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04. Oktober 2014

Clips für Millionen

BZ-SERIE "ELTERNWISSEN 2.0" (TEIL 12 UND ENDE): Fernsehen war gestern, Youtube ist das neue Fernsehen – ein Streifzug durch die Videowelt.

  1. Foto: Rita Reiser

  2. Foto: Karo Schrey 

Sie ist zierlich, blond, hat große blaue Augen, quasselt ohne Punkt und Komma und ihre Hände flattern wie wild vor der Kamera.

Dagmara (20) ist ein Star. Jedenfalls für Youtube-Gucker. Seit zwei Jahren lädt sie unter dem Künstlernamen "Dagi Bee" jede Woche neue Videos auf der Plattform hoch. Sie spricht über die "20 typischen Probleme jedes Mädchens", über platte Haare, Glitzernagellack, zeigt den perfekten Lidstrich, veranstaltet alberne Spielchen mit ihrem Freund Timi. Das alles ist so banal wie das Gequassel, das einst Backfische an der Bushaltestelle führten.

Menschen über 20 haben von Dagi Bee wahrscheinlich noch nie gehört. Mädchen zwischen zwölf und 18 schon. Dagi Bees Youtube-Kanal zählte am 2. Oktober 1,09 Millionen Abonnenten, jeden Tag werden es ein paar Tausend mehr. Sie hat 1,2 Millionen Facebook-Fans und 208 000 Follower auf Twitter. Ihre beliebtesten Videos wurden zwei Millionen Mal geklickt, darunter stehen Tausende von Kommentaren. Und wer die Lebenstipps mittendrin stoppt, bekommt eine sanfte Ermahnung: "Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr euch das Video bis zum Schluss anschaut, da es mir wirklich wirklich viel bedeutet & es sehr Emotional ist!"

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Die Düsseldorferin ist beileibe nicht der einzige Youtube-Star. Bianca Heinicke alias Bibi zeigt in "Bibis Beauty Palace", wie man niedliche Flechtfrisuren macht, Make-up auflegt, Donuts backt oder sie lässt ihren Opa Begriffe aus der Jugendsprache raten – und Hunderttausende schauen dabei zu. Mehr als 1,1 Millionen Menschen haben ihren Kanal abonniert, ihr erfolgreichstes Video erreichte mehr als vier Millionen Aufrufe. Damit die Größen deutlich werden: Der Youtube-Kanal des ZDF hat gut 44 000 Abonnenten, die Bundesregierung kommt gerade mal auf 11 000.

Sie wollen sich nichts

mehr vorschreiben lassen

Fernsehen – für viele Jugendliche ist das ein Medium von gestern. Ihren Gewohnheiten und Vorstellungen entspricht Youtube (was übersetzt "Du sendest" heißt) viel besser. Sie wollen sich nicht vor ein Gerät setzen, das nicht bewegt werden kann. Sie wollen nicht darauf warten, dass eine Sendung um eine bestimmte Uhrzeit beginnt und ständig durch Werbepausen unterbrochen wird. Sie wollen nicht auf die Fortsetzungen warten. Sie wollen alle Inhalte zu jeder Tages- und Uhrzeit und an jedem Ort verfügbar haben.

Während der Durchschnittsbürger laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 jeden Tag vier Stunden Fernsehen schaut und zwei Stunden im Internet surft, ist das Verhältnis bei den 14- bis 29-Jährigen genau umgekehrt. Sie sitzen nur noch zwei Stunden vor dem Fernseher und sind dafür vier Stunden online, rechnet das Medienmagazin Journalist vor. "Wir lassen uns eben nichts mehr vorschreiben", schreibt Philipp Riederle, Jahrgang 1994 und Unternehmensberater, der in seinem Buch "Wer wir sind und was wir wollen" erklärt, wie seine Generation fühlt und denkt, surft und twittert. "Wenn Ihr uns kriegen wollt, müssen wir erst Eure Fans werden können."

Es sind aber nicht nur die Internet-Kids, die sich durch das Videoportal klicken. Der durchschnittliche deutsche Youtube-Nutzer ist nach einer jüngst veröffentlichten Umfrage 30 plus, gut vernetzt, konsum- und ausgehfreudig und verdient gut. Weltweit besuchen Monat für Monat eine Milliarde Nutzer Youtube, mehr als sechs Milliarden Stunden Videomaterial, so das Unternehmen, werden dabei angesehen.

Youtube, 2005 gegründet, ist für Jugendliche heute die erste Anlaufstelle, wenn es um Unterhaltung und Informationen geht. Die meisten jungen Menschen befragen nicht Google oder Wikipedia, sondern gehen direkt zu Youtube, wenn sie etwas wissen oder erklärt bekommen möchten. Ob das Aufbrechen einer Tür mithilfe einer Karte, das Backen eines Schokokuchens, das Addieren von Brüchen oder die richtige Kraultechnik – es gibt kaum ein Thema, zu dem es nicht schon Erklärvideos, Tutorials, Vorträge oder Diskussionen gibt.

