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08. Juni 2015

Nach dem Aufstieg kommt der Fall

Das Leben des Johann Nepomuk Hiltmann / Teil II: Dem Revolutionär drohen neun Jahre Zuchthaus / Flucht in die Schweiz.

  1. Johann Nepomuk Hiltmann (schon erblindet) mit seinen Enkelkindern Paula (geb. 1868) und Justus (geb. 1870) Bender, wenige Jahre vor seinem Tod in Tauberbischofsheim. Ulrich Werner Schulze Foto: Uli Schulze

  2. Das Flugblatt (Ausriss) vom 22. Februar 1849 aus Anlass der Gründung des Volksvereins in Offenburg, beschreibt exemplarisch die Zielsetzungen der badischen Volksvereine im revolutionären Frühjahr 1849. Foto: Uli Schulze

BONNDORF. Johann Nepomuk Hiltmann war 1837 zum Bürgermeister von Bonndorf gewählt worden – alles schien gut zu gehen (siehe BZ vom 6. Juni). Im Teil 2 der Historie des bedeutenden Bürgers widmet sich die Badische Zeitung heute dem Lebens- und Leidensweg Hiltmanns. Sie folgt dabei weiter den Aufzeichnungen von Professor Dr. Ulrich Halfmann aus Kirchzarten.

1842: Politische Wirren, politische Neuordnungen. Bei den Wahlen zum Badischen Landtag unterstützt Johann Nepomuk Hiltmann, seit fünf Jahren Bürgermeister, Karl Theodor Welcker. Der liberale Freiburger Professor, Vorkämpfer der Pressefreiheit, gewinnt den Wahlkreis, wird jedoch von Oberamtmann von Reichlin verdrängt. Darüber hält Halfmann fest: Die "Ränkespiele des korrupten Oberamtmann Reichlin hatte Hiltmann stets zurück gewiesen, sein Kampf gegen Misswirtschaft und Schlamperei trugen ihm jedoch die Feindschaft einflussreicher Bonndorfer ein" (wie die des Pfarrers Gerspacher und Pfarrverwesers Kunle). Im März 1842 wurde Hiltmann vom Amt suspendiert. Wegen ihrer eigenen Intrigen kamen Reichlin und Gerspacher später selbst in die Bredouille. Beide mussten Bonndorf verlassen. Hiltmann dagegen wurde am 5. Mai 1843 als Bürgermeister wieder eingesetzt.

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"Ich stand auf und erklärte, dass mich das Benehmen in der heutigen

Gemeindeversammlung so

ergriffen habe, dass ich gehe."

J.N. Hiltmann
Sein Ende fünf Jahre danach war dramatisch. Wenige Tage vor dem Eintreffen des Hecker-Zuges in Bonndorf am 2. April 1848 wollte der Gemeinderat über die Gründung einer Bürgerwehr befinden, die seit 1. April in Baden und Württemberg vorgeschrieben war. Plötzlich drang "ein Haufen in den Saal" und rief: "Es lebe unser Pfarrverweser Kunle. Raus mit dem Gemeinderath. Schlagt sie todt". Obgleich die Situation rasch bereinigt werden konnte, zog Hiltmann sofort Konsequenzen: "Ich stand auf und erklärte, dass mich das Benehmen in der heutigen Gemeindeversammlung so ergriffen habe, dass ich gehe...". Er ging hoch erhobenen Hauptes. Den Heckerzug erlebte er in Bonndorf. Den Revolutionär, der im April 1848 im Ochsen übernachtet und dort entschieden hatte, nicht weiter nach Norden zu ziehen, traf er aber nicht.

Volksvereine, Bürgerwehren
Schon ein Jahr darauf, am 9. April 1849, gründete Hiltmann auf "Ersuchen des Gemeinderathes" im Gasthaus Ochsen einen Volksverein. Das Land war in Aufruhr; das Militär löste sich sukzessive auf und schloss sich den rasch entstehenden "Bürgerwehren" der Volksvereine an, auch in Bonndorf. Hiltmann wurde "Zivil-Kommissär", gab dieses Amt aber schon am 9. Juni an Ferdinand Fritz aus Grafenhausen ab, denn er war zum Abgeordneten für die Verfassungsgebende Versammlung in Karlsruhe am 10. Juni gewählt geworden; schon tags darauf trat er den Dienst als Abgeordneter an. Hiltmann war nun "ganz oben".

Der Anfang vom Ende
Die Geschicke entwickelten sich dramatisch. Krieg brach aus. 12. Juni: Einmarsch der preußischen Truppen in der Pfalz; 15. Juni: Verkündung des Kriegs- und Standrechts in Baden; 21. Juni: Schlacht bei Waghäusel; die badische Revolutionsarmee verliert. Hiltmann notiert: "Mit blutendem Herzen konnte man nur unglückliche Nachrichten aus dem Kriegslager erfahren" – und kehrt als Letzter der von Karlsruhe nach Freiburg evakuierten Versammlung nach Bonndorf zurück, politisch und seelisch geschlagen. Ihm war klar, dass die Preußen ihn inhaftieren würden. Rasch ordnete er seinen Nachlass, ließ alle Ämter ruhen, übergab Geld und Besitz an seine Frau, nahm am 8. Juli 1849 mit Gemeinderechner Bernhard "noch einen Schoppen beim Spiegelwirth Kern" und legte sich schlafen. Seine Frau weckte ihn: "Es ist Zeit, das Fuhrwerk ist gerichtet", flüsterte sie. Hiltmann floh um drei Uhr in der Früh – in die Schweiz.

