Hochschulbibliotheken

Streit um Abonnements von Wissenschaftszeitschriften

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Sa, 15. Juli 2017 um 00:00 Uhr

Bildung & Wissen

Hochschulbibliotheken und Forschungsorganisationen streiten mit drei Verlagen der Wissenschaftszeitschriften. Zwischen 600 und 700 Einrichtungen wollen für die Abos einen günstigeren Preis.

Ein wenig erinnert die Szene an einen Western, in der ein großer Farmer den vielen Kleinpächtern seine Gesetze aufzwingt – bis es zum Showdown kommt. In diesem Fall übernehmen drei große Wissenschaftsverlage die Rolle des Farmers, die den Hochschul- und Forschungsbibliotheken im Land gesalzene Preise für die Abonnements ihrer Zeitschriften abverlangen. Die Drei funktionieren wie ein Oligopol, das nach Einschätzung auch des Vorsitzenden der baden-württembergischen Landesrektorenkonferenz (LRK), Wolfram Ressel, 40 Prozent Gewinn auf seinen Umsatz erzielt.

Angesichts der Tatsache, dass die (vom Steuerzahler finanzierten) Etats der Hochschulbibliotheken zu 60 Prozent für den Kauf dieser Zeitschriften (heute zumeist nur mehr Lizenzen zum Zugriff auf das elektronische Archiv der Verlage) ausgegeben werden, lässt ahnen, wie viele Millionen Euro in die privaten Kassen der Kapitaleigner dieser Firmen fließen – und wie groß der schon lange währende Verdruss über die Preispolitik inzwischen ist.

Nun neigen Bibliotheks- und Hochschulchefs kaum zum Klassenkampf, schon gar nicht zum Showdown. Doch derzeit sind sie kampfbereit, und die Empörung über die Verlage hat zu einer bisher ungekannten Einigkeit in der deutschen Wissenschaftslandschaft geführt: Zwischen 600 und 700 Organisationen und Einrichtungen, die für Forschung und Lehre auf die Zeitschriften angewiesen sind, wollen einen anderen, vor allem billigeren Vertrag mit den Verlagen.

Denn deren Preise halten sie für völlig realitätsfremd. Antje Kellersohn, Direktorin der Freiburger Universitätsbibliothek und Sprecherin der Projektgruppe namens Deal, die mit den Wissenschaftsverlagen verhandelt, verweist darauf, dass weder die Autoren noch diejenigen Wissenschaftler, die die Zeitschriftenbeiträge auswählen und lektorieren, dafür Honorar bekommen – ihr Geld verdienen sie als Mitarbeiter im öffentlichen Dienst. Da heute keine Druck- und Vertriebskosten mehr anfallen, sei die Verlagsleistung überschaubar – und die Höhe der Abopreise nicht zu rechtfertigen.

Die Projektgruppe soll einen bundesweiten Pauschalvertrag aushandeln, der auch festlegen soll, dass jeder Beitrag eines in Deutschland arbeitenden Autors im Netz öffentlich zugänglich wird. Gesprochen wird derzeit mit Elsevier, dem weltweit größten Wissenschaftsverlag, sowie mit Springer und Wiley. Am zähesten, berichtet Kellersohn, gebärdet sich Elsevier: Dessen neues Angebot lag im Preis sogar deutlich über der Gesamtsumme seiner bisherigen deutschen Abonnements. Um Bewegung in die Verhandlungen zubringen, haben daraufhin im vergangenen Jahr 60 Hochschulen und Organisationen ihre Zeitschriftenverträge mit Elsevier auslaufen lassen. Weil Elsevier darauf nicht reagierte, hat jetzt auch die LRK von Baden-Württemberg beschlossen, dass sie den gemeinsamen Vertrag der Hochschulen mit Elsevier beenden will. Weitere Bundesländer und Organisationen sollen folgen.

Elsevier hat bislang kein neues Angebot vorgelegt. Der Börsenverein des Buchhandels strengte sogar eine kartellrechtliche Beschwerde an: Das Projekt Deal bilde angeblich ein Nachfragekartell. Doch das Kartellamt wies die Beschwerde ab. Inzwischen aber zeigten die Boykottaktionen Wirkung bei Elsevier, ist Kellersohn überzeugt – es könnte sich ein Kompromiss anbahnen. Der muss freilich auf der Käuferseite so ausfallen, dass ihn alle rund 650 Organisationen hinter Deal mittragen.

Auch unter den Wissenschaftlern gibt es inzwischen breiten Protest gegen Elsevier. Viele renommierte Forscher sind bereit, das Projekt Deal zu unterstützen, indem sie nicht mehr als Autor, Herausgeber oder Lektor zur Verfügung stehen wollen. Die Haltung unter den Wissenschaftlern ist allerdings widersprüchlich. Denn erst ihre Überzeugung, dass manche Zeitschriften mehr Renommee haben als andere und dass sie deshalb vor allem in Produkten des Hauses Elsevier publizieren wollen, hat den Verlag groß gemacht. Sogar im Hochschulranking mischt Elsevier mit, weil Zitierungen in seinen Zeitschriften höher bewertet werden als die in anderen – und um das berechnen zu können, stellt der Verlag den Ranking-Autoren auch noch einen Basisdienst zur Verfügung.