BZ Hautnah

BZ-Leserinnen und Leser besichtigen das Fastentuch im Münster

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Fr, 07. April 2017 um 09:48 Uhr

Freiburg

Noch bis Gründonnerstag verdeckt das mehr als 400 Jahre alte Fastentuch den Hochaltar im Freiburger Münster. BZ-Leserinnen und Leser konnten dem Tuch bei einer "BZ Hautnah"-Veranstaltung ganz nah kommen.

Das ist wirklich eine exklusive Nahansicht: Im Chorraum des Münsters sitzen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der "BZ hautnah"-Veranstaltung auf gepolsterten Bänken und im Chorgestühl, direkt vor dem berühmten Fastentuch. Noch bis Gründonnerstag verdeckt das 405 Jahre alte Tuch, das größte Europas, wie immer zur Fastenzeit den Blick auf den Hochaltar.

"Der Betrachter fragt sich: Welche Person wäre ich?" Markus Aronica
Ursprünglich, hatte Theologe und Münsterkenner Markus Aronica seinen Zuhörern zu Beginn erklärt, waren Fastentücher dazu da, Altarbilder zu verhüllen; irgendwann wurden sie dann selbst bemalt "um die Menschen im Herzen zu bewegen". Die Betrachter sollten meditieren und mitfühlen, hinschauen und sich klarmachen, dass der Mensch am Kreuz, Gottes Sohn, kompromisslos auf der Seite der Entrechteten stand und dafür bestraft wurde. "Der Betrachter fragt sich: Welche Person wäre ich?", so Aronica, und schlägt einen Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart: "Wer sich auf die Seite derer stellt, denen es dreckig geht, der provoziert – fragen Sie Flüchtlingshelfer."

Das Freiburger Fastentuch, erfahren die konzentriert lauschenden Teilnehmer, zeigt im zentralen Bild Jesus am Kreuz, die 26 Bildmotive am Rand reichen vom letzten Abendmahl bis zum Weltgericht. Gemalt hatte es Franz Arparel, der als Wirtschaftsflüchtling nach Freiburg gekommen war und 1611 den Auftrag für das Fastentuch bekommen hatte.

Figuren mit individuellen Zügen

Markus Aronica weist die Teilnehmer auf erstaunliche Details hin: Auf dem Bildmotiv unten links etwa, auf dem Jesus von Pontius Pilatus verhört wird – da scheint die ganze Szenerie so, als stünden Jesus und sein Peiniger im Historischen Kaufhaus und durchs offene Fenster sähe man das Münster in seiner damaligen Form. Einzelne Figuren haben individuelle Züge und repräsentieren wahrscheinlich Freiburger Zeitgenossen. Das, erklärt Aronica, verweist darauf, dass das Fastentuch Momentaufnahmen eines Passionsspiels zeigt, das im 16. Jahrhundert regelmäßig in Freiburg aufgeführt wurde.

Durch mitgebrachte Ferngläser führen sich die Teilnehmer jedes Detail vor Augen, etwa wie einer der Soldaten unter dem Kreuz eine Sechs würfelt und so den Rock von Jesus erspielt. Und: "Frau und Kinder des Malers stehen auf dem Bild mit dem Jüngsten Gericht auf der Seite der Guten", zeigt Aronica – belustigtes Raunen im Publikum.

Er erzählt von der Restaurierung des Tuches Anfang des Jahrtausends und wie das 300 Kilo schwere, hochempfindliche Kunstwerk unter dem Jahr aufbewahrt wird: hoch gesichert, bei steten 18 Grad und konstanter Luftfeuchtigkeit. Mehr als eine Stunde lang erfahren die Teilnehmer Wissenswertes über das Fastentuch, immer mit Blick auf die Vergangenheit und die Gegenwart. "Richtig toll war’s", sagt eine Teilnehmerin zum Schluss – Applaus für Markus Aronica. Und nicht wenige Teilnehmer bleiben und verharren vor dem Fastentuch. Simone Lutz
Das Buch "Passion in Weiß: Das Freiburger Fastentuch" von Markus Aronica ist im Promo-Verlag erschienen und kostet 5,90 Euro

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