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23. Januar 2016 00:00 Uhr

Bildung & Wissen

Mitte des 20. Jahrhunderts hat ein neues Erdzeitalter begonnen

Geologen setzen sich in der Fachzeitschrift "Science" dafür ein, das Anthropozän auszurufen. Dabei handelt es sich um ein neues Erdzeitalter, das Mitte des 20. Jahrhunderts begonnen hat.

  1. Der Mensch prägt die Erde – optisch, wie das Bild von London zeigt Foto: Kjell Lindgren / Nasa

  2. aber auch durch die Materialien, die er freisetzt – etwa Ruß. Foto: AFP

  3. Das Anthropozän soll sich in den Sedimenten als klare Linie zeigen. Foto: Joel Grimes

Den Müll der Zivilisation müssen Geologen bei der Feldarbeit bislang stets leise fluchend wegräumen. Immer wieder stoßen sie auf Plastikfetzen oder Reste von Aluminiumfolie, ihre Messgeräte finden Ruß, Spuren von Plutonium oder Bleipartikel aus dem früher benutzten Benzin. Genau diese störenden Stoffe könnten bald zum eigentlichen Ziel wissenschaftlicher Expeditionen werden.

Geoforscher diskutieren seit langem, welche permanenten Spuren die Menschheit in der Umwelt hinterlässt und ob sie deswegen ein neues "Erdzeitalter des Menschen" definieren sollten: das Anthropozän. "In jüngster Zeit haben sich viele neue Materialien rasant verbreitet ", sagt Colin Waters vom Britischen Geologischen Dienst, "und sie hinterlassen Spuren in den Sedimenten". Jan Zalasiewicz von der University of Leicester bestätigt: "Das Anthropozän zeigt sich im Gestein bereits als Grenze von unterschiedlichen Erdschichten."

Die beiden britischen Geologen haben jetzt mit 22 Kollegen in Science alle verfügbaren Belege zusammengetragen, dass Mitte des 20. Jahrhunderts tatsächlich ein neues Erdzeitalter begonnen hat. Die Autoren gehören einer Arbeitsgruppe der Vereinigung für Stratigraphie an, also für die Lehre der Erdschichten und Erdzeitalter. Nach den Worten ihres Leiters Zalasiewicz bereitet sie nach jahrelanger Arbeit einen Bericht für den alle vier Jahre stattfindenden Weltkongress der Erdwissenschaften vor, der in diesem Sommer in Kapstadt beginnt.

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"Mitte des 20. Jahrhunderts hat eine große Beschleunigung der industriellen Produktion und des Ressourcenverbrauchs begonnen", sagt Reinhold Leinfelder von der Freien Universität in Berlin, ebenfalls Mitglied des Autorenteams. "Und die Folgen sind nicht zu übersehen." Sein Kollege Jacques Grinevald vom Graduate Institute in Genf ergänzt: "Wenn die Menschheit morgen verschwände, ließen sich ihre Spuren noch Jahrtausende lang nachweisen."

Zeitbestimmung anhand von Plastiksorten

In der Tat enthält die Bilanz der Geologen beeindruckende Zahlen. So hat es elementares Aluminium auf der Erde vor dem 19. Jahrhundert fast nicht gegeben. Von den heute 500 Millionen Tonnen sind 98 Prozent nach 1950 produziert worden. Beton kannte zwar schon das antike Rom, aber mehr als die Hälfte der heute 50 Milliarden Tonnen wurde seit 1995 auf Baustellen verwendet.

Jedes Jahr erzeugt die Industrie 300 Millionen Tonnen Kunststoffe, auch das hat erst 1950 angefangen. "Beim Plastik könnte man anhand der verschiedenen, nacheinander entwickelten Sorten sogar eine Mikrostratigraphie machen und Zeiträume auf wenig Jahre genau definieren", sagt Reinhold Leinfelder.

Ruß aus unvollständig verbrannter Kohle oder Erdölprodukten gibt es in der Umwelt erst seit der Industrialisierung; ab 1970 hätte der Ausstoß noch einmal deutlich zugenommen, stellt die Studie klar. Viele dieser Stoffe werden sich einst in Sedimenten oder Gletschereis als klare Linie nachweisen lassen, ist die Gruppe um Zalasiewicz überzeugt. Es sei die "größte Verbreitung neuer Materialien seit der großen Sauerstoff-Katastrophe vor 2,4 Milliarden Jahren" zu beobachten. Damals begannen primitive Bakterien Sauerstoff in die Atmosphäre freizusetzen und prägten damit die Zukunft des Planeten.

Der Einfluss der Menschheit prägt den Geologen zufolge auch die Kreisläufe der Natur. Kunstdünger hat die natürlichen Zyklen von Stickstoff und Phosphor massiv verändert; das Verbrennen fossiler Energieträger bringt den Kohlenstoff-Kreislauf durcheinander. Bergwerke fördern pro Jahr 57 Milliarden Tonnen Material aus der Tiefe an die Oberfläche, das sich in Millionen Jahren abgelagert hatte. Zugleich ist der Transport von Sedimenten in Flüssen aus dem Lot, weil einerseits aus abgeholztem Gelände mehr Boden ausgewaschen wird, andererseits 48 000 große Staudämme den Weitertransport des im Wasser schwebenden Materials ins Meer stoppen.

