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21. März 2015 00:00 Uhr

BZ-INTERVIEW

Muslimischer Religionsphilosoph: "Das Ziel ist Gerechtigkeit"

Al-Qaida und der IS haben die islamische Religion in Verruf gebracht. Der muslimische Religionsphilosoph Milad Karimi über seine Sicht des Islams und wie Extremisten ihn missverstehen

  1. In Köln will sich der Islam ein modernes Erscheinungsbild geben: die noch im Bau befindliche zentrale Moschee. Foto: DPA/Peter Grewer

  2. Milad Karimi Foto: Peter Grewer

Seit das Terrornetzwerk al-Qaida und der Islamische Staat (IS) im Namen des Islams morden, fürchten ihn viele Menschen, gerade im Westen. Die Bewegung "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands" (Pegida) lockte in den vergangenen Wochen viele Demonstranten auf die Straße. Annemarie Rösch sprach mit dem islamischen Religionsphilosophen Milad Karimi von der Uni Münster über seine Religion, darüber, ob sie Fanatismus Vorschub leistet oder auch Auslegungen ermöglicht, die mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar sind.

BZ: Herr Karimi, warum ist Ihnen die islamische Religion ans Herz gewachsen?

Karimi: Der Islam als Hingabe ist eine ganzheitliche Religion, eine realistische Religion, die nicht nach einem utopischen Ideal trachtet, sondern mich in meiner gegenwärtigen Verfassung anspricht, trägt und zum Guten leitet. Ich liebe den Islam, weil mir mein Glaube Demut, Geduld und Gerechtigkeit lehrt und das Gedenken Gottes meiner ruhelosen Seele Frieden schenkt. Er macht mich zu einem besseren Menschen. Mit der Hingabe an den einen Gott kehrt der Gläubige nämlich zu sich selbst zurück. Er begreift sich selbst als ein freies und mithin verantwortungsvolles Subjekt in einer Welt, die seine Welt ist. Mich bewegt daher die koranische Botschaft als eine Botschaft für das Leben und eine Wegweisung zum Frieden. Im gleichen Atemzug bewegt mich der Prophet Muhammad als eine Person, deren Handlungsmaxime der Gerechtigkeit und Veredlung des menschlichen Charakters mir heute als Vorbild dienen.

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BZ: Was hebt den Islam vom Christentum ab?

Karimi: Mich bewegt die Einfachheit der islamischen Botschaft. Die Hinwendung zu Gott ist direkt, es gibt keine Menschwerdung durch Jesus, keine Stellvertretung durch einen Papst, keine weltliche Autorität, die zwischen Gott und den Menschen tritt.

BZ: Ist diese fehlende Autorität heute nicht auch Teil der Probleme der islamischen Welt? Es gibt niemanden, der verbindlich radikalen Islamisten sagen kann: Eure Auslegung der islamischen Botschaft ist falsch, Ihr missbraucht eure Religion.

Karimi: Der Prophet hat einmal gesagt, dass sich Einzelne irren können, die Gesamtheit aller Muslime sich aber nicht irren wird. Der Strom der Muslime geht in die richtige Richtung. Das heißt, dass die Gemeinschaft auch als Korrektiv wirken muss, wenn sie Irrtümer erkennt. So gibt es heute kein Verständnis unter der Mehrheit der muslimischen Gemeinschaft für jene kleine Gruppierungen, die im Namen Gottes mit Terror und Gewalt agieren. Auch das ist eine Sache, die mich an der islamischen Religion bewegt: Es geht immer um die Gemeinschaft, das gemeinsame Heil. Denken sie an die Pilgerfahrt nach Mekka. Ich würde nie zu dieser Reise aufbrechen, ohne daran zu denken, auch meine Eltern mitzunehmen. Die Muslime kennzeichnet, dass sie an die Gemeinschaft denken und der Einzelne von sich selbst ein wenig zurücktritt. So betrachtet tragen die Muslime auch Verantwortung für das Wohl der Nicht-Muslime.

BZ: Sie selbst sehen den Islam als eine Religion, die den Menschen veredelt. Bei uns sagen viele, der Islam sei im Kern eine Religion, die Extremismus Vorschub leiste.

Karimi: "Der Islam" ist natürlich kein Subjekt, sondern eine Weltreligion mit vielen Facetten. Sie wird in den verschiedenen Regionen der muslimischen Welt sehr unterschiedlich ausgelegt und gelebt. Es ist auch nicht die Religion, die etwas sagt, es sind die Muslime, die ihre Religion interpretieren. Wer von "dem Islam" spricht, denkt aus meiner Sicht ähnlich wie die Extremisten, die eine sehr vereinfachende Sicht auf die Religion und die Realität haben.

