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09. April 2011

Im digitalen Kriechgang nach Hawaii?

Einige Gemeinden versuchen der lahmen Internetversorgung auch mit Geld endlich Beine zu machen / Krasse Tempounterschiede.

  1. Auffahrt zur Datenautobahn: Die Telekomanlage in Eichstetten sorgt dafür, dass am Ort im Telefonnetz mittlere Übertragungsgeschwindigkeiten im Internet möglich sind. Im drei Kilometer entfernten Bötzingen sinkt dagegen das Tempo, mit dem die Datenpakete in die Häuser kommen, deutlich. Foto: manfred frietsch

BREISGAU. Die Internetversorgung gehört zur Infrastruktur wie ein Anschluss ans Stromnetz. Das gilt für Wohnungen und noch mehr für Gewerbebetriebe. Dabei gibt es aber Unterschiede in der Qualität, sprich in der Geschwindigkeit, mit der ein Internetanschluss Zugang zum weltweiten Datennetz verschafft. Im ländlichen Raum liegt hier noch Vieles im Argen. Es besteht Handlungsbedarf für jede Kommune.

Volker Kieber erlebt die Klassenunterschiede in der digitalen Datenwelt fast täglich. Zuhause, im Gottenheimer Neubaugebiet Steinacker-Berg, hat der Familienvater eine blitzschnellen Zugang ins "worldwideweb". Mit über 50 Megabit pro Sekunde flitzen die Daten ins Haus. Filme online in Topqualität schauen und andere, mit großen Datenmengen arbeitende Nutzungen sind da gar kein Problem. Das ist ein Surfen im Internet wie beim Wellenreiten vor Hawaii oder an Australiens Küsten. Ganz anders erlebt es der Bürgermeister tagsüber an seinem Dienstort im Rathaus. Dort muss er sich mit einem Megabit pro Sekunde begnügen. "Tatsächlich ist es oft noch weniger, wir haben erst neulich Übertragungsgeschwindigkeiten von 250 bis 350 Kilobit je Sekunde gemessen", schildert Kieber den Büroalltag. Das reicht für den normalen E-Mail Verkehr, aber kaum, wenn es um das Versenden oder Empfangen größerer Datenmengen oder gar um online arbeitende Anwendungen geht. Da gleicht die digitale Fortbewegung eher dem Kriechgang einer Strandschildkröte.

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Davon kann, nur vier Kilometer weiter, auch Karlheinz Schönberger ein Lied singen. Seine Elektronikfirma ist vor wenigen Jahren ins neue Bötzinger Gewerbegebiet Frohmatten gezogen, wie die ebenfalls dorthin umgezogenen Nachbarbetriebe in einen modernen Neubau. "Doch kommunikationstechnisch", so stöhnt der Firmenchef, "stecken wir noch irgendwo in den 80er Jahren." Selbst von den bescheidenen ein bis zwei Megabit pro Sekunde – der offiziellen Breitband-abdeckung in der 5300-Einwohner-Gemeinde – kann er die meiste Zeit nur träumen. Denn das Gewerbegebiet hängt ganz am Ende des Telefonnetzes, das vom Hauptverteiler in Eichstetten aus erschlossen wird, also vom entgegen gesetzten Ortsende her. Und je länger die Wege im Netz der kupfernen Telefonleitungen sind, desto mehr wird die Geschwindigkeit der Datenmengen abgebremst, vor allem, wenn gleichzeitig mehrere Nutzer online sind. Dann steht man im Bötzinger Gewerbegebiet praktisch schon bei der Anfahrt zur Datenautobahn im Stau.

Schönberger hat deshalb vor drei Jahren in einer Umfrage bei den Bötzinger Firmen den Stand der Internetversorgung abgefragt. Das Ergebnis: Fast alle hatten im Werktagsbetrieb unter 1 Megabit pro Sekunde. "Das ist kein Zustand" folgert Schönberger. Um den zu ändern, gäbe es technische Kniffe, wie das Kaskadieren, eine Art Bündelung der Kupferkabel. Das könnte einzelne Anschlüsse schneller machen, nicht aber ein flächiges Netz. Darum war Schönberger vor einem Jahr – mittlerweile Gemeinderat geworden – auch entschiedener Unterstützer eines Versuchs der Gemeinde, mit der Firma NeckarCom, einer Tochter des Energieversorgers EnBW, eine Breitbandversorgung aufzuziehen. Am Ortseingang von Eichstetten her hätte man an eine schnelle Glasfaserleitung der EnBW angedockt und so mindestens 6 Megabit in den ganzen Ort gebracht. Bei der Verlängerung der Glasfaser – die anders als Kupfer keine Datenübertragung dämpft – zu Unterverteilern im Telefonnetz hätte man fast überall 16 Megabit anbieten können. Doch Neckarcom wollte für die Investition mindestens 230 Kundenverträge für künftige Internetnutzung sicher haben. Diese Zahl aber, so Bötzingens Bauamtsleiter Christian Bodynek, kam nicht einmal zur Hälfte zusammen. "Uns hätte das nichts gekostet", bedauert Bodynek, dass sich der Handel zerschlagen habe.