Flucht in die Schweiz
Flucht heißt fliehen. Wieder und wieder musste Hiltmann sein Quartier wechseln. Sein Verbleib war halb legal, halb illegal. Mal wurde ihm eine Aufenthaltsberechtigung gewährt, mal verwehrt. Jedoch traf er öfter Gleichgesinnte, so Posthalter Faller, Leopold und Martin Frei sowie Julius Kaiser; ferner (im Adler in Feuerthalen) Fidel Gandert aus Donaueschingen, Anton Roth von Engen; Karl Wilhelm Reber aus Kirchzarten; aus Bonndorf stieß Ochsenwirt Riggler dazu –"halb Baden" war zeitweise zu Gast. Am 22. Juli 1849 kam es in Schaffhausen zu einer Begegnung mit seiner Frau, wobei er erfuhr, dass er verurteilt war (zu 9 Jahren Zuchthaus), dass ihr Vermögen beschlagnahmt, seine Frau aber unbehelligt geblieben war. Verurteilt waren auch Joseph Weishaar, Gastwirt in Jestetten; Johann Grüninger aus Rothaus, Ferdinand Fritz. In dieser Zeit wurde Hiltmann immer wieder von seiner unerklärlichen Krankheit befallen, auch sein Augenlicht verschlechterte sich.
Im Juli 1850 suchte er eine feste Bleibe, dachte an Daueraufenthalt. Da wurde ihm am 14. März die Ausweisung eröffnet. In dieser Situation wurde entscheidend, dass Advokat Schoch und der Bonndorfer Stadtpfarrer Kälin Empfehlungen in die Schweiz schickten, Hiltmanns Wirken in der Vergangenheit rühmten und sich auf vielen Wegen für ihn einsetzten; Dr. Rohn aus Luzern verwies auf die mysteriöse schwere Erkrankung. Diese Unterstützung half. Hiltmann bezahlte eine Kaution (von zuletzt 2.000 Reichsgulden) – und durfte bleiben.

Sesshaft im Schweizer Exil
Am 19. April 1851 ließ Hiltmann sich in Zürich nieder, machte Geschäfte im Holzhandel bei der Firma Blum. Dort erfuhr er, dass seine Weggefährten Jakob und Ferdinand Faller im Zuchthaus schmachteten, "aber gesund" waren (sie wurden am 29. August 1851 entlassen); Pfarrer von Braun war schon frei, Ferdinand Fritz dann am 24. Dezember. Jedoch war Hiltmann hin- und hergerissen zwischen seinem Domizil in der Schweiz und seiner Heimat Bonndorf. Am 27. November 1851 schließlich siedelte seine Frau mit den Kindern zu ihm nach Zürich; die Liegenschaften in Bonndorf wurden veräußert. Als in Bonndorf 1854 Typhus ausbrach – in dessen Folge der Friedhof vom Stadtgarten nach dem heutigen Platz nordwestlich der 1850 errichteten Katholischen Kirche verlegt wurde –, starb im letzten Hiltmann verbliebenen Anwesen seine Haushälterin; niemand mochte in das Haus einziehen. Es verfiel. (Leider ist die Lage des Anwesens nirgendwo verzeichnet, auch nicht auf dem Stadtplan von 1827.)
Dass am 9. Juli 1857 Groß-Herzogin Luise von einem gesunden Knaben entbunden wurde, wäre in dieser Abhandlung nicht der Erwähnung wert, wäre damit nicht eine Amnestie verbunden gewesen für die politisch Bestraften der Jahre 1848/49. Hiltmann hörte am 30. Oktober 1857: "Ihr seid frei." Am 9. November reiste Hiltmann mit seiner Familie nach Bonndorf zurück. "Die Verbannung kam zu ihrem glücklichen Ende".

Das Ende
Das Glück dauerte aber nicht lange. Das Leben war mit Johann Nepomuk Hiltmann unerbittlich. Sein Augenleiden verschlechterte sich. Seine Frau befiel ein nicht erklärbares Leiden, sie verstarb an Allerheiligen 1859; bald darauf, am 13. August 1865, sein Sohn Justus. Am 16. Oktober 1867 begab Hiltmann sich in die "Augenheilanstalt" von Dr. Horner, Zürich-Hottingen. Ein letzter Versuch. Monate litt er, die Augen wurden immer schlechter. Hiltmann flieht ins Haus seiner Tochter Josefa, die inzwischen in Tauberbischofsheim lebte. Vage noch verfolgt er den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Er bäumt sich auf – vergebens. Er erblindet. Fünf Jahre danach, am 29. November 1878, stirbt Johann Nepomuk Hiltmann – Bonndorfer Bürger, Bürgermeister, ein Zeitgenosse der badischen Revolution – einsam in Tauberbischofsheim.

Autor: Ulrich Werner Schulze