"In der Zukunft werden die Zeichen des Anthropozäns überall auf der Welt, selbst in der Antarktis, für Geologen sichtbar sein", sagt Naomi Oreskes, Wissenschaftshistorikerin von der Harvard University, die auch zum Autorenteam gehört. Das neue Zeitalter unterscheidet sich in den Augen der Wissenschaftler vor allem deswegen vom bisherigen, dem Holozän, weil die ungewöhnliche Stabilität der Epoche seit der Eiszeit einem rapiden Wandel gewichen ist. Drei verknüpfte Faktoren machen die Autoren des Science-Artikels dafür verantwortlich: die schnelle Entwicklung neuer Technologie, das starke Wachstum der Bevölkerung und ihr gesteigerter Bedarf an Ressourcen.

Diese Worte enthalten nicht zufällig latente Kritik an der heutigen Lebensweise. Diese macht das Konzept des Anthropozän für viele Zeitgenossen außerhalb der Naturwissenschaften attraktiv. Längst ist das neue Zeitalter zum festen Begriff im Vokabular von Umweltgruppen geworden, die damit den übermäßigen – und oft zerstörerischen – Einfluss der Menschheit auf die Natur zusammenfassen.

Als sich die Arbeitsgruppe von Jan Zalasiewicz 2014 zum ersten Mal persönlich traf, geschah das in Berlin am Rande einer Ausstellung zum Anthropozän im "Haus der Kulturen der Welt" (HKW). Das Anthropozän sei ein "Paradigma, um den Wandel in verschiedenen Bereichen zu verstehen", sagte damals Bernd Scherer, Leiter des HKW. "Der Begriff macht klar, dass Natur und Kultur nicht mehr auseinander zu halten sind", ergänzt der Paläontologe Reinhold Leinfelder.

Solche Sätze nähren das Unbehagen bei Geologen wie Philip Gibbard von der Universität im britischen Cambridge. Er bestreitet den Einfluss des Menschen auf Umwelt und Klima keineswegs, sondern nennt die Beweise in dem Science-Aufsatz überzeugend. Es ist ihm unangenehm, sagt er, dass ausgerechnet er nun auf der Bremse steht, wenn es darum geht, die "große Beschleunigung" erdgeschichtlich einzuordnen. Aber er weiß nicht recht, was seine Wissenschaft mit dem Terminus Anthropozän anfangen soll, sie beschäftige sich schließlich mit der Vergangenheit, nicht mit der Zukunft. "Viele, die außerhalb der Wissenschaft das Wort gebrauchen, haben keine Vorstellung davon, dass wir es erst richtig definieren müssten", beklagt er. "Wenn wir über ein Kilogramm sprechen, sollten Sie und ich doch auch das gleiche meinen."

Wann soll das neue Zeitalter begonnen haben?

Gibbard ist für solche Definitionen zuständig, er ist seit diesem Jahr Generalsekretär der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS). Damit Anthropozän als Erdschicht und Erdzeitalter zum geologischen Fachbegriff wird, muss die Arbeitsgruppe einen formellen Vorschlag machen, dem dann qualifizierte Mehrheiten in der zuständigen Untergruppe der ICS, der ICS selbst und in deren Mutterorganisation, der Internationalen Union der Geowissenschaften, zustimmen.

Für den formellen Vorschlag müssten sich die Verfechter des Anthropozäns nach Gibbards Worten auf ein spezifisches Phänomen in den Sedimenten und einen genauen Zeitpunkt einigen. Dazu sei die Diskussion im Feld aber noch zu uneinheitlich, denn als Startpunkte des Anthropozäns werden der Beginn der Landwirtschaft im nahen Osten vor Tausenden von Jahren, die Eroberung Amerikas durch die Europäer im 16. Jahrhundert, der Beginn der Industrialisierung sowie Ereignisse zwischen Zweitem Weltkrieg und 1964 gehandelt. Zalasiewicz’ Team immerhin hat sich auf 1950 geeinigt.

Womöglich lässt sich der Start des Anthropozäns sogar auf den Tag genau fixieren: Am 16. Juli 1945 explodierte in der Wüste von New Mexiko die erste Atombombe. Das bis zum Stopp oberirdischer Waffentests 1963 freigesetzte Plutonium-239, das es vorher kaum gab auf der Welt wurde über die Erde verteilt. Es findet sich zum Beispiel in den Sedimenten des Lake Victoria in Australien in einer Tiefe von 80 Metern. Da Plutonium-239 eine Halbwertszeit von etwa 24 000 Jahren hat, wird sich diese Grenze auch in 100 000 Jahren noch nachweisen lassen.

Dennoch ist der Arbeitsgruppe klar, dass ihr Vorschlag, das Anthropozän auszurufen, auf Opposition stoßen wird. Obwohl Jan Zalasiewicz mit Philip Gibbard befreundet ist, sagt er: "Die ICS ist eine ziemlich konservative Organisation. In der Vergangenheit hat so etwas Jahrzehnte gedauert."

Autor: Christopher Schrader