Wie Integration gelingen kann

Zwei junge Flüchtlinge engagieren sich im Breisacher Helferkreis

Agnes Pohrt

Von Agnes Pohrt

Mi, 05. September 2018 um 18:07 Uhr

Breisach

Probleme mit Flüchtlingen bestimmen immer wieder die Schlagzeilen. Doch es gibt auch erfreuliche Geschichten – zum Beispiel die gelungene Integration der 18-jährigen Shirin aus dem Iran oder des 19-jährigen Syrers Bader. Und das Engagement des Breisacher Helferkreises, der Shirin, Bader und viele andere dabei unterstützt, in der neuen Heimat ihren Weg zu finden.

BREISACH. Shirin kam 2016 mit ihrem Vater nach Deutschland, etwas später konnten ihre Mutter und die Geschwister aus dem Iran ausreisen. Zunächst wohnte die Familie in der Behelfsunterkunft in der Murhau. Shirin besuchte die Vorbereitungsklasse in der Hugo-Höfler-Realschule. "Ich konnte nur etwas Englisch, aber ich wollte unbedingt Kontakt zu deutschen Freunden", erzählt die junge Frau in fast fließendem Deutsch. Sie habe Deutsch lernen wollen, um in der neuen Heimat eine Zukunft zu haben. Aus der Vorbereitungsklasse wechselte Shirin gleich in die 9. Klasse. In Mathematik und Deutsch hatte sie Schwierigkeiten. Sie ließ sich nicht unterkriegen und schaffte den Realschulabschluss. In Mathematik bekam sie eine Eins, in Deutsch eine Drei.

Medizinstudium geplant
"Das schaffen viel deutsche Kinder nicht", sagt Cornelie Büchner, die mit Kerstin Manz, den Breisacher Helferkreis leitet. Beide sind Lehrerinnen. Der Helferkreis half der Familie, sich in Deutschland zurechtzufinden. Mittlerweile sind Shirin und ihre Familie als Flüchtlinge anerkannt und haben in Breisach eine Wohnung gefunden. Den Kontakt zum Helferkreis hält Shirin aufrecht. Nach den Ferien wird sie die Merianschule, ein berufliches Gymnasium in Freiburg, besuchen. Und wenn es klappt, will sie danach ein Medizinstudium beginnen. In den Iran zurückzukehren, kann sie sich nicht vorstellen. "Dort gibt es keine Freiheit", sagt die junge Frau.

Ein Flüchtling wird zum Helfer
Bader floh vor fast drei Jahren allein nach Deutschland. Vier Jahre zuvor war er aus Syrien in den Libanon und dann in die Türkei geflohen. Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling lebte er zunächst zwei Monate in Karlsruhe. 2016 wurde er mit seiner Familie, die mittlerweile ebenfalls nach Deutschland geflohen war, nach Breisach verwiesen. Bader wartet noch auf seinen Bescheid. Er habe gute Aussichten, in Deutschland bleiben zu dürfen, erklärt Cornelie Büchner, denn in Syrien würde der 19-Jährige sofort zum Militärdienst eingezogen.
"Anfangs war es sehr schwer", erinnert sich Bader. Er musste nicht nur schnell die fremde Sprache lernen, sondern sich auch in einer neuen Gesellschaft zurechtfinden. "In Karlsruhe hatte ich eine libanesische Lehrerin", erzählt er. Sie habe ihre Schüler aufgefordert, einfach zu reden, ohne Angst vor Fehlern. Das nahm sich Bader zu Herzen – heute spricht er fast fehlerfrei Deutsch und er kennt sich auch mit der deutschen Bürokratie aus. So gut, dass er sich im Helferkreis engagiert und andere Flüchtlinge sogar bei Behördengängen begleitet. Auch Bader besuchte zunächst die Vorbereitungsklasse der Hugo-Höfler-Realschule und wechselte dann in die 9. Doch kurz vor Schuljahresende bekam seine Familie die Aufforderung vom Landratsamt, im Rahmen der Anschlussunterbringung nach Oberried umzuziehen. Für Bader und seine ein Jahr ältere Schwester hätte dies das Aus für ihre schulische Laufbahn bedeutet, denn mit dem 18. Lebensjahr endet die Schulpflicht. Deshalb nahm Familie Büchner die Geschwister bei sich auf.

