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02. Oktober 2014

Aus dem Urwald nach New York

BZ-INTERVIEW mit Michael Obert über seinen Film "Song From The Forest", der am Wochenende im Breisacher Kino gezeigt wird.

  1. Der amerikanische Louis Sarno, der seit fast 30 Jahren im zentralafrikanischen Regenwald bei dem Pygmäen-Stamm Bayaka lebt, in einer Szene des Films „Song from the Forest“ Foto: Tondowski Films/RealFiction/DPA

  2. Michael Obert Foto: privat

BREISACH. Seinen preisgekrönten Dokumentarfilm "Song From The Forest" stellt der Journalist, Buchautor und Filmemacher Michael Obert am 4. und 5. Oktober in den Engel-Lichtspielen in Breisach vor. Obert ist in der Europastadt am Rhein geboren und aufgewachsen. Zu der Breisacher Aufführung seines preisgekrönten Streifens sprach BZ-Mitarbeiter Kai Kricheldorff mit Michael Obert über seinen Film und die Beziehung des Autors zu seiner Heimatstadt Breisach am Rhein.

BZ: In Ihrem Film "Song From The Forest" geht es um das Leben in ganz gegensätzlichen Zivilisationen und es geht um Musik. In wieweit kann sie ein Bindeglied zwischen verschiedenen Kulturen sein?

Obert: Bei der Arbeit an meinem Film habe ich die Musik als universelle Sprache entdeckt, die von jedem Menschen auf diesem Planeten verstanden wird. Für die Musik der Bayaka gilt das ganz besonders. Ihre polyphonen Gesänge umschwirren uns wie ein Sammelsurium aus Insekten- und Vogelstimmen, sie schienen einen geheimen Code zu enthalten, so etwas wie den Schlüssel zum Wesen des Regenwaldes. Tief im Innern dieser Musik erahnen wir die geheimnisvolle Nähe einer Welt, die auch einmal die unsere gewesen sein muss. Als noch alle Menschen Jäger und Sammler waren. Vor einer Ewig

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keit.

BZ: Die beiden Hauptprotagonisten, der Musikwissenschaftler Louis Sarno und sein Sohn Samedi, unternehmen die Reise aus dem afrikanischen Regenwald in die Megastadt New York. Ist sie für den Vater eine Rückkehr zu seinen schon fast verschütteten Wurzeln in den USA und für den Sohn der Aufbruch in eine neue Heimat?

Obert: In New York erlebt der Film eine überraschende Wendung: Der Pygmäenjunge Samedi, der den Regenwald noch nie verlassen hat, ist von den Hochhäusern und dem chaotischen Verkehr nicht im Geringsten beeindruckt. In seinem Parka, den Turnschuhen und der Baseballkappe wirkt er nach wenigen Tagen, als sei er in Manhattan aufgewachsen. Sein Vater hingegen erleidet einen schweren Kulturschock. Ihn überfällt das Gefühl, nicht mehr nach Amerika zu gehören; dazu kommen eine lebensbedrohliche Krankheit und Sorgen über Schulden, die er in Afrika angehäuft hat, um den Bayaka zu helfen. Die Reise der beiden steuert auf einen Rollentausch zu: Der Vater wollte dem Sohn seine Welt zeigen, doch am Ende zeigt der Sohn seinem Vater, wo es lang geht. Selbst in einem fiktiven Drehbuch hätte man es sich nicht besser ausdenken können.

BZ: Breisach ist Ihre Geburtsstadt, in der Sie aufgewachsen sind. Welche Beziehung haben Sie heute zu Ihrer Heimat?

Obert: Eine sehr liebevolle Fernbeziehung. Die Hälfte meiner Zeit lebe ich in Berlin, die andere Hälfte bin ich unterwegs in fernen Ländern. Breisach habe ich immer dabei: meine Familie, meine Breisacher Freunde, mein Elternhaus in der Rheintorstraße, die Panzerrampe am Rhein, in dem ich als Junge schwimmen lernte, angelte und mich an Bord der Frachtschiffe träumte. Breisach – für mich bedeutet das glückliche Erinnerungen und bei meinen Besuchen immer wieder das Gefühl von Nähe und Geborgenheit.

BZ: Was bedeutet es Ihnen, diesen Film jetzt in Breisach, in den gerade vor der drohenden Schließung geretteten Engel-Lichtspielen zeigen zu können?

Obert: In den Engel-Lichtspielen habe ich als Kind meine ersten Kinofilme gesehen: ’Jäger des verlorenen Schatzes’, ’Das Boot’, ’Das Imperium schlägt zurück’ oder ’Es war einmal in Amerika’. Ich erinnere mich noch genau an die weißen Mäuse, die mir Frau Mattheis sonntags mit dem Ticket und einem Augenzwinkern an der Kasse zuschob. Und wie diese Süßigkeiten zwischen meinen Zähnen klebten, während ich mit großen Augen vor der Leinwand saß, diesem Fenster zu den fantastischsten Welten. Ich bin sehr froh, dass das Breisacher Kino gerettet werden konnte. Wenn ich dort jetzt – 40 Jahre später – meinen Film zeige, schließt sich ein großer Kreis meines Lebens.

Den Film "Song From The Forest" zeigt das Kommunale Kino in den Engel-Lichtspielen am Samstag, 4. Oktober um 20.15 Uhr und am Sonntag, 5. Oktober um 17.30 Uhr. Filmemacher Michael Obert ist bei beiden Aufführungen anwesend.

ZUR PERSON: MICHAEL OBERT

Der Journalist Michael Obert wurde 1966 in Breisach geboren. Nach dem Abitur am Martin-Schongauer-Gymnasium (1984) studierte er Betriebswirtschaft und war Anfang der 90er Jahre für die Breisacher Spedition Kleyling einige Zeit in Paris tätig. Nach einem zweijährigen Südamerikaaufenthalt wechselte Obert in den Journalistenberuf. Seither schreibt er Reportagen aus vielen Ländern der Welt, auch aus Krisengebieten Afrikas und des Mittleren Ostens geschrieben. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Er hat auch mehrere Bücher geschrieben. Seit 2002 lebt Obert in Berlin.  

Autor: kff

Song from te Forest

"Song from the Forest" ist der erste Dokumentarfilm von Michael Obert. Er wurde auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam mit dem Hauptpreis prämiert. Der Film erzählt die Geschichte des US-amerikanischen Musikwissenschaftlers Louis Sarno, der sich auf die Spuren der Musik der Bayaka, eines Pygmäenstammes in Zentralafrika, begibt. Seit fast 30 Jahren lebt Sarno mit den Bayaka im Regenwald. In dieser Zeit hat er die traditionelle Musik dieser von westlicher Zivilisation weitgehend abgeschirmt lebenden Jäger und Sammler studiert, aufgenommen und damit für die Nachwelt bewahrt. Denn die magischen Gesänge und faszinierenden Instrumentalstücke der Bayaka sind bereits größtenteils verschwunden. Durch die Zerstörung des Regenwaldes, durch Wilderei und tödliche Krankheiten ist die Existenz dieses Naturvolkes und damit auch seine Kultur hochgradig gefährdet. Filmisch begleitet Obert die Reise von Louis Sarno und seinem 13-jährigen Sohn, dem Pygmäenjungen Samedi, nach New York. Die Musik der Bayaka spielt dabei eine herausragende Rolle.

Weitere Informationen zum Film gibt es im Internet auf http://www.songfromtheforest.com
 

Autor: kff

Autor: kff