Was in Bötzingen schiefging gelingt in Vörstetten

Dass es auch anders gehen kann, zeigt das Beispiel Vörstetten. Hier ging es um die Verlegung von drei Kilometer Glasfaser von Denzlingen her. Die Telekom hätte dies nur mit einer hohen Kostenbeteiligung der Gemeinde gemacht, also forcierte die Gemeinde die Werbung für die von Neckarcom auch hier geforderten 230 Kundenverträge, bis diese nach über einem halben Jahr Ende November beisammen waren. Da die Telekom sich laut Bürgermeister Lars Brügner sträubte, die Glasfaser des Konkurrenten an ihren Hauptverteiler anzuschließen, geht man einen anderen, im Ergebnis noch schnelleren Weg. Die Glasfaser wird – unter Nutzung auch alter, von der Gemeinde vor Jahren übernommener Leerrohre – in den Ort hinein verlängert zu elf Kabelverzweigerkästen der Telekom. Dort stellt Neckarcom eigene Verteiler dazu, von denen dann für jeden Internetkunden die Verbindung zum Telefonverteiler der Telekom gesteckt wird. Nur auf den letzten Metern ist Neckarcom also so etwas wie Mieter der kupfernen Telefonleitung. Auf diese Weise werden überall 30 Megabit/sec und mehr erreicht. Die Gemeinde, halb so groß wie Bötzingen, steuert 70000 Euro für die Arbeiten bei, die diesen Sommer fertig werden sollen. "Wir bekommen Besseres für weniger Geld" freut sich Bürgermeister Brügner.

Auch March öffnet die Kasse, um mit der Telekom als Partner die Versorgung seiner ländlichen Ortsteile Neuershausen und Holzhausen zu verbessern. Rund 200 000 Euro unter anderem für zwei fehlende Leerrohre für Glasfaserleitungen schießt die Gemeinde zu. Dann sollen überall 6 Megabit/sec oder mehr erreicht werden. In Merdingen packte die Gemeinde voriges Jahr die Chance beim Schopf, als sich das Kalkwerk von Ihringen eine Glasfaserleitung legen ließ. Die Kommune ließ eine Abzweigung ins Dorf legen, für nötige Grabarbeiten steuerte sie rund 33 000 Euro bei. Wenn die Telekom nun noch die Unterverteilung vollends geregelt bekommt, sind praktisch flächendeckend 16 Megabit/sec drin.

Dass ausgerechnet das große und gewerbestarke Bötzingen nur knapp vor den digitalen Schlusslichtern am Kaiserstuhl, wie Jechtingen oder Königschaffhausen rangiert, will Gemeinderat Karlheinz Schönberger nicht länger hinnehmen. "Wenn man Geld in die Hand nimmt, stehen die Anbieter vor der Tür" ist er überzeugt, "die Schnittstelle für ein schnelles Internet liegt beim Willen der Gemeinde". Technisch möglich wäre vielleicht auch die Nutzung eines Leerrohrs, das die EnBW erst vergangenes Jahr von Gottenheim nach Bötzingen verlegte.

In Gottenheim selbst hat die Gemeinde bei den Bauarbeiten in Haupt- und Bötzinger Straße immer gleich Leerrohre verlegen lassen. Bürgermeister Kieber will damit nun die Leitungskapazität im Dorf verbessern, mit der Telekom oder auch anderen Anbietern. Ein solcher hat den superschnellen Netzzugang im Neubaugebiet Steinacker-Berg beschert: Die Firma Kabel-BW. Sie hat von ihrer neben der Bahnlinie Breisach-Freiburg verlaufenden Leitung für das Kabelfernsehen mit einem eigenen Netz das Neubaugebiet versorgt. Kosten von 32 000 Euro finanzierte die Gemeinde und legte sie auf die Erschließungsbeiträge für die Baugrundstücke um. Auch in Wasenweiler, sowie in großen Teilen Umkirchs, bietet die Kabel-BW über ihr Kabelnetz schnellen Internetzugang an, ohne dass Kunden auch Kabelfernsehen bestellen müssen.

Für Bötzingen oder den größten Teil Marchs geht das nicht, da hier keine solchen Leitungen der Kabel-BW liegen, ebenso in Eichstetten. Dort freilich fährt die Gemeinde dank des hier ansässigen Zentralverteilers der Telekom recht zügig auf die Datenautobahn. Bis auf wenige entlegene Ecken im Dorf lässt es sich mit 6 bis 16 Megabit durchs Telefonnetz surfen. Das ist nicht so wie im Surferparadies Hawaii, aber mindestens wie in einer flotten Brise vor Borkum oder Rügen.

Autor: Manfred Frietsch