"Nur aus Freude am Zerstören?"

skk

Von skk

Mo, 10. September 2018

Bräunlingen

Ernst Holzer ist bestürzt / Modell in der Bräunlinger Stadtkirche wird immer wieder beschädigt.

BRÄUNLINGEN (guy). Ernst Holzer ist pensionierter Maschinenbauer. Und Ernst Holzer ist Künstler. Er selbst würde sich aus Bescheidenheit womöglich nicht so bezeichnen, seine Arbeit verdient dieses Prädikat durchaus. Holzers Prunkstück befindet sich in der Bräunlinger Stadtkirche, vorne in der Nähe des Altars: Eine Miniaturversion der Kirche im Maßstab 1:100 nachgebaut.

Was Holzer in einem Zeitraum von drei Jahren mit etlichen Knobeleien, viel handwerklichem Können und Herzblut geschaffen hat, ist aktuell arg in Mitleidenschaft gezogen. Der 84-Jährige hat sich daher entschieden, die Situation öffentlich zu machen: "Ich verstehe das nicht und bin immer wieder ganz aufgelöst." Das kleine Modell weist an etlichen Stellen erhebliche Schäden auf, die der kleinen Stadtkirche absichtlich zugefügt wurden. Die Madonna an der Front war ganz herausgebrochen, das Fenster-Rondell ebenfalls. Holzer hatte es vor der Kirche auf dem Boden wieder entdeckt. In den Münzschlitz, der die Kirche erleuchtet und Glockenklang erschallen lässt, hatte jemand Wachs geträufelt, auch ein Fremdkörper steckte darin fest. Offensichtlich habe man auch versucht, die kleine Geldkassette gewaltsam zu öffnen.
Reparaturen hatte Holzer immer wieder mal vornehmen müssen, allerdings nicht in diesem Maße: "Mal war ein Fenster eingedrückt, ich gehe aber davon aus, dass das vielleicht ein neugieriges Kind war." Die Fenster hat er im Original abfotografiert und dann über eine Bildbearbeitung wieder in das übliche Format gebracht. Kein einfaches Unterfangen, gilt es doch die optischen Verzerrungen auszugleichen.

Mittlerweile sei jedoch das Höchstmaß erreicht: Am Modell fehlt der kleinere zweite Turm komplett. Abgerissen. Dazu ist Absicht und Kraft notwendig. Auf der Spitze des Hauptturmes fehlt die Kugel mit Kreuz. Holzer wird den Turm neu bauen. Damit sind jedoch auch einige Mühen verbunden: Etwa 30 bis 40 Stunden Arbeitszeit muss er dafür einplanen. "Mir fällt das immer schwerer, die Hände wollen nicht mehr genau so wie früher", erklärt er. Viele der Teile seien zudem sehr schwer herzustellen. Die Falze am Dach sind etwa aus Nähfaden gemacht, der in Ölfarben getränkt wurde. Die bunten Dachziegel sind filigran von Hand aufgemalt. Vor allem plagt den 84-Jährigen aber das Unverständnis über den Vandalismus: "Wer macht so etwas und warum? Nur aus Freude am Zerstören?"