Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
03. Januar 2009
Ein Meister der Alchemie
Heinz Piechotta von der Glashütte Höllental legt mit 80 Jahren Blasrohr und Holzkelle zur Seite.
HINTERZARTEN. Die Glashütte Höllental hat zum Jahreswechsel ihre Pforten geschlossen und damit ein Stück Schwarzwälder Tradition beendet. 63 Jahre lang erfreute Glasmachermeister Heinz Piechotta mit Kreativität und handwerklichem Geschick viele Menschen. Seine künstlerischen Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände waren begehrt. Im Alter von 80 Jahren hat er Blasrohr, Pinzette und Holzkelle zur Seite gelegt. "Leider kann ich mein Können und meine Erfahrung nicht weitergeben", sagt er.
Der Glasbläser aus Leidenschaft ist einer der letzten Vertreter einer einstmals blühenden Zunft in Deutschland. Am 31. Mai 1928 in Oppeln, der früheren Hauptstadt von Oberschlesien, geboren, machten die Kriegswirren aus dem Gymnasiasten einen Flakhelfer. Flucht und US-Gefangenschaft verschlugen ihn nach Neustadt an der Waldnaab, die Stadt der Bleikristalle in der nördlichen Oberpfalz. Er fand Arbeit in einer Glasfabrik: "Die glühenden 1500 Grad heißen Massen haben mich sofort fasziniert", erzählt er. Und weil er schon immer eine künstlerische Ader hatte, ließ er sich zum Glasmacher ausbilden.Werbung
1950 las er eine große Anzeige in einer Zeitung: "In Schweden wurden Glasmacher gesucht." Gemeinsam mit zwei gleichaltrigen Bayern machte sich der "Saupreuß" auf nach Südschweden. In Smaland, der Heimat von Astrid Lindgren, liegt das Glasreich, stehen viele Fabriken: "Wir mussten uns für ein Jahr verpflichten." Der Verdienst lag mit 600 Mark monatlich dreimal so hoch wie in Bayern. Noch mehr beeindruckte den damals 22-Jährigen das Können der schwedischen Kollegen in der freien Formgebung: "Sie machten völlig neue Sachen. Ich musste hier nicht nur nach Vorlagen produzieren, sondern genoss viele künstlerische Freiheiten." Nach einigen Jahren legte er die Meisterprüfung an. 1955 heiratete er seine schwedische Freundin Irene. Der Ehe entstammen zwei Kinder.
In den 1970er Jahren zog es Heinz Piechotta zurück nach Deutschland: "Ich wollte in eine Gegend, in der das Glas einmal eine Bedeutung hatte." Über seine inzwischen in St. Georgen/Schwarzwald lebenden Eltern kam er in den Hochschwarzwald, mietete die alten Pferdeställe beim Hofgut Sternen und eröffnete im Mai 1977 die Waldglashütte im Höllental: "Das Besondere daran war, die Leute konnten mir bei der Arbeit zuschauen." Auch die Medien zeigten Interesse, wie der Meister ohne Spur von Hast das Blasrohr in den rund 1500 Grad heißen Ofen hält und eine zähe Glutmasse um die Spitze wickelt. Mit dem Holzlöffel und der Hand – geschützt durch eine mehrere Zentimeter dicke nasse Papierauflage aus Zeitungen – gestaltet er die Grundformen. Mit der Pinzette zieht er dann die Figuren heraus oder er bläst Hohlräume. Ist das Glas auf etwa 800 Grad abgekühlt, hält er es kurz wieder in den Ofen, um es weiter bearbeiten zu können: "Jeder Handgriff muss sitzen. Du hast keine Zeit, lange zu überlegen."
1989 erfolgte der Umzug in die Rathausstraße nach Hinterzarten. Produziert hat er seither bei einem Kollegen in Herrischried. Piechotta begreift sich als Künstler und Handwerker: "Gefordert sind Körper und Geist. Gewisse Fähigkeiten kannst du dir aneignen, aber das künstlerische Talent muss schon in dir schlummern." Egal ob Becher oder Vasen, eine Vielzahl von Tierfiguren: "Du musst genau wissen, wo du hin greifst." Nur wenige Zentimeter von der glühenden Masse entfernt, gerät er ganz schön ins Schwitzen. Im Gegensatz zur industriellen Massenproduktion sind bei ihm alles Unikate: "Kein Stück ist gleich wie das andere." Eine Dame ließ sich beim Übertritt zum Buddhismus den Tempel des Dalai Lama aus Glas fertigen. Freude an seinen Kunstwerken hatten auch so berühmte Männer wie der frühere US- Präsident Jimmy Carter oder Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth.
Heinz Piechotta belieferte zahlreiche Museen. Nach alten Zeichnungen baute er Goethes Wasserglas, auch als Wasserbarometer oder Bauern- und Pinkelbarometer bekannt, nach. Goethe galt als überaus wetterfühlig und wusste so schon immer 24 Stunden im voraus, ob ein Tief oder ein Hoch im Anzug war. Diese Barometer kannten selbst schon die Mauren, als sie im 13. Jahrhundert auf die Iberische Halbinsel einfielen. Auch in der Neuzeit wird die zuverlässige "Wettervorhersage" noch genutzt, erzählte eine Schweizerin: "Wenn der Wasserstand in der Pfeife stieg rief mein Vater stets: Kinder raus, das Heu muss rein."
"Das Wunder des festen Wassers" übt auf den 80-Jährigen auch heute noch einen rätselhaften Zauber aus. Der "Meister der Alchimie" lässt aus eingeschmolzenem Altglas gemixt mit verschiedenen Metalloxiden immer wieder neue Kunstwerke entstehen. Kobaloxide ergeben eine Blau-, Chromoxide eine Grün-, Uranoxid eine Gelbfärbung der durchsichtigen Masse. So gerne er Auskunft über die Handwerkskunst gibt, seine "Geheimrezepte" hat er bislang nie verraten. Noch liegen in der Auslage und in den Schaukästen Vasen und Gläser, geschliffen, graviert oder bemalt, und erinnern an sein großes Können. Die von ihm signierten Einzelstücke bleiben zeitlose, wertvolle Erinnerung an eine Jahrtausend alte Tradition.
Autor: Dieter Maurer
