BZ-Serie "Helle Köpfe" (29)

Überraschend denken: Philosophie als "Irritationsinstanz"

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Sa, 03. Dezember 2016 um 00:00 Uhr

Bildung & Wissen

Andreas Urs Sommer hat eine Professur in Kulturphilosophie an der Universität Freiburg. Für ihn soll die Disziplin keine fertigen Antworten liefern, sondern Alternativen zum heutigen Denken.

Die Philosophie, ist im Internetportal Wikipedia zu lesen, "versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, zu deuten und zu verstehen". Kein geringer Anspruch. Andreas Urs Sommer gedenkt ihn aber ebenso wenig zu erfüllen wie sein geistiger Sparringspartner Friedrich Nietzsche.

Diese großen Fragen – "Was ist der Mensch? Wo kommen wir her? Wo wollen wir hin" –, sich mit ihnen zu befassen sei gewiss zur Einführung in die Philosophie ein "reizvolles Spiel", sagt Sommer, Inhaber einer Professur in Kulturphilosophie an der Universität Freiburg. Er persönlich aber sei misstrauisch gegenüber Philosophen, die die Welt erklärten. Deren Ideengebäude vermögen ihn zwar mitunter zu beeindrucken, aber nur als Kulturleistung, nicht als Leitlinien seines eigenen Weltverständnisses.

Das liegt auch daran, dass Sommers Handhabung der Philosophie nicht auf den großen Fragen und deren Beantwortung beruht. Die Aufgabe der Philosophie sieht er vielmehr darin, Denkgewohnheiten in Frage zu stellen, für Irritation zu sorgen. So hat es ja auch schon Sokrates gehalten, der seinen athenischen Zeitgenossen mit hartnäckigem Nachfragen zu allem und jedem derart auf die Nerven gegangen ist, dass sie am Ende ihn wegen angeblicher Missachtung der Götter zum Tode verurteilt haben.

Zugleich aber zog sich dieser antike Philosoph auf den Satz zurück, dass er wisse, dass er nicht wisse – und dies für die höchste (Selbst-)Erkenntnis hielt. Denn nicht Gewissheiten per se, nur Fragen und der Dialog über mögliche Antworten schafften Einsichten ins Richtige und Gerechte, manchmal aber auch nur Ratlosigkeit. Wer will, darf den Titel von Sommers neuestem, kürzlich mit dem Sonderpreis "Geisteswissenschaft International" ausgezeichnetem Buch in diesem Sinne verstehen: "Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt" – das Paradox als Denkform, wie es zu einem Skeptiker passt.

Das wendet sich insbesondere gegen monologisch vorgetragene Philosophie, wie sie Martin Heidegger praktiziert habe: "Verkündigung" nennt Sommer das, und man spürt, wie es ihn innerlich bei dieser Vorstellung schüttelt. Die heutige Philosophie, sagt er, "hat nicht die Aufgabe, über das Sein nachzudenken, sondern sie kann mit ihren Fragen und ihrem Nachdenken überall ansetzen". Für ihn ist sie, ganz im sokratischen Sinne, "beständige Irritationsinstanz", nicht eine Disziplin, die dem Publikum fertige Antworten oder gar Wahrheiten liefert. "Es gibt ja auch keine Fragen, die ewig bleiben" – die Ergründung der Welt und des Menschen war bis ins 18. Jahrhundert Aufgabe vorrangig der Theologie.

Friedrich Nietzsche hat ihr bekanntlich provokativ zugerufen, dass Gott tot sei. Doch an die Stelle der damit entfallenden Welterklärung hat Nietzsche keineswegs ein neues System gesetzt. "Jeder seiner Texte überrascht", sagt Sommer. In deren "Buntscheckigkeit", die jedes seiner Bücher zu einer Fundgrube mache und die jeglicher Systematik spotte, zeige sich Nietzsche als "Denker vieler Gedanken", aber zugleich als schärfster Kritiker seiner selbst. Was er dann jeweils inhaltlich an Alternativen vorführe, sei allerdings heute zum Teil nur mehr schwer nachzuvollziehen.

Die grundsätzlich offene Denkstruktur hat sich Sommer zu eigen gemacht. Darum lobt er Gegenwartskollegen, denen es gelingt, ihn mit ihrem neuen Buch zu überraschen. Der Wechsel gilt nicht bloß Themen und Fragestellungen. "Ich ziehe es vor, mich jeglicher Einordnung zu entziehen." Schließlich, so seine Begründung, bewegten sich auch die Menschen ständig. Noch so ein Satz: "Mich interessiert die Abweichung mehr als die Regel."

Weil Sommer keinen Wert auf ein festgezurrtes Koordinatensystem in seinem Denken legt, hat er für diejenigen, die an dergleichen festhalten, gern Spott bereit. In seinem 2012 erschienenen "Lexikon der imaginären philosophischen Werke" reicht er in satirischer Weise jene Bücher nach, die die großen Systematiker in ihren philosophischen Weltgebäuden vergessen haben. Nicht zuletzt, um den Aberwitz vollständiger Welterklärung vor Augen zuführen.

