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31. Dezember 2015 14:20 Uhr

Zukunftsforschung

Trendforscher: Realistische Prognosen sind problematisch

Das menschliche Hirn neigt zur Vereinfachung – daher rühren nach Ansicht des Soziologen Matthias Horx die meisten Irrtümer unsere Zukunft betreffend. Dies erläutert er im Interview.

  1. Ob sich Erkenntisse über die Zukunft in der Glaskugel verbergen? Zweifel sind angebracht. Foto: dpa Foto: Sebastian Kahnert

  2. Matthias Horx Foto: dpa

BZ: Herr Horx, irren sich Zukunftsforscher oft?
Horx: Das kommt darauf an, was man unter Zukunftsforschung versteht. Viele verwechseln das ja mit einer Art Horoskop-Branche. Aber seriöse Prognostik handelt von Wahrscheinlichkeiten; sie ist eine Art empirische, ganzheitliche Systemforschung. Der größte Teil der Zukunft ist ja eben nicht deterministisch, sondern Gestaltungs-bedingt, das heißt, es hängt von unseren Handlungen ab, "wie die Zukunft wird". Von dieser "Machbarkeit" handelt seriöse, die ganzheitliche Zukunftsforschung. Allerdings wird auf dem Markt der Prognosen auch schlichtweg eine Menge "Future Bullshit" erzählt.

BZ: Was heißt "Zukunfts-Bullshit"?
Horx: Der Begriff "Bullshit" wurde von Harry Frankfurt, einem amerikanischen Philosophen als eine Art Null-Diskurs definiert – Unsinn zu erzählen, aber dabei dermaßen auf die Pauke zu hauen, dass sich keiner traut, zu widersprechen. Beim "Bullshit Bingo" muss man nur drauf achten, welche Hohl-Worte zum Beispiel auf einer Konferenz benutzt werden: "Nachhaltige Wachstumsstrategie " oder "Werteorientierte Marktpenetration".

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BZ: Inwiefern trifft das auf die Zukunft zu?
Horx: In jeder Zukunfts-Beilage, in jedem Fernseh-Feature über "Die Welt von Morgen" finden wir immer dieselben Klischees: In der Zukunft sitzen wir in unseren Häusern auf dem Sofa, lassen von Robotern unsere Alten pflegen, und bedienen alles mit einer virtuellen Fernbedienung. Wir lassen uns Denkverstärker ins Hirn implantieren und "monitoren" alle unsere Körperfunktionen mit sensationellen Apps. Wir werfen die Waschmaschine oder den Herd vom automatisch fahrenden Auto aus an, der Kühlschrank ist intelligent und all unser Leben "smart vernetzt". Das ist der typische Zukunfts-Bullshit, den jeder nachplappert, leider auch 90 Prozent aller Journalisten.

BZ: Was ist denn der größte Zukunfts-Bullshit, den man derzeit so hört?
Horx: Eine der großen Morgen-Mythen derzeit ist zum Beispiel die Idee der "unbegrenzten Digitalisierung". Auf jeder Konferenz wird da der ganz große Hammer rausgeholt: Digitalisierung wird unser Leben "radikal umkrempeln", die ganze Wirtschaft "disruptieren" und uns nebenbei auch noch die Hälfte aller Jobs kosten, weil "Künstliche Intelligenz" demnächst auch die Aufgaben von Richtern und Ärzten übernimmt. Das ist totaler Quatsch, und hört sich eben unglaublich sensationell an.

BZ: Sind Sie etwa nicht der Meinung, dass Digitalisierung ein Mega-Trend ist?
Horx: Hinter dem momentanen Gebrauch des Wortes steckt ein Kategorienfehler. Der System-Soziologe Niclas Luhmann hat solche Verwechselungen einmal mit dem Versuch verglichen "Pellkartoffeln anzubauen". Natürlich gibt es digitale Techniken, die Prozesse und Geschäftsmodelle verändern. Aber am Ende lassen sich Menschen nicht wirklich "digitalisieren". Wir sind und bleiben analoge Wesen. Digitale Strategien führen immer wieder zu Gegen-Reaktionen, zu einer Sehnsucht nach dem Sinnlichen, dem Handwerklichen, dem Konkreten, dem Persönlichen. Digitale Bücher ersetzen Bücher aus Papier nicht, genauso wenig wie das Fernsehen das Kino abgeschafft hat. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient lässt sich nicht in Nullen und Einsen darstellen, weil es eine humane Beziehung ist. Wenn einfache Tätigkeiten, wie das schon immer der Fall ist, durch Technologie produktiver werden, dann heißt das nicht, dass "Arbeit ausstirbt". Es werden ganz schnell ganz viele neue, komplexere Jobs und Tätigkeiten entstehen. Zukunft ist eine Evolution, und komplexe Systeme haben hohe Grade von Selbstorganisation. Wir müssen immer die Wechselwirkungen verstehen, um ein realistisches Bild von Morgen zu gewinnen.