BZ: Es gibt aber ja tatsächlich Koranverse, die mit den heutigen Vorstellungen von Menschenrechten nicht vereinbar sind. Man denke nur daran, dass Dieben die Hände abgehackt werden sollen. Auf solche Verse können sich Islamisten beziehen, wenn sie ihre menschenverachtenden Praktiken umsetzen.

Karimi: Das Problem ist, dass die Wahabiten in Saudi-Arabien oder auch Leute wie der Salafisten-Prediger Pierre Vogel vom 21. Jahrhundert ins 7. Jahrhundert zurückspringen möchten und dabei 1400 Jahre islamische Geistestradition außer Acht lassen oder verachten. In der islamischen Geistesgeschichte spielte immer die Frage eine Rolle, in welchem Zusammenhang Gott einen Koranvers herabgesandt hat und welche Absicht dahinter steckte. Der Vers, den Sie erwähnten, wurde herabgesandt, um den Menschen deutlich zu machen, dass sie alles dafür tun müssen, dass Diebe nicht zu ihrem Ziel kommen. Das Ziel ist Gerechtigkeit und nicht das Abhacken der Hände. Heute ist die Welt natürlich nicht mehr dieselbe wie damals. Das Handabhacken ist eine Strafe aus dem 7. Jahrhundert. Wir können die Fortschritte nicht ignorieren. Heute finden wir andere Wege, um Menschen daran zu hindern, zu stehlen. Es gibt Gefängnisse. Wer weiß, vielleicht finden die Menschen in Zukunft noch andere, humanere Wege der Sanktionierung. In der islamischen Denktradition galt der Fortschritt immer als etwas Positives.

BZ: Warum aber wollen heute so viele Muslime zu den Zeiten des Propheten zurückkehren?

Karimi: Es sind zum Glück nicht viele, die das wollen. Die dies aber tun, schreien am lautesten. Ihr Missverständnis ist, dass sie die geschichtliche Entwicklung als etwas Negatives betrachten, während die islamische Geistestradition den wissenschaftlichen Fortschritt stets verinnerlicht hat. Aus Sicht der engstirnigen Salafisten geht es den Menschen schlechter, je weiter sie sich von der Zeit des Propheten entfernen. Es herrschen tatsächlich in vielen muslimischen Ländern große Missstände, so dass sich die Menschen von einer Rückkehr zu den Gepflogenheiten des Propheten eine Besserung erhoffen, aber das hat nichts mit der Religion zu tun, sondern mit politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren. Hinzu kommt, dass es vielen Salafisten an Bildung und damit auch an Verständnis für die islamischen Traditionen fehlt. Sie gehen an die Religion auf eine einfache, naive Art heran, geradezu amateurhaft. Dabei sind viele Koranverse nur schwer zu verstehen. Der Koran ist kein Nachschlagewerk für Dummies. Generationen von Gelehrten haben sich darum bemüht, die Absicht und den Sinn der Verse zu verstehen.

BZ: Was sind das für Traditionen, die die Extremisten heute nicht zur Kenntnis nehmen?

Karimi: Für uns ist die islamische Geistestradition der Rahmen. Kennzeichnend für diese Geistestradition ist eine ausgeprägte Streit- und Debattenkultur, gerade weil es keine zentrale Autorität gab. So fällt auf, dass unterschiedliche Koranexegeten zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Unterschiedliche Positionen fasste man nicht als Untergang des Denkens auf. Der Philosoph Ibn Ruschd, der in Europa als Averroes bekannt ist, stritt zum Beispiel mit seinen Zeitgenossen im 12. Jahrhundert darüber, ob die Welt einen Anfang hat oder nicht. Das waren sehr fruchtbare Debatten. Die Gelehrten haben auch alles als islamisch begriffen, was wahr ist. Der griechische Philosoph Aristoteles galt ihnen als erster großer Lehrer noch vor dem muslimischen Gelehrten al-Farabi aus dem 10. Jahrhundert. Auch heute noch gibt es Gelehrte in der arabischen Welt, die keine Probleme damit haben, neue Methoden, auch solche aus dem Westen wie die Hermeneutik, zu integrieren. Die Offenheit im Umgang mit der Welt, mit der Religion und mit Pluralität trifft man heute in Ankara genauso an wie in Lahore oder Fes.

BZ: Wird aber nicht auch an vielen Universitäten im arabischen Raum, etwa an der al-Azhar in Kairo, eine rückwärtsgewandte Sicht auf den Islam gelehrt?

Karimi: Anders als die Salafisten haben die Universitäten in der muslimischen Welt einen Sinn für die Tradition, auch für die Debatten- und Streitkultur. Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern die Universitäten heutige Methoden verwenden. Vieles, was gelehrt wird, ist methodisch veraltet. Dennoch ist ihre Herangehensweise nicht zu vergleichen mit der vereinfachenden Art, mit der Salafisten die Religion auslegen. Selbst Sayyid Qutb, der als Vordenker der ägyptischen Muslimbruderschaft gilt, hatte eine sehr viel differenziertere Sicht als die Salafisten.

