Flugreisen

Wie man Flugrouten von Fledermäusen erforscht

Kerstin Viering

Von Kerstin Viering

Sa, 07. November 2015 um 00:00 Uhr

Bildung & Wissen

Die Flugrouten der Fledermäuse sind kaum erforscht. Für den Schutz der Tiere muss man aber ihre Wege kennen. Sie überfliegen zum Beispiel die Ostsee oder die Alpen.

Nicht nur Zugvögel packt im Herbst das Reisefieber. Auch viele Fledermäuse verlassen dann den Nordosten Europas und ziehen quer durch Deutschland nach Süden. Vor allem für Baumhöhlen-Schläfer wie den Großen Abendsegler oder die Rauhaut-Fledermaus wird es in Skandinavien, den baltischen Staaten und Russland im Winter zu kalt. Um in ihren Schlupfwinkeln nicht zu erfrieren, weichen sie in mildere Regionen aus.

Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin und seine Kollegen erforschen die Biologie der flatternden Reisenden. "Nur wenn wir mehr über ihre Gewohnheiten wissen, können wir wandernde Fledermäuse besser schützen", sagt der Wissenschaftler. Klar ist, dass diese Tiere längst nicht so weite Strecken zurücklegen wie viele Zugvögel. Schließlich brauchen sie im Winter keine Nahrung, sondern nur einen frostfreien Schlafplatz. Und der ist auch in Europa durchaus zu finden.

"Rauhaut-Fledermäuse sind zum Beispiel grob in zwei Richtungen unterwegs", sagt Christian Voigt. Die einen fliegen Richtung Westfrankreich mitunter bis in die Bretagne, die anderen steuern Süddeutschland, die Schweiz und Südfrankreich an. Die Reise in die Winterquartiere dauert dabei deutlich länger als der Rückweg im Frühjahr. "Das liegt daran, dass in unseren Breiten im Herbst die Paarung stattfindet", erklärt Voigt. Er und seine Kollegen werden regelmäßig Zeugen, wenn im September in Brandenburg die Rauhaut-Fledermäuse zur Sache kommen. Bei diesem Schauspiel sitzen die Männchen in ihrem Revier und schmettern Gesänge in die Nacht. "So versuchen sie, vorbeiziehende Weibchen aus dem Nordosten zu sich herunter zu locken", so Voigt. Nach der Paarung speichern die Weibchen das Sperma fünf Monate lang im Körper, bevor sie im Frühjahr ihre Eizellen damit befruchten.

Obwohl die Wissenschaftler bereits eine ganze Reihe solcher Details aus dem Fledermausleben aufgedeckt haben, gibt es noch jede Menge offene Fragen. Zum Beispiel weiß niemand, ob die Tiere auf festen Routen unterwegs sind. Es gibt Hinweise darauf, dass sie sowohl die Ostsee als auch die Alpen überqueren und mitunter dem Verlauf von Flusstälern folgen. Von einem umfassenden Überblick über die Wege und Ziele der einzelnen Arten sind die Forscher aber weit entfernt. "Über wandernde Fledermäuse wissen wir längst nicht so viel wie über Zugvögel", bedauert Voigt.

Fangreuse für Fledermäuse

Um mehr Informationen zu gewinnen, haben die IZW-Mitarbeiter gemeinsam mit lettischen Kollegen die weltweit erste Fangreuse für Fledermäuse aufgebaut. Die etwa 15 Meter hohe Netzkonstruktion steht strategisch günstig am Rande des Naturschutzgebietes Pape in Lettland. Das schmales Gebiet zwischen der Ostsee und dem See Pape ist eine Art Flaschenhals, durch den jedes Jahr zahllose Fledermäuse ziehen. "In ganz Europa gibt es keinen anderen Ort, an dem man so viele wandernde Fledermäuse beobachten kann", sagt Gunars Petersons von der Lettischen Universität für Landwirtschaft in Jelgava.

Schon in den 1980er und 1990er Jahren haben Wissenschaftler dort Tiere gefangen und mit einer leichten Metallklammer um den Unterarm wieder freigelassen. Darauf stehen der Name der Beringungsstelle und ein Code, an dem man jedes Tier identifizieren kann. Taucht es später anderswo wieder auf, kennt man also schon einmal zwei Punkte auf seiner Reiseroute. Auf diese Weise haben Biologen herausgefunden, dass Rauhaut-Fledermäuse aus Pape knapp 2000 Kilometer weit bis in die Benelux-Staaten und nach Südfrankreich fliegen.

In den kommenden Jahren hoffen die Forscher nun, noch deutlich mehr solcher Daten sammeln zu können. Denn die neue Reuse ermöglicht es, mehrere hundert Fledermäuse in einer Nacht zu fangen. Und je mehr Tiere mit einem metallenen Reisepass ausgerüstet losfliegen, umso vollständiger dürfte das Bild von ihren Zugrouten werden – und umso eher können Forscher Gefahren erkennen, die unterwegs auf die Fledermäuse lauern.

Der Ausbau der Windenergie könne zum Beispiel fatale Folgen für die flatternden Wanderer haben, warnen Christian Voigt und seine Kollegen. Denn auf Rotoren hat die Evolution die Tiere nicht vorbereitet.

