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06. November 2010

Auf Safari durch Deutschland

Der ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel Samad und der Journalist Henryk M. Broder mit eigener TV-Sendung in der ARD.

  1. In einem aufgepeppten Volvo durch Deutschland: Hamed Abdel Samad (links) und Henryk M. Broder Foto: HR

In seiner Wahlheimat Deutschland ist Hamed Abdel Samad einer der neuen Stars der Islamdebatte. Der aus Ägypten stammende Politikwissenschaftler wird mit seiner Forderung nach einer "geregelten Insolvenz" für den Islam – "denn wenn er eine Firma wäre, wäre er längst pleite gegangen"– von Talkshow zu Talkshow gereicht. Ab Sonntag ist er spätabends in der ARD zusammen mit Henryk M. Broder mit einem fünfteiligen Format präsent. In "Entweder Broder" unternehmen der streitbare Journalist mit polnisch-jüdischen Wurzeln und der ägyptische Muslim eine "Safari durch Deutschland" – viel Provokation versprachen die beiden am Donnerstagabend bei Harald Schmidt.

Kürzlich war Abdel Samad, Sohn eines Imams, in seiner Ursprungsheimat. Um es gleich vorwegzunehmen: Niemand hat in Kairo sein Messer gewetzt, um dem "Feind des Islam im eigenen Haus" den Garaus zu machen. Keine Polizei sichert das Gebäude im Zentrum der 18-Millionen-Stadt in dem Abdel Samad die arabische Version seines Buches "Der Untergang der islamischen Welt" vorstellt.

Er ist gar nicht so einfach zu finden, der kleine Verlag Merit, der es sich zu Aufgabe gemacht hat, in Ägypten weniger bekannte junge Autoren zu fördern und der auch vor kontroversen Themen nicht halt macht. In einem völlig heruntergekommenen Eingang findet sich das Verlagsschild. Ein Stockwerk höher, in einer Wohnung in der der Putz von den Wänden kommt, ist eine Gruppe von zwei Dutzend Intellektuellen, Schriftstellern und Journalisten auf ein paar abgewetzten Sofas zusammengerückt. Fast hätte das Ganze einen konspirativen Flair, wäre da nicht das ARD-Kamerateam, das an die Prominenz des Gastes erinnert.

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Abdel Samad beginnt mit seiner Beschreibung der islamischen Gesellschaften im 21. Jahrhundert. Alle Lebensbereiche seien erstarrt, man fliehe in die Vergangenheit und verstecke sich hinter einer Mauer der Moral. Das Publikum hört aufmerksam zu. Manche machen sich Notizen. Wenn er auf der Straße irgendjemanden frage, warum diese Gesellschaften früher führend waren und was seitdem passiert sei, erhalte er immer dieselbe Antwort: "Weil wir uns von der Religion entfernt haben", referiert der ägyptische Gast aus Deutschland, um dann zu seiner Kernthese zu kommen. Nicht die Rückkehr zur Religion sei geboten, "der Islam ist Teil des Problems". Kein Zwischenruf, kein Einwand. Ein paar Minuten später schließt Abdel Samad seinen Vortrag mit einem Bild. "Die islamische Gesellschaft ist wie ein baufälliges Haus und anstatt anzuerkennen, dass es nicht mehr bewohnbar ist, wird es von den Muslimen mit einer neuen schönen Farbe angestrichen".

Das klingt, wie so vieles in seinem Buch recht griffig, aber beeindruckt es auch das ägyptische Publikum? Nabil Abdel Fattah, Leiter der historischen Abteilung am renommierten Ahram-Zentrum für strategische Studien, ist eher eine ruhige akademische Natur und genau so stellt er das Buch als Gegenredner in Frage. Es gebe viele Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, warum Länder wie Ägypten zurückgeblieben sind, beginnt er. "Sie alle verallgemeinern und vereinfachen und genau das ist das Problem; die Dinge nicht auch im historischen und politischen Kontext zu sehen". Mit Verallgemeinerungen versuchen diese Bücher alles zu erklären und erklärten dabei in Wirklichkeit nichts, fährt er fort, ohne dabei höflich den Namen Abdel Samads zu erwähnen. Abdel Fattah bezweifelt, dass islamische Gesellschaften von Indonesien, über die Türkei, Saudi Arabien, Ägypten bis hin zu den Maghreb-Staaten überhaupt eine Einheit auf Grundlage ihrer Religion darstellen, und er spricht auch nicht von einem, sondern von vielen Formen des Islam. Und wenn der Islam die Ursache für den Rückschritt sei, warum folgen dann die christlichen Kopten in Ägypten, die immerhin zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, jenseits ihrer spezifischen Religion, gesellschaftlich im Wesen den gleichen Mustern, fragt er. Doch am Ende lobt er das Buch wieder: "Es hat Spaß gemacht zu lesen. Ein Buch das keine Fragen aufwirft, ist ein totes Buch, dies ist ein Buch, das lebt".

Die anschließende Diskussion wird nur einmal laut, als ein Teilnehmer Abdel Samad vorwirft, sich von der antiislamischen Stimmung in Deutschland instrumentalisieren zu lassen. Doch es bleibt der einzige Einwand dieser Art an diesem Abend. Sarrazin ist weit weg. Keiner im Raum will die Zustände in Ägypten verteidigen. Das ist der Konsens der über den Rauchschwaden im Raum liegt. Nur in der Ursachenforschung scheiden sich die Geister. Auf einem der Sofas sitzt die 23-jährige Rehab Luay, die als Journalistin für das staatliche Politmagazin Rose El-Yussuf arbeitet. "Genauso wie Abdel Samad ist keiner hier mit den Zuständen zufrieden. Wir schöpfen einfach unsere Potenziale nicht aus", sagt sie.
– "Entweder Broder": Sonntag, ARD, 23.35 Uhr.

Autor: Karim El-Gawhary