BZ: Aber warum gibt es doch so viele Muslime, die heute nichts mehr von der Debatten- und Streitkultur wissen wollen und stattdessen einen autoritären Islam bevorzugen?

Karimi: Ob es viele sind, wage ich zu bezweifeln. Wie gesagt, es fehlt oft an adäquater Bildung in vielen muslimischen Ländern. Hinzu kommt ein durchaus patriarchalisches System. Einer gibt vor, was gedacht werden darf. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Gemeinsam mit einer arabischen Universität hat die Uni Münster ein Symposium veranstaltet. Wir wollten auch die Studenten miteinbeziehen. Die Professoren lehnten das kategorisch ab. Mit Mühe konnten wir durchsetzen, dass es wenigstens eine Veranstaltung gibt, in der die Studenten mitdiskutieren dürfen. Das Tolle war, dass zum Schluss auch die Professoren begeistert waren und das wiederholen möchten.

BZ: Inwieweit kann es von Deutschland aus Impulse für die islamische Theologie geben?

Karimi: Dass in Deutschland an vier Universitäten islamische Theologie gelehrt wird, ist ein Glücksfall für Europa. Eine bekenntnisorientierte Lehre ist dort bisher einmalig. Wir haben hier die Möglichkeit, in aller wissenschaftlichen Freiheit zu forschen und unsere Religion selbst auszulegen mit allen uns heute zur Verfügung stehenden Methoden. Wir pflegen an der Universität auch sehr lebhafte Debatten mit den Studenten. Das ist toll, das hat Zukunft.

BZ: Nicht allen muslimischen Verbänden gefällt allerdings, wie frei Sie die Religion auslegen.

Karimi: Das gehört zu einer Streitkultur. Ich finde es gut, dass die islamischen Verbände Kritik an uns üben. Das befördert die Debattenkultur, die ja wie gesagt in der islamischen Welt eine lange Tradition hat. Konstruktive Kritik verhindert auch, dass wir im Elfenbeinturm bleiben und an Bodenhaftung verlieren.
Milad Karimi wurde 1979 in Afghanistan geboren. Seine Familie flüchtete 1994 nach Deutschland. In Freiburg studierte Karimi Philosophie und Islamwissenschaft. Seit 2012 ist er Professor am Zentrum für Islamische Theologie in Münster. Mitte März erscheint Karimis Buch: Die Blumen des Koran oder: Gottes Poesie. Herder Verlag, Freiburg 2015. 224 Seiten, 19,99 Euro.

Islamisten und Salafisten

Bis vor wenigen Jahren sprach man von Islamisten, um radikale Muslime zu beschreiben. In jüngster Zeit kam der Begriff Salafisten hinzu. Beide Gruppen treten für einen strengen Islam ein, der sich am islamischen Recht, der Scharia, orientiert. Wer vom Islam abfällt, muss aus ihrer Sicht hart bestraft werden. Der größte Unterschied zwischen beiden Gruppen ist, dass Islamisten für die Errichtung eines Staats auf der Grundlage der Scharia eintreten. Die Salafisten dagegen haben zumeist kein politisches Konzept, bei ihnen steht das Missionieren im Vordergrund. Sie kleiden sich in Manier der Salaf, der Vorväter des Islams. Die Männer tragen etwa lange Hemden, die Frauen Schleier.
Hermeneutik

Die Hermeneutik ist eine Theorie darüber, wie man Texte interpretieren und verstehen kann. Sie ist in Europa entstanden. Die Hermeneutik betrachtet die Situation, in der die Verfasser von Texten gelebt haben und was sie beeinflusste. In Ankara und auch in Deutschland gibt es islamische Theologen und Rechtswissenschaftler, die diese Methode benutzen. Salafisten lehnen das allerdings ab, für sie ist der Koran das unveränderbare Wort Gottes. Auch der historische Hintergrund spielt für sie keine Rolle.
Theologie und Islamverbände

Neben der Islamwissenschaft gibt es in Deutschland seit 2011 an mehreren Universitäten auch bekenntnisorientierte islamische Theologie. Da die Glaubensgemeinschaften ein Mitspracherecht haben, stellt man den Fakultäten Beiräte zur Seite, in denen muslimische Verbände vertreten sind. Die wissenschaftliche Eignung und akademische Exzellenz der Professoren soll aber ausschließlich durch die Universität geprüft werden. Islamische Theologie gibt es in Tübingen, Münster/Osnabrück

Frankfurt/Gießen und Nürnberg/Erlangen.

Autor: Annemarie Rösch