Bader schloss die 9. Klasse mit guten Noten ab und wechselte auf die Gertrud-Luckner-Gewerbeschule in Freiburg. Er ist stolz auf seinen Hauptschulabschluss: eine Eins in Mathe, eine Zwei in Deutsch und fast allen anderen Fächern, nur in Englisch hat er eine Drei. Nach den Ferien will Bader auf der Max-Weber-Schule in Freiburg die Mittlere Reife schaffen. Seine Familie lebt in Oberried, er ist in eine Wohngemeinschaft nach Breisach gezogen und hat einen Ferienjob in der Gastronomie. Nach Syrien möchte er nicht zurückkehren. "Hier habe ich Freunde gefunden, zu meinen früheren Freunden in Syrien ist der Kontakt schon seit Jahren abgebrochen", sagt er.

Kerstin Manz und Cornelie Büchner könnten noch viele Erfolgsschichten erzählen, an denen der Helferkreis einen großen Anteil hat. Als 2015 die Flüchtlinge zuhauf in Deutschland eintrafen, fanden sich auch in Breisach schnell viele Bürger zusammen, um die Neuankömmlinge zu unterstützen. Mittlerweile hat sich der Helferkreis auf einen harten Kern von 20 bis 25 Personen reduziert. Aber die Hilfsbereitschaft der Breisacher sei nach wie vor groß, sagen Manz und Büchner. Gesucht würden Paten, die sich jeweils um einen Flüchtling oder eine Familie kümmern.

Die Zahl der Neuankömmlinge hat stark abgenommen, in den Containern in der Murhau leben aber noch an die 100 Geflüchtete – seit kurzem auch Menschen, für deren Anschlussunterbringung eigentlich die Gemeinden Vogtsburg, Ihringen und Merdingen zuständig sind. Weil es dort nicht genügend Wohnraum gibt, hat sich die Stadt Breisach bereit erklärt, die Menschen bis Sommer 2019 in der Murhau wohnen zu lassen.

Großes Lob für die Stadtverwaltung
"Die Zusammenarbeit mit der Breisacher Stadtverwaltung ist hervorragend", sind sich Manz und Büchner einig. Die Kooperation mit dem Landratsamt lasse immer wieder zu wünschen übrig. Dass Flüchtlingskindern wie Bader der Schulbesuch erschwert wird, sei kein Einzelfall. In der Kreisbehörde würden die Mitarbeiter und Zuständigkeiten häufig wechseln, berichtet Büchner. Problematisch finden es die Helfer auch, dass Menschen mit geringer Bleibeperspektive keine Arbeitserlaubnis bekommen oder ihnen diese wieder entzogen wird (die BZ berichtete). "Wir stellen die gesetzlichen Regeln nicht in Frage. Aber wenn die Menschen nicht arbeiten dürfen, müssen sie alimentiert werden", kritisiert Büchner. Stattdessen könnte man die Flüchtlinge, solange sie in Deutschland sind, qualifizieren, damit sie später in ihrer Heimat besser Fuß fassen – "quasi als Entwicklungshilfe".

Komplizierte Bürokratie
"Wir waren auf einem guten Weg, viele Flüchtlinge haben sich angestrengt und eigentlich alles richtig gemacht. Aber das wird jetzt von der Politik wieder in Frage gestellt", kritisiert Kerstin Manz. 2015 seien viele Dinge nicht gut gelaufen. In den vergangenen drei Jahren hätte man Abläufe erleichtern und vereinfachen können, auch um die Gerichte zu entlasten. "Die Politiker kümmern sich nicht um ihre Aufgaben", kritisiert Manz und nennt als Beispiel das noch immer nicht beschlossene Einwanderungsgesetz.