Traditionszeitung

Arthur Gregg Sulzberger wird Herausgeber der New York Times

Frank Herrmann

Von Frank Herrmann

Sa, 16. Dezember 2017

Computer & Medien

Nachdem der Verlag mitteilte, dass Sulzberger zum Herausgeber aufsteigt, scheint klar: Das Tempo des Wandels bei der renommierten Zeitung wird sich eher noch erhöhen.

Genau genommen ist die New York Times keine Graue Dame mehr, seit 1997 erstmals ein Farbfoto auf ihrer Titelseite erschien. Was nichts daran ändert, dass der Spitzname "The Gray Lady" wie Teer an ihr klebt. Was wiederum in die Irre führt, denn die Zeitung steht mindestens so eindeutig im Zeichen der digitalen Revolution wie die Branche, als deren globales Flaggschiff sie sich versteht.

Die Bezahlschranke im Internet, vor sechs Jahren eingeführt, um drastisch sinkende Einnahmen aus der Printwerbung auszugleichen, hatte keine Leserflucht zur Folge, sondern das Gegenteil. Nach einer Zitterphase ist die Zahl der Onlineabonnenten auf zweieinhalb Millionen gestiegen, während Donald Trump mit seinen Dauerattacken gegen die in seiner Diktion gescheiterte New York Times die Popularität des Blatts noch beflügelt.

In welche Richtung die Reise gehen soll, hat ein Team bereits 2014 in einem Innovationsbericht skizziert. Geleitet wurde es von Arthur Gregg Sulzberger, den die meisten bei der New York Times AG nennen, um Verwechslungen mit seinem Vater zu vermeiden, weil der den selben Vornamen hat. Nachdem der Verlag am Donnerstag mitteilte, dass AG am 1. Januar 2018 zum Herausgeber der Zeitung aufsteigt, scheint klar, dass sich das Tempo des Wandels bei der renommierten Zeitung eher noch erhöhen wird.

Nur geht der Umbruch, das ist das Bemerkenswerte daran, mit dynastischen Traditionen einher, wie sie völlig untypisch geworden sind für das amerikanische Wirtschaftsleben. AG ist bereits der Sechste aus der Verlegerdynastie Ochs-Sulzberger, der bei der Gray Lady das Ruder übernimmt. Sein Ururgroßvater Adolph Ochs hat die Zeitung, damals hochverschuldet auf den Ruin zusteuernd, 1896 erworben. Seitdem sind es Familienmitglieder, die das Rennen um die jeweilige Nachfolge unter sich ausmachen. Es sind Leute, von den erwartet wird, dass sie schon im Teenageralter begreifen, worin ihre Lebensaufgabe besteht: die Marke New York Times zu schützen. Leute, die das journalistische Handwerk von der Pike auf zu lernen haben. AG, dessen Vater Arthur Ochs Sulzberger Junior die Zügel ein Vierteljahrhundert lang in der Hand hielt und Vorsitzender des Aufsichtsrats bleibt, fing nach dem Studium der Politikwissenschaften an der elitären Brown University bei Regionalzeitungen an, erst als Reporter beim Providence Journal, dann beim Oregonian. Nach einem Abstecher in die New Yorker Lokalredaktion zog er in den Mittleren Westen, um das Büro der Times in Kansas City zu leiten. In der Stadt am Missouri, berühmt für ihr saftiges Grillfleisch, soll es für einen Vegetarier wie ihn nicht ganz einfach gewesen sein, kulinarisch über die Runden zu kommen.

Seine erste Geschichte von dort, über einen 103-jährigen Richter, hängt übrigens gerahmt in seinem Büro. In Zeiten immensen Drucks, schreibt Sulzberger in seiner ersten E-Mail als designierter Verleger, beweise sein Blatt, dass es eine Zukunft gebe für jenen Qualitätsjournalismus, auf den sich eine gesunde Gesellschaft verlasse.