BZ: Wie kommt es zu solchen Klischee-Vorstellungen über die Zukunft?
Horx: Unser Hirn neigt zu vereinfachten, linearen Welt-Modellen, und daraus entstehen die meisten Zukunfts-Irrtümer. Hinter dem Digital-Hype steht auch ein bestimmtes männlich-utilitaristisches Zukunftsbild, das sich im Laufe der industriellen Gesellschaft herausgebildet hat. Die inneren Strukturen der Gesellschaft, die sozialen Evolutionsprozesse, die menschlichen Beziehungen und Emotionen, werden in dieser Sichtweise vernachlässigt. Alles soll durch Technik "gelöst" werden, und Technik nimmt uns gleichzeitig auch die Entscheidungsmöglichkeiten ab, sie "macht uns bequem". Wir nennen das auch "Kleine-Jungs-Zukunft."

BZ: Ist die Zukunft eine Art männlicher Abenteuerspielplatz?
Horx: So könnte man das sagen. Dabei haben wir inzwischen mehr Lösungen als Probleme; viele Technologien verkaufen den Leuten etwas, was sie weder wollen noch brauchen. Interessanterweise gibt es ja nur wenige Frauen in der Zukunftsforschung, und das ist sicher kein Zufall. Wir versuchen das zu ändern, und wir beschäftigen uns dabei intensiv mit Disziplinen wie Komplexitätstheorie, Spieltheorie, dynamischen Evolutionsmodellen, aber auch mit der Frage kognitiver Verzerrungen: Unser Hirn, unsere ganze Kultur neigt einerseits zu technoiden Erlösungs-Phantasien, andererseits zu hysterischen Angst- und Apokalypse-Bildern. Beides ist unterkomplex.

BZ: Was können Sie uns also über das nächste Jahr verraten?
Horx: "Das nächste Jahr" ist für seriöse Zukunftsforschung ziemlich uninteressant, weil wir nicht in Jahreszahlen rechnen. Aber wir können für die nächste Zeit eine Menge Trends sehen, die sich eher aus den Gegentrends entwickeln. Es entwickelt sich derzeit ein "Digitaler Backlash" – eine Revision unseres Verhältnisses zum Internet. Immer mehr Menschen steigen aus dem digitalen Überkonsum aus, weil sie die digitalen Hypes und Überreizungen satthaben. Eine neue Bewegung der medialen Achtsamkeit entsteht. Wir stehen auch am Anfang einer neue Phase des ökologischen Wandels, die wir "Ökomodernismus" nennen: Bislang waren ökologische Fragen ja stark von Schuldgefühlen und Verzichtslogik geprägt. In Zukunft kann grüner Konsum Spaß machen, können ökologische Produkte gut aussehen und begehrenswert sein – erst das wird die grüne Wende bringen. Entgegen den üblichen Abgesängen deutet auch viel darauf hin, das Europa in den nächsten Jahren eine Renaissance erleben wird – gerade weil es so viele politische Herausforderungen gibt: Europa reloaded.

BZ: Wird nicht die Anzahl der Krisen und Katastrophen immer größer, so dass man gar nichts mehr voraussagen kann, weil alles immer chaotischer wird?
Horx: Auch das gehört zu unserer "Future Bias", unserer Zukunfts-Verzerrung: Unser Hirn "starrt" immer auf das, was nicht funktioniert – und blendet aus, was gelingt. Viele globale Trends gehen in eine gute Richtung – man schaue sich einmal die Videos von Hans Rosling an, dem genialen Globalisierungs-Statistiker. (http://www.gapminder.org Die Vereinigten Nationen haben ja soeben neue "Global Goals" verkündet, die durchaus realistisch sind. Wir werden, da bin ich sicher, auch die "De-Karbonisierung" schaffen und die globale Erwärmung ausbremsen. Die Steinzeit ist ja auch nicht durch den Mangel an Steinen zu Ende gegangen! Vor allem aber brauchen wir einen geistigen Paradigmenwechsel: Vom ewigen Jammern zu einem pragmatischen Optimismus. Wir nennen das auch Possibilismus: Zukunft beginnt dann, wenn wir sie für möglich und gestaltbar halten.
Matthias Horx

Der 60-Jährige gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nach einer Laufbahn als Journalist gründete er zur Jahrtausendwende das "Zukunftsinstitut", das Unternehmen und Institutionen berät. Seine Bücher wie "Anleitung zum Zukunftsoptimismus" oder "Das Buch des Wandels" wurden Bestseller. Als Gast-Dozent lehrt er Prognostik und Früherkennung an verschiedenen Hochschulen. Er wohnt in London, Frankfurt und Wien.

Autor: Daniel Dettling