Mit einem kräftigen Schuss Magie

Paul Klock

Von Paul Klock

Sa, 30. April 2016

Breisach

Im Breisacher Radbrunnen auf dem Münsterberg sind derzeit Objekte und Skulpturen des Künstlers Jörg Siegele zu sehen.

BREISACH. Keine Titel, keine Jahresangaben, keine Werkgruppennennung. Stattdessen steht auf der Auflistung der Werke von Jörg Siegele im Breisacher Kunstkreis Radbrunnen: "Es wurden unterschiedliche Materialien verwendet, unter anderem Keramik, Holz, Aluminium und Eisen." Die Sprühdosenfarben für seine 43 kleinen Arbeiten sind nicht einmal aufgeführt.

Muss auch nicht sein. Denn das künstlerische Werk des Freiburger Künstlers hat einen hohen Wiedererkennungseffekt. Ornamentale Figuren, organische Formen und skurrile Gestalten bevölkern seine aus Aluminium geschnittenen großen Wandobjekte, seine Keramikskulpturen, seine Eisenplastiken und filigranen Blechobjekte. Immer stehen die Form und eine magische bis phantastische Komponente im Vordergrund seiner künstlerischen Arbeit. Immer auch verweisen sie auf eine Zeit, die weit zurückzuliegen scheint.

Mythische Tierfiguren
Als Betrachter betritt man so ein Universum, das schon immer da war – so hat es zumindest den Eindruck. Bereits vor der Erschaffung der Welt und dennoch äußerst lebendig. Mythische Tierfiguren, naturgöttergleiche Menschengestalten und florale Motive weisen auf eine Welt hin, die im unsichtbaren Bereich existiert. Sozusagen hinter der äußeren Wirklichkeit, mit der sie dennoch wie durch ein unlösbares Band verbunden ist. Gibt es doch schließlich auch im Bereich der Phantasie nichts, was es nicht auch in der Wirklichkeit gibt.

Eine solche überbordende Fülle aus Gebilden, Formen, Farben und ausschweifender Phantasie funktioniert nur, wenn Linien, Konturen und Silhouetten so sicher von der Hand gehen wie bei Jörg Siegele. Wenn der Betrachter vor der Dechiffrierung der Gebilde ins Staunen kommt, ihn die Objekte erst einmal gefangen nehmen, bevor er vielleicht versucht, sie zu analysieren.

Natürlich denkt man an die Scherenschnitte der fernöstlichen Kunst, an die Papierarbeiten von Matisse und ähnliche Kunsttechniken. Das tut dem virtuosen Gestaltungsvermögen von Jörg Siegele ja keinen Abbruch. Kunst ist schließlich immer ein Zusammenspiel aus Vorgefundenem und Erfindung, Ausbau und Reduktion. Und aus der Übertragung eigener künstlerischer Motive auf andere Kunstträger.

Ein virtuoses Formenspiel
Bei Jörg Siegele sind es die Keramikfiguren, die formal aus dem Rahmen zu fallen scheinen. Scheinen. Denn bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als voluminöse Geschwister der Aluminium- und Eisenarbeiten. Allerdings ausgestattet mit einem anderen Behauptungswillen. Sie nehmen Raum ein, ziehen ihn wie ein schwarzes Loch die Materie an sich, während die anderen Arbeiten – wie es eine an der Decke befestigte Arbeit zeigt –, zu schweben scheinen.

Und noch eines fällt bei der Ausstellung auf. Sie passt in jeglicher Hinsicht perfekt zum Ausstellungsraum. Die bräunliche Farbe der Wandobjekte korrespondiert mit dem Holzton des Rades, die Skurrilität der Formen mit der Bodenständigkeit des Gebäudes und – das ist sozusagen ein Wink an die frühere Nutzung als Gerichtsstätte und Folterkammer – die Kunstwerke verleihen dem Raum eine freundliche, entspannte Atmosphäre. Das Tanzende und Schwebende, die Verbindung einer klaren Formensprache mit mehrdeutigen Inhalten, versehen mit einem kräftigen Schuss Magie – bei Jörg Siegele scheinen diese Ausdrucksformen schwerelos aus dem Handgelenk zu kommen.

Die Ausstellung ist bis zum 29. Mai freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags, sonntags und feiertags von 11.30 bis 18 Uhr geöffnet.