Neue Forschungsergebnisse

Vor Grönland sinkt der Plastikmüll in die Tiefe

Roland Knauer

Von Roland Knauer

Sa, 27. Mai 2017

Bildung & Wissen

Neue Forschungen zeigen: Der Golfstrom transportiert Abfall nach Norden – und dort lagert er sich auf dem Meeresgrund ab.

Der Golfstrom ist nicht nur die Warmwasserheizung für den Westen Europas. Er scheint gleichzeitig ein gigantisches Förderband zu sein, das Plastikmüll aus dem Nordatlantik in die Barents- und Grönlandsee der Arktis transportiert und dort ablagert. Andrés Cózar von der Universität von Cadiz im spanischen Puerto Real schließt das aus den Ergebnissen einer Umrundung des Nordpolarmeers mit dem französischen Forschungsschiff Tara und Modellrechnungen, über die sie in der Zeitschrift Science Advances berichten.

Vor allem im Meer östlich von Grönland und nördlich von Skandinavien hatten die Forscher mit Spezialnetzen – Maschenweite ein drittel Millimeter – größere Mengen meist sehr kleiner Plastikteilchen aus dem Wasser gefischt. "Mit diesen Funden wird eine große Lücke in der Forschung geschlossen", erklärt Lars Gutow, der am Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven untersucht, wie sich Organismen auf solchen Plastikteilchen im Meer ansiedeln.

In den vergangenen Jahren hatten Forscher wie Marcus Eriksen vom Five Gyre Institute in Los Angeles und Martin Thiel von der Universidad Catolica del Norte im chilenischen Coquimbo mit ähnlichen Netzen herausgefunden, dass offensichtlich riesige Mengen Plastikmüll in den Ozeanen schwimmen. Wo aber kommt der Abfall her, den Andrés Cózar und seine Kollegen vor der menschenleeren Ostküste Grönlands und nördlich des dünn besiedelten Nordens von Skandinavien aus dem Meer holten? Als die Forscher den Abfall genauer anschauten, fanden sie eine wichtige Spur: Seine Zusammensetzung ähnelt zwar dem Plastikmüll aus wärmeren Gewässern, enthält aber deutlich mehr kleinere Teilchen. Die dürften durch äußere Einflüsse entstanden sein: Das Licht der Sonne macht den Kunststoff brüchig, Wellen zerschlagen das Plastik in immer kleinere Stücke.

Die Plastikwinzlinge könnten also eine relativ lange Reise hinter sich haben, auf der sie zerkleinert wurden. Computermodelle der Meeresströmungen zeigen deren Herkunft: Offensichtlich tragen Flüsse Europas und Nordamerikas den Plastikabfall in den Atlantik und dessen Randmeere. Von dort bringen große Strömungen wie der Golfstrom ihn in die Arktis. Dort wirken Küsten und das auf dem Meer schwimmende Eis als Barrieren, der Plastikmüll steckt in einer Sackgasse. Die Strömungsmodelle zeigen aber einen Ausweg: Auf dem Weg nach Norden kühlt das salzreiche Wasser ab und wird dabei schwerer. In arktischen Gewässern setzen dadurch Strömungen in die Tiefe ein. Und tragen einen Teil des Plastikabfalls bis zum Meeresgrund, vermuten Andrés Cózar und seine Kollegen.

"Vom insgesamt ins Meer geschwemmten Plastikmüll finden wir nur einen winzigen Bruchteil an der Meeresoberfläche wieder", sagt denn auch AWI-Forscher Lars Gutow. Dazu gibt es zwar kaum Daten – aber erste Hinweise: Melanie Bergmann und ihre Kollegen an der AWI-Station "Hausgarten" entdeckten in 2500 Meter Tiefe im Nordpolarmeer zwischen Spitzbergen und Grönland 2014 bis zu 20 Mal mehr Müllteilchen als bei ihren Untersuchungen 2002. Das meiste davon war aus Plastik.