Die Echoortung, mit der Fledermäuse navigieren und Beute finden, reicht nur etwa 20 Meter weit. Damit entdecken sie die Anlage erst, wenn sie nur noch zwei Sekunden Flugzeit von ihr entfernt sind. Das aber ist oft zu spät, um noch auszuweichen. Möglicherweise sind Windräder in Fledermauskreisen sogar besonders populäre Anziehungspunkte. Mit Wärmebildkameras hat Paul Cryan vom Fort Collins Science Center in den USA jedenfalls beobachtet, dass die Tiere solche Anlage gezielt ansteuern. "Was sie dort suchen, wissen wir nicht genau", sagt Christian Voigt. "Möglicherweise verwechseln sie die Anlage mit einem großen Baum." Oder sie sehen darin einen markanten Treffpunkt für ihre Paarungsrituale. Klar ist jedenfalls, dass auch an den 25 000 Windrädern, die derzeit in Deutschland stehen, immer wieder Fledermäuse verunglücken. Sie werden von den Rotoren erschlagen oder erleiden ein Baro-Trauma, bei dem durch die starken Luftdruckunterschiede an den Rotorblättern die inneren Organe zerreißen.

Betroffen sind davon sowohl sesshafte wie auch ziehende Tiere. Das haben die IZW-Mitarbeiter mit sogenannten Isotopen-Analysen herausgefunden. In Haarproben von verunglückten Fledermäusen haben sie das Verhältnis von schwerem und leichtem Wasserstoff untersucht, das sich je nach Herkunftsregion unterscheidet. Dreiviertel der untersuchten Großen Abendsegler, die an Windkraftanlagen in den neuen Bundesländern zu Tode gekommen waren, stammten demnach aus Deutschland oder Polen. Immerhin ein Viertel der Tiere aber kam aus dem Baltikum oder Russland. Eine weitere Untersuchung hat gezeigt, dass auch Rauhautfledermäuse aus diesen Regionen an deutschen Windrädern verunglücken.

Fränzi Korner-Nievergelt von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach und ihre Kollegen haben ausgerechnet, dass an einer Anlage jedes Jahr zehn bis zwölf Fledermäuse ums Leben kommen, wenn keine Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen werden. Das wären mehr als 250 000 Tiere pro Jahr. Allerdings variiert die Zahl der Opfer je nach Standort und Typ der Windräder.

Fledermäuse suchen offenbar die Nähe von Windrädern

Und es ist auch nicht so, dass beim Betrieb der Anlagen keine Rücksicht auf die Tiere genommen würde. "Wenn Fledermausbestände nachgewiesen sind und die Genehmigungsbehörde trotzdem zu der Einschätzung kommt, dass der Bau von Windkraftanlagen möglich ist, werden Abschaltzeiten festgelegt", erklärt Wolfram Axthelm vom Bundesverband Windenergie in Berlin.

Schließlich sind Fledermäuse nur nachts, nur zu bestimmten Jahreszeiten und nur bei schwachem Wind in Höhe der Rotoren aktiv. In solchen kritischen Phasen muss der Betreiber die Anlagen also abstellen. Es gibt inzwischen auch Software, mit der sich der Betrieb je nach äußeren Bedingungen flexibel steuern lässt. Dadurch lässt sich die Zahl der Todesfälle nach ersten Erfahrungen um bis zu 80 Prozent reduzieren.

"Wir brauchen allerdings dringend mehr Daten, um die Effizienz solcher Schutzmaßnahmen je nach geografischer Region, Lebensraum und Anlagentyp besser einschätzen zu können", sagt Christian Voigt. Schließlich soll die Windkraft in Deutschland weiter ausgebaut werden – und der Trend geht zu größeren Anlagen, die möglicherweise mehr Opfer produzieren. So wichtig erneuerbare Energien für den Klimaschutz auch seien, die Interessen bedrohter Arten dürfe man darüber nicht vergessen, fordert der IZW-Forscher: "Wir sind für die europäischen Fledermäuse das Durchreiseland schlechthin – da haben wir eine große Verantwortung."
Fledermäuse unterwegs

Anders als bei vielen Zugvögeln lassen sich die Wanderungen der europäischen Fledermäuse bisher nicht mit Hilfe von Satellitensendern verfolgen. Denn diese sind zu groß und schwer für die kleinen Tiere. Das gilt sogar für den Großen Abendsegler Nyctalus noctula, der zu den größten Fledermausarten Mitteleuropas gehört. Er erreicht eine Körperlänge von gut acht Zentimetern, eine Spannweite von 40 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 40 Gramm. Außer im Norden Skandinaviens, Irlands und Schottlands kommt die Art fast überall in Europa vor. Aus Gebieten mit kalten Wintern fliegen diese typischen Baumbewohner im Herbst in mildere Regionen. Dabei können sie Strecken von mehr als 1500 Kilometern zurücklegen.

Der Kleine Abendsegler Nyctalus leisleri ist eine mittelgroße Fledermaus, die knapp sieben Zentimeter lang und 20 Gramm schwer wird. Sie hat eine Spannweite von bis zu 32 Zentimetern. In Europa kommt diese Waldart von Irland und Schottland über den europäischen Kontinent südlich der Nord- und Ostsee bis in den Westen Russlands vor. Noch eine Nummer kleiner ist die Rauhaut-Fledermaus Pipistrellus nathusii, die zur Gattung der Zwergfledermäuse gehört. Sie wird fünf bis sechs Zentimeter groß, hat bis zu 25 Zentimeter Spannweite und wiegt bis zu zehn Gramm. Zuhause ist die Art in Wäldern und Parklandschaften von Westeuropa bis zum Ural, zum Kaukasus und in die Türkei. Die Tiere im Osten und Norden des Verbreitungsgebietes ziehen im Herbst nach Südwesten.