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05. Juni 2012

"Ein aufgeschlagenes Buch"

Die Wissenschaftlerin Anne-Christine Brehm beschäftigt sich mit der Baugeschichte des Breisacher Münsters.

  1. Anne-Christine Brehm forscht über die Baugeschichte des Breisacher Münsters. Dabei findet sie in alten Bauzeichnungen oft wichtige Hinweise. Foto: Karlsruhe Institute of Technology / KIT

BREISACH. Die Planung und der Bau des Hochchors sowie die Westerweiterung und die Innenausstattung des Breisacher Münsters waren die zentralen Themen eines Vortrags, den Anne-Christine Brehm, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Baugeschichte (KIT), im katholischen Pfarrzentrum St. Hildegard hielt. Neben der detaillierten Darstellung der Planung und Realisierung berichtete Brehm auch darüber, welche Bauarbeiten welchen Baumeistern zugeordnet werden können.

Seit drei Jahren arbeitet Brehm an dem Projekt "Gotische Architekturzeichnungen" mit, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Das ambitionierte Vorhaben läuft im Karlsruher Institut für Technologie, wo Brehm derzeit ihre Promotion über den spätgotischen Baumeister "Hans Niesenberger von Graz" abschließt. Der äußerst gut besuchte Vortrag, der vom Breisacher Münsterbauverein veranstaltet wurde, war inhaltlich und sprachlich eine Glanzleistung und bewies, dass die junge Wissenschaftlerin sich sachkundig, gründlich und umsichtig mit den Fragen zu Baugeschichte und Baumeistern des Breisacher Münsters beschäftigt hat.

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Ein ausradierter Grundriss brachte die Forscher weiter

Der "Nürnberger Bauriss", ein Sammelblatt aus drei verleimten Pergamenten im Germanischen Nationalmuseum, war bei den Recherchen Dreh- und Angelpunkt für weitreichende neue Erkenntnisse auch zur Planung und zum Bau des Breisacher Münsterchors (zirka 1280 bis 1300). Die Beschäftigung mit Bauzeichnungen anderer Kirchen in Süddeutschland, bisherige Forschungsergebnisse und die Untersuchung von Bauteilen vor Ort führten weiter.

Das Sammelblatt in Nürnberg zeigt auf der Vorderseite eine Entwurfszeichnung des Freiburger Münsterturms in einer frühen Planungsstufe. Vor rund zwei Jahren hatten die Karlsruher Wissenschaftler um Professor Johann Josef Böker auf der Rückseite des Pergaments einen ausradierten Grundriss entdeckt. Beim Vergleich mit Architekturzeichnungen in Straßburg wurde dieser als Schnitt durch den Mittelteil der Westfassade des Straßburger Münsters auf der Höhe des Rosenfensters identifiziert.

Damit war der Beweis erbracht, dass der berühmte Baumeister Erwin von Steinbach um 1280 in Straßburg, Freiburg und Breisach tätig war. Auch der Vergleich der Bauformen – zum Beispiel der Kapitelle, der Sockelprofile und der Maßwerkfiguren – zeigt zahlreiche Übereinstimmungen. "Der Baubefund und der Nürnberger Planriss lassen keinen Zweifel daran, dass Meister Erwin neben der Straßburger Westfassade und dem Freiburger Münsterturm auch den Breisacher Münsterchor betreute", brachte es die Referentin auf den Punkt.

Der Frage nach dem Baumeister der Westerweiterung des Stephansmünsters (1330 bis 1489) – um 1470 war sogar die Errichtung einer großen spätgotischen Kathedrale für die kaiserliche Hochzeit zwischen Maria von Burgund und Maximilian I. geplant – ist Brehm in ihrer Promotionsarbeit nachgegangen. Schriftliche Quellen für diese Bauphase fehlen. Aber in Freiburg finden sich unter anderem in den Münsterrechnungen Hinweise mit Daten und Namen. Sie legen nahe, dass der aus Graz kommende, seit 1471 an der Freiburger Bauhütte angestellte Hans Niesenberger auch Baumeister des Breisacher Münsters war.

Das heilige Grab wird Schussenried zugeschrieben

Beim Stilvergleich kommt Anne-Christine Brehm zu dem Ergebnis, dass Elemente seiner Architektursprache und sein reduzierter Baustil auch hier anzutreffen sind. Außerdem spricht vieles dafür, dass Peter von Breisach, der nach 1489 in Reutlingen, Esslingen und Calw als Werkmeister bezeugt ist, während der letzten Bauphase "mit Sicherheit an der Westerweiterung des Breisacher Stephansmünsters mitgewirkt hat". Die Suche nach dem Bildhauer, der die Reliquiennische im Chor (1497) und den Lettner (1501) geschaffen hat, führte zu keinem eindeutigen Ergebnis. Dagegen kann das Heilige Grab (1517) mit seiner außergewöhnlichen künstlerischen Qualität dem "Baumeister von Breisach", Georg Lutz von Schussenried, zugeschrieben werden.
Mit Umsicht beantwortete Brehm die Frage nach endgültigen wissenschaftlichen Ergebnissen: "Die Suche nach Erkenntnissen wird auch beim Stephansmünster nie enden. Die wechselvolle Geschichte dieses in seiner Art einmaligen Kirchenbaus ist am Gebäude selbst auf einzigartige Weise ablesbar", fügte sie hinzu.

Die Breisacher, die den aktuellen Forschungsstand zur Baugeschichte des Breisacher Münsters im neuesten Heft des Münsterbauvereins nachlesen können, dürfen also auf weitere Überraschungen hoffen.

Autor: Emil Göggel