Buch in der Diskussion

Björn Höckes Stichwortgeber: Die Köpfe der Neuen Rechten

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Mi, 22. März 2017 um 22:22 Uhr

Literatur & Vorträge

Der Historiker Volker Weiß wirft in seinem Buch "Die autoritäre Revolte" Schlaglichter auf führende Köpfe der "Neuen Rechten" und deren Ideen. Für Weiß ist diese Neue Rechte eine "Gefahr".

Björn Höcke ist ein bekannter Mann. Götz Kubitschek weniger. Der eine ist das Gesicht des völkisch-nationalistischen Flügels der AfD. Der andere aber ist sein Stichwortgeber – einer der Köpfe der Neuen Rechten.

Dieser Begriff bezeichnet eine Szene aus Intellektuellen und Aktivisten, die sich einen Kulturkampf in Deutschland auf die Fahnen geschrieben haben: gegen Einwanderung und für ein ethnisch bestimmtes Volk, gegen den Islam und für das "Abendland", gegen Homosexualität und für ein traditionelles Geschlechterverhältnis, gegen Liberalismus und für einen starken Staat. Kubitscheks privates Institut für Staatspolitik (IfS) gehört dazu genauso wie diverse Publikationen – Junge Freiheit, Sezession, Compact –, die Pegida und die Identitäre Bewegung, NPD-Funktionäre und rechts außen stehende AfD-Mitglieder.

Volker Weiß wirft in seinem Buch "Die autoritäre Revolte" Schlaglichter auf führende Köpfe der Neuen Rechten und ihre Ideen. Der promovierte Historiker und Publizist ist damit für den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der am heutigen Donnerstag vergeben wird.

Ausdrücklich bezeichnet Weiß die Neue Rechte als "Gefahr". Eine Kampfschrift aber ist sein Buch nicht, sondern eine ideengeschichtliche Analyse in aufklärerischer Absicht, die auch auf Widersprüche in der Ideologie der Neuen Rechten hinweist.

Diese selbst sieht sich als Nachfolgerin der "Konservativen Revolution". Unter diesem Begriff subsumierte 1949 der Doktorand und spätere Publizist Armin Mohler all jene, die in der Weimarer Republik politisch rechts außen gestanden, aber sich nicht ganz mit den Nazis eingelassen hatten.



Weiß zeichnet in seinem Buch viele persönliche Beziehungen nach. Götz Kubitschek sprach auf Mohlers Beerdigung 2003, eine Biographie Mohlers erschien in seinem Verlag, verfasst von Karlheinz Weißmann, der wiederum mit Kubitschek 2000 das IfS gegründet hatte. Der Kreis um die 1986 in Freiburg gegründete Wochenzeitung Junge Freiheit und ihren Chefredakteur Dieter Stein, die Identitäre Bewegung mit den Österreichern Martin Lichtmesz und Martin Sellner an der Spitze, die Pegida-Anführer Lutz Bachmann und Tatjana Festerling – sie gehören zum Personal der Neuen Rechten, das sich gegenseitig zu Demonstrationen, Vorträgen oder Artikeln einlädt.

Zu den Konzepten dieser Szene gehört das der Provokation. Ähnlich wie einige linke Studentengruppen der späten 60er versuchten erst die "Konservativ-subversive Aktion" von Kubitschek und dann die Identitäre Bewegung mit medienwirksamen Besetzungen von Hörsälen oder des Brandenburger Tors ihre Botschaft in die Öffentlichkeit zu transportieren.

Auf die Straße aber drängt es, bei allen Schulterschlüssen mit Pegida-Demonstranten, die Neue Rechte eher nicht. Sie will Begriffe lancieren, sie will in der Bildungselite Fuß fassen.Über die innenpolitischen Staatskonzepte der Neuen Rechten erfährt man bei Weiß leider nur wenig.

Dafür viel über ihre "Hassliebe zum Islam": Wird einerseits die Gefahr muslimischer Einwanderung beschworen, wird andererseits der angeblich kämpferischen Religion Islam Bewunderung entgegengebracht. Nach dem Konzept des "Ethnopluralismus" soll jedes Volk auf seinem angestammten Boden seine eigene Kultur ausbilden, leben – und gegen andere verteidigen.

Zugleich allerdings, auch das zeigt Weiß ausführlich, pflegt die Neue Rechte wieder die Idee eines Reiches. So hegt sie große Sympathie für Wladimir Putins Außenpolitik und diskutiert über ein mögliches "Eurasien", das sich dem Westen, vor allem den USA, gegenüberstellen soll.

Weiß führt vor, wie widersprüchlich die Konzepte der Neuen Rechten sind, auch wie inhaltsleer sie teils sind. Der Begriff des "Abendlands", den Pegida im Namen trägt, sei "nichts als ein Kampfbegriff, dessen Bedeutung geradezu willkürlich geändert werden kann", losgelöst von "allen historischen Spuren". Dass er trotzdem diese Spuren zwanzig Seiten lang verfolgt, resultiert wohl aus der Faszination des Autors für Ideengeschichte.

Auch als Leser muss man diese Faszination mitbringen. Denn in der politischen Analyse bleibt Weiß’ Buch vage. Und es ist, weil im November 2016 abgeschlossen, auch schon wieder überholt. Während er noch von einer "zentralen Rolle" der Neuen Rechten in der AfD schreibt, hat in der Partei mit der Dresdner Rede von Björn Höcke und dem Parteiausschlussverfahren gegen ihn vielleicht schon die Abspaltung dieses Flügels begonnen.


Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Klett-Cotta, Stuttgart 2017. 304 Seiten, 20 Euro