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21. Juni 2013

Die Form des Konzerts aufgemischt

Felix Behringer und das Ensemble Vario:Ton verbinden bei ihrem Auftritt im Schloss Bonndorf Schauspiel und Musik.

  1. Mit ihrem Konzeptkonzert „Liebesverbrechen“ traten Felix Behringer und das Ensemble VARIO:TON an, um die verstaubte Form des Konzertes gründlich aufzupolieren Foto: Karin Stöckl-Steinebrunner

BONNDORF. Klarinettist Felix Behringer erwähnte in seiner kurzen Einführung zu dem von Prokurist Peter König als Preisträgerkonzert der Volksbank Hochrhein-Stiftung angekündigten Konzeptkonzert "Liebesverbrechen" nicht umsonst, dass er im Anschluss an sein Instrumentalstudium den Studiengang "Contemporary Performance" in New York absolviert hat, war doch die Performance, die das Publikum auf Schloss Bonndorf zu sehen bekam, in der Tat nicht alltäglich zu nennen.

Gemeinsam mit dem Ensemble Vario:Ton, bestehend aus Sopranistin Christie Finn, Percussionist Philipp Lamprecht und Schauspieler Max Pross, polierte Behringer die verstaubte Form des herkömmlichen Konzertes gewaltig auf, denn jedes Konzert des Ensembles bringt nicht nur moderne Musik zu Gehör, es speist sich gleichzeitig aus einer grundlegenden Dramaturgie – hier die Geschichte einer durchaus verbrecherisch inszenierten Verführung.

Als Vorlage für das eigens für Schloss Bonndorf entworfene Konzept mit dem Titel "Liebesverbrechen" diente das Werk "Sept crimes de l’amour" des in Frankreich lebenden griechischen Komponisten Georges Aperghis. Dazu setzte Max Pross Teile des im 18. Jahrhundert verfassten Briefromans "Gefährliche Liebschaften" von Choderlos de Laclos und damit einen dem Konzertort im barocken Saal des Schlosses in besonderer Weise adäquaten Text in Szene.

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Aperghis, prominenter Vertreter des experimentellen Musiktheaters, arbeitet in seinen Minidramen mit Sprachfetzen, Lauten und Geräuschen, die in eine Sprache der Affektäußerungen jenseits semantisch nachvollziehbarer Zusammenhänge gefasst werden.

Behringer hatte dem Publikum empfohlen, sich an den in neuer Musik noch sehr frei verfügbaren Klängen zu begeistern, und in der Tat gab es eine große Vielfalt an Klängen. Sie reichten vom hohen Wispern der Sopranistin bis zum tiefsten Basston der Klarinette, von bedrohlich wirkenden Tonwiederholungen bis zu leicht lasziven Melodien mit französischem Anklang der gesungenen Silben. Auch singende Sägen kamen zum Einsatz. Faszinierend war dabei die Präzision der Choreographie, des Zusammenspiels aller Mitwirkenden einschließlich jeder Geste, jedes Blicks. Faszinierend auch die Entfaltung einer ganz eigenen, aufeinander Bezug nehmenden Eloquenz von Singstimme und Instrument. In kurzen Bildern definierten sich zunächst die Musiker als in unterschiedlichen Beziehungen befindlich – im gemeinsamen Ausblick auf das Kommende, in der Interaktion, in der Abwendung.

Der unendliche Kreislauf von Verführen und Verlassen

Mit dem Eintritt der Textebene in Gestalt des Schauspielers erhielt die Musik eine kommentierende Komponente, etwa wenn die singende Säge die Aussage des Briefschreibers Valmont untermalte, er bereue der tugendhaften Ehefrau Madame de Tourvel seine Liebe eröffnet zu haben. Umgekehrt kommentierte eine Textpassage die Musik, wenn beispielsweise zur erpresserischen Aussage, erhöre sie ihn nicht, dann werde er die Seele einer Unschuldigen in die Tiefe reißen, eine sanfte Gesangsmelodie erklang. Die Verführung selbst, im Text nur als zukünftig respektive vergangen präsent, wurde in der Musik zum tatsächlichen Erlebnis in Form aufgeregter Linien, großer Intervallsprünge und von Rufen untermauerter Trommelrhythmen.

Der Gewährung folgte, offenbar unweigerlich, der Überdruss, die ersten kurzen Bilder vor dem Auftritt des Schauspielers fanden nach seinem Abgang ihre sich zum Kreis schließende Entsprechung am Ende, wobei das nochmals wiederholte gebannte Warten ganz zum Schluss andeutete, dass dieser verbrecherische Kreislauf von Verführung und Verlassen nie ein Ende haben wird.

Autor: Karin Steinebrunner