Spürbare Spiellust

Kai Kricheldorff

Von Kai Kricheldorff

Di, 12. Juni 2012

Breisach

"Sein oder Nichtsein" bei den Breisacher Festspielen.

BREISACH. Die 50. Premiere eines Abendstückes fand am Samstag auf der Freilichtbühne am Schlossplatz statt. Seit 1962 spielt das Ensemble der Breisacher Festspiele an diesem Standort Theater – zum neunten Mal in Folge unter der Regie von Jesse Coston. Der hatte als Jubiläumsproduktion mit dem Stück "Sein oder Nichtsein" des britischen Dramatikers Nick Whitby einen Komödienstoff ausgesucht, der wegen seines außergewöhnlichen Inhalts nicht ohne Risiko auf die Bühne gebracht werden kann.

Whitbys 2008 veröffentlichtes Stück basiert auf einer Geschichte des Ungarn Melchior Lengyel. Ernst Lubitsch, genialer Filmemacher, nutzte sie bereits 1941 als Vorlage für seinen Film "Sein oder Nichtsein". Dem war damals aber nur wenig Erfolg beschieden, er war längst von der grausigen Realität eingeholt worden: Die Geschichte spielt in einem Warschauer Theater, wo ein polnisches Ensemble am Vorabend des Kriegsausbruchs 1939 ein satirisches Stück mit dem Titel "Gestapo" einstudiert. Der Zensor, polnischer Beschwichtigungspolitik gegenüber Nazideutschland folgend, verbietet die Aufführung, das Ensemble wechselt das Programm – und setzt Shakespeares "Hamlet" auf den Spielplan.

Während der eitle Schauspieler Josef Tura seinen berühmten Monolog hält, hat seine junge Ehefrau, die anmutige Mimin Maria Tura, ein Rendezvous mit dem Fliegerleutnant Sobinsky. Der mysteriöse Naziagent Professor Silewski taucht auf, die Deutschen marschieren in Polen ein – und auf einmal dreht sich alles um eine Liste mit Namen polnischer Untergrundkämpfer. Eine Liste, die den sicheren Tod für die auf ihr verzeichneten Personen bedeuten könnte, würden die Nazis sie in die Finger kriegen.

Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein verzwicktes, sehr komisches Verwechslungsspiel. Die Ensemblemitglieder schlüpfen in die Rollen der deutschen Besatzer, um in den Besitz der Liste zu kommen – und führen die Nazis in einer wahnwitzigen Täuschungsaktion an der Nase herum. Die sprichwörtliche Eitelkeit der Schauspieler versetzt sie in die Lage, die tumbe Egozentrik des Nazi-Gruppenführers ins Lächerliche zu ziehen. Die jüdischen Ensemble-Mitglieder müssen mit den ihnen von den deutschen Besatzern verpassten gelben Sternen der Diskriminierung auf dem Revers auftreten. Die Groteske wird auf die Spitze getrieben, um das Leben der Untergrundkämpfer zu retten und die Nazi-Schergen vorzuführen und zu entlarven.

Bei der wuchtigen Komödie vor einem entsetzlichen historischen Hintergrund blieb manchem Zuschauer das Lachen im Halse stecken – Regisseur und Festspielensemble wussten um den Drahtseilakt, den sie mit der Wahl von "Sein oder Nichtsein" zu vollführen hatten.

In furiosem Tempo vorbei an Fallgruben

Den zahlreich vorhandenen Fallgruben und Stolperseilen geht die Inszenierung souverän aus dem Weg. Coston inszeniert das Stück mit furiosem Tempo. Im blau gehaltenen, spärlich und deshalb umso eindrücklicher möblierten Bühnenbild von Stephanie Breidenstein agiert das Festspielensemble souverän, mit spürbarer Spiellust und komödiantischem Können.

Herrlich, wie Jens Distel als Schauspieler Josef Tura die vermeintliche Eitelkeit seines Berufsstandes persifliert und durch seine Wandlungsfähigkeit das Verwechslungsspiel glaubhaft werden lässt. Frank Gans gibt den Regisseur Dowasz, der ein bisschen weltentrückt sein Ensemble führt, in dem Andreas Geyler als undurchsichtiger Professor die Rolle des Agenten verkörpert. Valentin Oswald als verliebter Leutnant Sobinsky rennt nervös über Bühne und Zuschauertraversen. Dessen Angebetete, die flirtfreudige Bühnenkünstlerin Maria Tura, ist der Star des Warschauer Ensembles – in der Premierenvorstellung glänzte Simone Engist in dieser Rolle.

Lautstark und breitbeinig gibt Florian Weiß den klobigen Gruppenführer Erhardt und nutzt gekonnt das komödiantische Potenzial, das ihm die Rolle des Naziekels bietet. Alexandra Großklaus, Daniela Frey, Uwe Pippers und Patricia Kaiser wissen in den präzise gezeichneten Charakteren der Nebenrollen ebenso Akzente zu setzen wie die übrigen Darsteller des Festspielensembles.

Viel umjubelt: die tänzerische Einlage nach der Pause. Vera Stöckle überzeugt in der zauberhaften Doppelrolle als "Mister und Missteria", eines wohl als Verbeugung vor Charlie Chaplins komponierten Solotanzes einer Pas de deux-Nummer.

Regisseur und Ensemble gebühren Anerkennung dafür, dieses wegen seines politischen Hintergrunds sehr schwierige Stück in Breisach in dieser Form zu inszenieren und zu spielen. Es hat sich für sie gelohnt, das Risiko einzugehen. Von "Sein oder Nichtsein" wird man noch lange reden in Breisach. Möglicherweise nicht nur begeistert, auch wenn der Beifall am Premierenabend enthusiastisch war, aber immer mit Respekt. Für die Festspiele in der Münsterstadt könnte diese Aufführung einen neuen Maßstab setzen.

Weitere Termine: 23. und 30. Juni, 7./8., 14./15. und 21./22. Juli. 11./12., 18./19. und 25./26. August und 1./2. sowie 8. September. Jeweils 20 Uhr
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Karten und Infos unter http://www.festpiele-breisach.de