Offenheit und Ironie beleben geradezu zwangsläufig das von keiner schwergewichtigen Grübelei gebremste Gespräch – zumal der 44-jährige Sommer, ein gebürtiger Schweizer, ein höchst eloquenter Mensch ist, mit dem sich im Schnelllauf die Philosophiegeschichte absolvieren lässt. Das könnte man schon allein anhand der Porträts – zumeist alte Drucke –, die an den Wänden seines schmalen Büros hängen, sehr ausgewählte Größen der europäischen Philosophie: Spinoza, John Stuart Mill, französische Aufklärer ("leider fehlt Diderot"). Aber selbstverständlich sind Leibniz, Kant, Hegel, Marx oder Heidegger nicht darunter.

Unübersehbar ist freilich die Präsenz Nietzsches. Eine geschlossene Buchreihe auf dem Schreibtisch trennt den Besucher von Sommer – alles Bücher von und über Nietzsche. In der Mitte stehen die ersten sechs Bände des Nietzsche-Kommentars, an dem Sommer im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften mit Kolleginnen und Kollegen seit acht Jahren arbeitet. Es ist kein Kommentar, der den Provokateur Nietzsche nachträglich zum systematischen Denker machen soll. Im Gegenteil geht es darum, zu zeigen, wie er aus jeder Lektüre das zog, was er aktuell brauchen konnte, indem er es häufig aus dem Zusammenhang riss.

Er war ein "räuberischer Leser", sagt Sommer. Und weil Nietzsche das Bild des unabhängigen Selbstdenkers wahren wollte, der einsam auf dem Gipfel der Philosophie steht (nein, er war kein bescheidener Mensch), hat er nur selten gezeigt, auf wessen Schultern er steht. Genau das nachzuholen, ist Aufgabe des Kommentars: Er spürt die Quellen des ständigen Lesers und Gedankenverwerters Nietzsche in dessen darum "buntscheckiger" Philosophie auf. Diese sind in dessen Bibliothek zu finden, vieles aber verdankt sich zufälliger Lektüre von Zeitungen oder Aufsätzen – schwer zu rekonstruieren.

Das geschieht in kritischer, keinesfalls in adorierender Haltung. Sommer gesteht, dass er als Gymnasiast durchaus mit leuchtenden Augen und enthusiastischer Gestimmtheit "Also sprach Zarathustra" gelesen hat: Von Nietzsche als "Religionsersatz" ist er heute weit entfernt – und gerade dieses Buch über den "Übermenschen" und den damit verbundenen heroischen Ideen ist ihm völlig fremd geworden. Und so arbeite er derzeit in "gesunder Distanz" an dem Kommentar zum "Genealogie der Moral".

Aber wie setzt man einen solchen Denkstil in der universitären Lehre um? Natürlich hält Sommer auch Veranstaltungen zu Nietzsche, aber das mischt sich sehr stark mit dem Liberalismusstreiter John Stuart Mill ("In Deutschland viel zu wenig gelesen"), amerikanischen Pragmatisten, mit der antiken Stoa, mit Paul Feyerabend, dem wissenschaftstheoretischen Anarchisten, oder Karl Jaspers, gewissermaßen Antipode Heideggers. Aus ihren Texten, aber ebenso aus denen der klassischen Autoren, sagt er, ließen sich diskussionswürdige Ideen zur Ausdeutung der Gegenwart ziehen, Alternativen zum heutigen Denken – eben "Irritationspotenzial". Darin liegt dann auch für die Studenten der Schritt zum Selberdenken in der Philosophie. Von solchen Dialogen profitiert dann umgekehrt auch der Professor: Sommers Wertebuch geht zurück auf ein Seminar über Werte und Wertphilosophien.

Vom Philosophen Sommer nur scheinbar zu trennen ist der wissenschaftlich versierte Sammler byzantinischer Münzen, der einschlägige Kataloge dazu verfasst hat und an der Freiburger Universität sogar Seminare zur Numismatik hält. Hat das, anders als er von seiner Philosophie behauptet, vor allem mit Systematik, Ordnung, Vollständigkeit, Wahrheit zu tun? Sommer lacht. Ja, das sei eine Art Gegenwelt zu seinem Selbstverständnis als Philosoph. Wahrscheinlich lebe er dort seine Neigungen zur Systematik aus, die er ganz offensichtlich auch in sich spüre.

Nietzsche-Ringvorlesung: Im jetzigen Wintersemester gibt es jeden Dienstag um 20.15 Uhr im Raum 1098 der Universität Freiburg einen Vortrag zu "Nietzsches Literaturen. Das genaue Progamm: https://mehr.bz/Nietzsche

Zur Person

Andreas Urs Sommer
Der 1972 im schweizerischen Zofingen geborene Andreas Urs Sommer hat in Basel, Göttingen und Freiburg studiert und wurde 1998 in Basel promoviert. Über Greifswald und Mannheim kam er 2008 nach Freiburg, wo er erst zum außerplanmäßigen Professor und in diesem Herbst zum Professor für Kulturphilosophie ernannt wurde.