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09. Mai 2017 17:11 Uhr

Gemeinsam die Angst überwinden

Kinderoper "Hänsel und Gretel" wurde im Münster aufgeführt

"Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott, der Herr, die Hand uns reicht!", heißt es im Schlusslied von Engelbert Humperdincks spätromantischer (1893) Kinderoper Hänsel und Gretel. Schon deshalb war die Idee der Veranstalter, das häufig und gern gespielte musikalische Singspiel ins Breisacher Münster hinein zu tragen, nur folgerichtig. Zumal der Kinderchor von St. Stephan und dessen Leiterin Nicola Heckner entscheidend dabei mitwirkten.

  1. Der Kinderchor St. Stephan und der Chor der Julius-Leber-Schule wirkten bei der Aufführung der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ im Breisacher Münster mit. Foto: Martin Hau

BREISACH. Der andere Teil des Chors wurde von der Julius-Leber-Schule mit Chorleiterin Barbara Faller und "Regisseurin" Simone Engist gestellt. Bühnenbild und Kostüme waren von Claudia Haßelkus, das Titelbild von Elisa-Marie Karle, der Ton von Martin Hau und das Licht von Matthias Rinderle. Die Gesamtorganisation lag bei Bianca Steiger und Kerstin Manz.

Gelungenes Gemeinschaftsprojekt
Also ein richtiges Gemeinschaftsprojekt für eine gute Sache. Denn der Erlös kommt der Kinderorganisation Kiwanis zugute, respektive dem Kiwanis-Club Kaiserstuhl-Tuniberg, der damit ein neues Hilfsprojekt für Jugendliche mit Behinderung und "herausforderndem Verhalten" unterstützt. Und natürlich ist so etwas für alle mitwirkenden Kinder ein großes, mitunter (im positiven Sinne) einschneidendes Erlebnis. Und um es vorwegzunehmen: Sie haben ihre Sache ausgezeichnet gemacht. Allen voran Michael Häring als Hänsel und Marta Schulz als Gretel, Sonja Haßelkus als Sandmännchen und die vielen Engel, Lebkuchenkinder und Waldwesen, die Humperdincks Oper im Gegensatz zum grimmschen Märchen bevölkern. Aufmerksam geführt von Dirigentin Nicola Heckner, einfühlsam am Klavier begleitet von Almut Ernst und Reinhard Roth und unterstützt von Susi Häring (Mutter), Peter Heiker (Vater) und Barbara Steiger als Knusperhexe.

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Mehrere Deutungsmöglichkeiten
Das Märchen "Hänsel und Gretel" ist eines der zentralen Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Niedergeschrieben aus mündlicher Überlieferung thematisiert es eine ganze Reihe von Grundängsten bei Kindern: Die Angst, verlassen zu werden, die Angst vor dem Unbekannten, die Notwendigkeit, in der Not zusammenzuhalten, aber auch den Sieg über die Angst auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Für die Eltern steht es auch für die Erkenntnis, dass die Kinder der größte Schatz sind, den sie haben. Es gibt wie bei allen Märchen jede Menge psychologischer Interpretationen, die teils auf Volksmythen beruhen, teils ihren Ursprung in psychoanalytischen oder archaischen Deutungsprozessen haben.

Kindgerechte Inszenierung
Die humperdincksche Fassung folgt im Wesentlichen den Gebrüdern Grimm, mit kleinen Veränderungen. So werden die Kinder zum Beerensammeln hinaus geschickt, weil die Mutter aus Ärger über sie einen Milchtopf umgestoßen hat. Sie werden von Himmels- und Naturkräften geleitet und nach dem Tod der Hexe werden verzauberte Lebkuchenkinder durch den Zauberstab der Hexe befreit. Dies alles dient auch einer romantischen kindgerechten Inszenierung, die auch bei der Vorstellung im Münster für diesen besonderen Zauber der Aufführung sorgte.

In seiner musikalischen Einrichtung hat Humperdinck bekannte Kinderlieder eingebaut, wie "Ein Männlein steht im Walde", oder selbst geschaffen, wie "Abends will ich schlafen gehen", dessen Text, wie das gesamte Libretto von seiner Schwester Adelheid stammt. Dass er das Werk in ironischer Anlehnung an seinen Zeitgenossen Richard Wagner "Kinderstubenweihfestspiel" genannt hat, ist eher eine musikgeschichtliche Anekdote.

Grußwort von Pfarrer Bauer
In seinem Grußwort schrieb Münsterpfarrer Werner Bauer, dass es in dem Märchen auch um die Erfahrung gehe, was einem den Rücken stärkt und das Leben lieb haben lässt. Das Leben, das beschützt werden will, wie die Entfaltung des eigenen Lebens und das der anderen. Denn auch das kann ein schwerer Verlust sein, nicht die Möglichkeiten für die Ausprägung seiner Persönlichkeit zu haben, wie sie den eigenen Fähigkeiten entspricht. Dann wäre die Hexe ein Sinnbild für die Hindernisse, die sich einem dabei in den Weg stellen. Und auch diese gilt es nach Möglichkeit, zu überwinden. Für sich selbst und für die anderen. Noch ein Wort zu der Chorarbeit in der Pfarrei und der Julius-Leber-Schule, die nicht hoch genug einzuschätzen ist. Ist doch die menschliche Stimme das wahrscheinlich älteste Musikinstrument der Welt, das einem immer zur Verfügung steht, und das gemeinsame Singen ein Erlebnis, das fast alle Fähigkeiten und damit die Entwicklung des ganzen Kindes betrifft. Beide Chöre freuen sich über weitere Mitglieder ganz bestimmt.

Info: Die Kinderoper Hänsel und Gretel wird noch einmal am Freitag, 12. Mai, um 18 Uhr im Breisacher Münster aufgeführt.

Autor: Paul Klock