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02. Februar 2015 12:35 Uhr

Freiburg

Neues Stadion: Bürgerverein will Widerstand aufgeben – BI bleibt distanziert

Signale aus dem Stadtteil Mooswald: Während der Bürgerverein den Widerstand gegen das neue Stadion aufgeben will, bleibt die BI Pro Wolfswinkel auf Distanz. Ob sie eine Klage ausschließt, ist nach wie vor unklar.

  1. Die Finanzierungsfrage trieb und treibt die Stadiongegner nach wie vor um. Foto: Ingo Schneider

  2. Horst Bergamelli will auf den SC Freiburg in der Stadionsache zugehen. Foto: Ingo Schneider

Der Bürgerverein Mooswald will offenbar seinen Widerstand gegen das neue Stadion aufgeben. "Das Ergebnis des Bürgerentscheids ist eindeutig", sagte am Montag Vorsitzender Horst Bergamelli. "Wir sind enttäuscht, wir hätten uns einen anderen Ausgang gewünscht – aber als gute Demokraten erkennen wir das Ergebnis an." Er will in dieser Woche dem Vorstand des Bürgervereins vorschlagen, die Entscheidung der Bürger anzuerkennen und keine weiteren Schritte gegen das Stadion zu unternehmen. Bergamelli will zu dem Thema auch eine Mitgliederversammlung einberufen, sagte er Montag der Badischen Zeitung.

"Ich gratuliere dem SC", sagte Bergamelli. Das Angebot von Sportclub-Präsident Fritz Keller, den Mooswäldern ein guter Nachbar sein zu wollen, habe er vernommen. "Das ist sehr anständig und ich gehe davon aus, dass sie sich wirklich auch darum bemühen", so Bergamelli, der einen Wunsch hat: "Wir hätten gerne einen Runden Tisch, an dem wir uns einbringen und alle Schritte begleiten können." Es gehe darum, dass die Sorgen und Bedenken der Anwohner im weiteren Planungsprozess berücksichtigt würden. Es gebe eben viele Ängste, dass etwa der Stadtteil an Spieltagen komplett abgeriegelt werden müsse.

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Auf Bergamellis Linie liegt auch Stefan Schillinger, SPD-Stadtrat und Mitglied im Bürgervereins-Vorstand. "Jetzt müssen wir nach vorne schauen und das Beste draus machen." Er verweist aber darauf, dass es in allen Freiburger Wahlbezirken mindestens 30 Prozent Gegenstimmen gegeben habe. "Es würde zur Befriedung beitragen, wenn die Zahlen, die man bei den Kosten prognostiziert, nun auch eingehalten werden."

Bergamelli kritisiert Wahlkampf der Flieger

Der Bürgervereins-Vorsitzende sagt, er hätte nicht mit einem so deutlichen Wahlausgang gerechnet – und auch nicht damit, dass tatsächlich das Quorum erreicht werde. Enttäuscht zeigte sich Horst Bergamelli über die Wahlbeteiligung im Wahlbezirk Mooswald-Ost, wo nur 40 Prozent der Wähler am Bürgerentscheid teilgenommen haben. Damit lag die Wahlbeteiligung hier sogar unter dem städtischen Durchschnitt. "Das ist wirklich traurig, offenbar ist den Leuten nicht klar geworden, was auf uns zukommt."

Interaktive Grafik: Die Ergebnisse nach Stadtteilen


Im Wahlbezirk Mooswald-West – das ist das Gebiet das nahe am Flugplatzgelände liegt – lag die Wahlbeteiligung bei 62,7 Prozent. Das war das beste Ergebnis in der ganzen Stadt. Hier gab es mit 70,5 Prozent auch die meisten Nein-Stimmen. Aber: Wenn man den ganzen Stadtteil Mooswald betrachtet, haben dort nur 1892 der 6526 Wahlberechtigten mit "Nein" und damit gegen das Stadion gestimmt – das sind nur 29 Prozent der Wahlberechtigten. Die Wahlbeteiligung im gesamten Stadtteil Mooswald lag unterm Strich bei 44,6 Prozent (ohne Briefwahl).
Die Standortgegner von "Pro Wolfswinkel" äußerten sich am Montag erstmals zum Ausgang des Bürgerentscheids: "Die Bürgerinitiative hat das Ergebnis zur Kenntnis genommen", so ihre Sprecherin Ursula Jautz in einer knappen Mitteilung. Mit Blick auf die Stadtteile kritisiert die BI ein "St. Floriansprinzip". Positiv überrascht sei sie von der Zahl der Nein-Stimmen trotz SC-Werbeetats und Unterstützung von Stadtspitze sowie Ratsfraktionen. Pro Wolfswinkel distanzierte sich von Bergamellis Vorstoß und kündigte an, "sich im Gegensatz zum Bürgerverein Mooswald den erst jetzt beginnenden Planungsprozess aufmerksam zu verfolgen". Die Nachfrage, ob eine Klage in Erwägung gezogen wird, blieb ohne Antwort.

Diskussionen gab es am Montag auch noch einmal um den Wahlkampfstil. Für Aufregung hatte am Freitag ein Flugblatt der BI Pro Flugplatz gesorgt, das gezielt an Mieter der Stadtbauwohnungen verteilt wurde. Tenor: Wird das Stadion gebaut, sei der Erste der darunter leiden muss der Stadtbaumieter, der dann mehr Miete zahlen müsse. "Infam und geschmacklos", nannte OB Dieter Salomon das Flugblatt.

"Es ist oft so, dass Bürgerentscheide tiefe Gräben in einer Stadt aufreißen" Politikwissenschaftler Ulrich Eith
Auch Horst Bergamelli distanzierte sich vom Vorgehen der Flieger: "Das war eine überzogene Wahlschlacht." Dass die Rettungsflüge in Frage gestellt und das Stadtbau-Flugblatt verteilt wurden, sei nicht in Ordnung gewesen. Bergamellis Urteil: "So etwas kann man nicht machen." BI-Flugplatz-Vertreter Udo Harter räumte am Montag ein, dass der Inhalt des Flugblatts eventuell übertrieben gewesen sei. Dass man die Stadtbaumieter als Gruppe angesprochen habe, sei aber richtig gewesen.

"Es ist oft so, dass Bürgerentscheide tiefe Gräben in einer Stadt aufreißen", sagt der Freiburger Politikwissenschaftler Ulrich Eith. Das sei nun auch in Freiburg so gewesen. Er lobte aber die ersten Reaktionen der Verlierer am Sonntag wie etwa von der Fraktion "Freiburg Lebenswert", die das Ergebnis akzeptierten. "Das ist politisch sehr erfreulich und spricht für die Reife der demokratischen Kultur in Freiburg." Und warum wurde anders als in anderen Städten das zur Abstimmung stehende Großprojekt nicht abgelehnt? Der Politologe sagt, da könne man nur spekulieren: "Es gibt eine hohe Identifikation mit dem SC. Viele Freiburger sind stolz darauf, was der Verein mit eigenen Mitteln zu Wege bringt." Daher seien die Wähler auch bereit gewesen, dem Verein mit der Übernahme der Kosten für die Infrastruktur entgegenzukommen. "Einen emotionalen Schub hat sicher auch noch einmal der fulminante Sieg am Samstag gegen Eintracht Frankfurt gebracht", so Eith.
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Autor: Joachim Röderer, Simone Höhl, aktualisiert um 18:30 Uhr