, kennen sich mit Körperpflege aus. Der Mensch aber muss praktisch alles, was mit Hygiene zu tun hat, erlernen – in einem Prozess, der oft bis ins Erwachsenenalter andauert.

Ordnungsliebe wird

nur selten vererbt

"Psychologisch betrachtet zählen hygienisches Verhalten und Sauberkeit zum Persönlichkeitsmerkmal der Gewissenhaftigkeit und der Ordnungsliebe", sagt Gerhard Stemmler, Professor für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Marburg. Diese Ordnungsliebe findet sich bei Menschen in den verschiedensten Ausprägungen. Studien haben gezeigt: Zu rund 20 Prozent sind die Unterschiede in Sachen Ordnungsliebe genetisch bedingt. Ungefähr 60 Prozent gehen auf nicht familiäre Einflüsse zurück wie Freunde, Schule und Sportverein.

"Der Einfluss durch das Familienregime im Kindes- und Jugendalter ist mit etwa fünf Prozent viel geringer", sagt Gerhard Stemmler. Eine Zahl, die viele Eltern aus dem Bauch heraus bestätigen würden: Müssen sie doch ihre Kinder über Jahre hinweg zum Aufräumen, Zähneputzen und Händewaschen auffordern.

Allerdings hat man festgestellt, dass Menschen, die Verantwortung für andere tragen, selbst zunehmend gewissenhafte Züge zeigen: "Junge Eltern können in Sachen Sauberkeit plötzlich ganz konservativ werden", erklärt Gerhard Stemmler. Überhaupt scheint es mit dem Älterwerden einen Trend zu mehr Ordnung und Reinlichkeit zu geben – nicht zuletzt, weil sie selbst erfahren haben, dass es der eigenen Gesundheit gut tut, gewisse Hygieneregeln einzuhalten. In Einrichtungen wie Kliniken sind sie überlebensnotwendig.

Auch wer nach einem Partner sucht, investiert in die Pflege von Körper und Heim oft mehr Sorgfalt als sonst. Zudem spielen kulturelle Gepflogenheiten und zum Teil religiöse Rituale eine große Rolle. "Jede Gesellschaft hat klare Bilder davon, was schön, attraktiv und wünschenswert ist", sagt der Psychologe Gerhard Stemmler. "Das ist nicht in jeder Generation gleich, aber ein gewisser Ordnungssinn kommt doch immer wieder zum Vorschein." Im Tierreich ist der Einsatz für Sauberkeit und Körperpflege dann oft doch recht praktisch geprägt. "Reptilien und Amphibien putzen nicht viel rum, solange sie ausreichend gut riechen, schmecken, hören und sehen können", sagt Isabel Koch. Und da sie ihre Haut immer wieder abstreifen, geht Dreck ohnehin irgendwann weg. Von ganz allein.

Autor: Maren Wernecke