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04. Mai 2015 12:35 Uhr

Bildung

Warum gibt es so wenig Einsprüche gegen Abi-Noten?

Einsprüche gegen Abi-Noten sind selten, sehr selten. Doch es gibt sie – und oft sind sie sogar erfolgreich. Eine Hürde ist das komplizierte Verfahren, wie ein Blick in den Kreis Emmendingen zeigt.

  1. Warum werde ich verurteilt? Kafkas „Der Proceß“ ist Abi-Pflichtstoff. Foto: Ingo Schneider

  2. Wer seine Klausur angucken will, muss einen Termin abmachen. Foto: DPA

Die Schüler zittern, die Prüfer schwitzen: Zwei Monate nach den schriftlichen Abi-Prüfungen läuft die Korrekturphase. Ob die drei Korrektoren sauber arbeiten, ob sie zu wenige oder zu viele Fehler finden, werden die meisten Schüler nie erfahren. Nur wenige sehen ihre Arbeiten nach Bekanntgabe der Noten an, kaum jemand legt Einspruch ein. Das hat einen Grund: Das Verfahren ist intransparent wie nur wenige Verwaltungsakte.

"Soweit ich mich erinnere, hat in den letzten zehn Jahren nie ein Schüler seine Arbeit sehen wollen." Hermann Weiß
Es gibt keine Statistiken, nur Schätzungen. "Soweit ich mich erinnere, hat in den letzten zehn Jahren nie ein Schüler seine Arbeit sehen wollen", sagt Hermann Weiß, Rektor der Gewerblichen und Hauswirtschaftlich-Sozialpflegerischen Schulen in Emmendingen. "Ein, zwei Mal", sagt Michael Geschwandtner, Lehrer am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Waldkirch. "Wir haben jedes Jahr zehn, zwanzig Leute da", sagt Christoph Grießhaber, Leiter des Emmendinger Goethe-Gymnasiums. "Das ist eigentlich immer ganz nett mit den früheren Schülern."

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Einsprüche sind selten – und manchmal erfolgreich

11.500 Abiturienten in Südbaden warten momentan auf ihre Ergebnisse, 402 davon an den allgemeinbildenden Gymnasien im Landkreis. Am 15. Juni beginnen die mündlichen Prüfungen. Einige Tage davor erfahren die Schüler ihre Noten – ihre Lehrer werden die korrigierten Arbeiten aber nicht austeilen. Einsicht, teilt Matthias Henrich vom Freiburger Regierungspräsidium mit, sei erst nach Ende des Prüfungszeitraums möglich.

Wer seine Arbeit angucken will, muss in der Schule anrufen und einen Termin abmachen. "Nach den Sommerferien", sagt Heribert Hertramph, Schulleiter am Kenzinger Gymnasium. Anschauen darf der Schüler die Blätter aber nur unter Aufsicht. Abfotografieren ist erlaubt, Kopien können kosten. Mit nach Hause dürfen die Schüler ihre Arbeiten erst drei Jahren danach nehmen. "Das kommt höchst selten vor", sagt Bernhard Läufer vom Erasmus-Gymnasium in Denzlingen. "Die meisten Arbeiten vernichten wir." Das darf frühestens nach zehn Jahren passieren – so lange müssen die Klausuren aufbewahrt werden.

Ein Jahr haben die Abiturienten Zeit, Einspruch gegen die Prüfungen einzulegen. Die Frist beginnt mit der Bekanntgabe der Noten. "Das kommt aber fast nie vor", sagt Regierungspräsidiums-Sprecher Henrich, "und dann praktisch ohne Erfolgsaussichten."

Anfechtungen sind nicht nur aus formalen Gründen möglich

Einsprüche sind selten. Aber sie kommen vor – und sie haben durchaus Erfolgsaussichten. "In 17 Jahren habe ich drei erlebt", sagt der Emmendinger Schulleiter Grießhaber, "und alle gingen durch. Da waren Fehler passiert, das war aber Anfang des Jahrtausends, wir haben daraus gelernt." Der Kenzinger Hertramph schildert einen Fall, bei dem sich herausstellte, dass ein Prüfer einen Teil der Klausur verschlampt hatte – lässt aber offen, ob das in Kenzingen passiert ist. GHSE-Chef Weiß berichtet von einen Einspruch gegen eine mündliche Note, der zurückgezogen wurde. Der Denzlinger Läufer und der Waldkircher Geschwandtner können sich an keinen Einspruch erinnern.

Eine Geldquelle für Anwälte ist das Abi nicht. "Die Leute kommen oft, wenn sie das zweite Mal durchgefallen sind – und das kann man an einer Hand abzählen", sagt der Freiburger Anwalt Eckhard Kammer. Unantastbar, erklärt der Verwaltungsrechtler, seien die Arbeiten nicht. Er widerspricht der Behauptung einiger Schulleiter, dass Abi-Noten nur wegen formaler Punkte wie fehlender Blätter angefochten werden dürfen. "Wenn der Prüfling sagt, ich habe in einem Lehrbuch etwas anderes gelesen, muss sich der Prüfer damit auseinandersetzen", sagt er.

Manchmal seien die Chancen besser als erwartet. "Es gibt Fälle, da hätte man nie damit gerechnet, dass es durchgeht", sagt Kammer. Besser seien die Erfolgschancen, wenn es um mündliche Prüfungen und eine mögliche Befangenheit des Prüfers geht – vor allem dann, wenn der Sätze sage wie: "Haben Sie überhaupt irgendwas gelernt?"

Autor: Patrik Müller