Was macht den Reiz der Plattform aus? "Für Jugendliche hat sich hier ein wichtiger Raum entwickelt – als soziales Netzwerk, als Bühne, als Kommunikationsraum, als Marktplatz – kurz: ein Stück Lebenswelt, der auch Bildungsraum ist", erklärt der Medienpädagoge Daniel Seitz, der sich für Bundeszentrale für politische Bildung auf eine Expedition durch Youtube begeben hat. Seine Erkenntnis: Jugendliche nutzen die Plattform anders als Erwachsene: "Wenn Jugendliche auf Youtube gehen, loggen sie sich ein, checken, welche Abrufzahlen hinter ihren letzten Videos stehen oder, wenn sie nicht selbst produzieren, zumindest, was sich in den abonnierten Kanälen getan hat und wer auf ihre Comments reagiert hat. Dann wird fleißig geliked oder disliked (im Gegensatz zu Facebook ist das hier möglich), Kommentare unter den neuesten Videos der Lieblings-Youtuber abgegeben und eigene Playlists zusammengestellt."

Die Videos seien oft interaktiv, persönlich, personalisierend und feierten "subkulturelle Phänomene". Der enge Kontakt zu den Fans sei eines der Erfolgsgeheimnisse. Nicht wenige verließen die Einbahnstraße des Fernsehens, um selbst Videos online zu stellen.

Youtuber sind die neuen Teenie-Stars, die sich oft binnen kurzer Zeit eine erstaunliche Fangemeinde aufgebaut haben. 15 000 Jugendliche kamen jüngst für zwei Tage zu den Videodays nach Köln, um ihre Teenie-Stars live zu sehen. "Youtuber" gilt bereits als Traumberuf. Verständlich, denn damit lässt sich ordentlich Geld verdienen. Google, zu dem Youtube gehört, beteiligt seine Partner. Der Umsatz hängt von den Klickzahlen und den eingeblendeten Werbeclips ab und wird nach einem Algorithmus berechnet. Der weltweit führende Youtuber "PewDiePie" beispielsweise kommt laut Medienberichten pro Minute auf Erlöse von 13 Dollar – basierend auf den geschätzten Jahresumsätzen von sieben Millionen Dollar. "Pro 1000 Klick verdient ein deutscher Youtube-Partner zwischen 60 Cent und 1,30 Euro", schreibt das Politmagazin Cicero. Dazu kommen Werbeverträge und die Gewinne aus dem Merchandising, auf die sich die Youtube-Stars bereits blendend verstehen. Auch Dagi Bee kann von ihren Videos nach eigenen Angaben mittlerweile "ganz gut" leben.

Erik Range (38) alias "Gronkh" auch. Der Gamer, also Computerspieler, führt die Top-100-Liste der deutschen Kanäle an. In Zahlen ausgedrückt heißt dies: Mehr als drei Millionen Abonnenten, seine Videos wurden mittlerweile 1,2 Milliarden Mal angeklickt. Mit seiner 1000. Episode des Spiels "Minecraft" wurde er gerade mit dem Deutschen Webvideopreis 2014 ausgezeichnet. Die Begründung der Jury: "40 Minuten lang begibt sich der Let’s Player in seinem Video auf eine Reise in die Anfänge seiner Minecraft-Welt und überzeugte damit Community wie Jurymitglieder gleichermaßen."

Das Konzept scheint ganz einfach – und doch ist für Erwachsene nur schwer zu verstehen, was daran spannend sein soll. "Gronkh" spielt Computerspiele, kommentiert, was er dabei tut – und lädt das fertige Werk als "Let’s Play Video" hoch.

So groß das Genre bei Youtube auch ist, nach einer Untersuchung des Marketing-Dienstleisters Webvideo ist vor allem Humor gefragt. Zu den hundert beliebtesten deutschen Youtube-Kanäle gehören vor allem Comedy, Computerspiele, Musikclips, Do-it-yourself-Videos und Sport.

Die Stars gerieren sich zwar als Amateure. Doch viele Clips werden mittlerweile professionell produziert. Zum Beispiel von Mediakraft Networks. Das Geschäftsmodell des Unternehmens besteht darin, Youtuber unter Vertrag zu nehmen, sie weiterzubilden, zu vernetzen, an Werbetreibende zu vermarkten – und damit Geld zu verdienen.

Für das Netzwerk arbeiten 150 Mitarbeiter, ihm gehören knapp 500 verschiedene Kanäle in den Bereichen Information, Gaming, Comedy, Mode und Sport an. Zwölf Millionen Zuschauer erreicht Mediakraft Networks nach eigenen Angaben – in Deutschland und Polen, in der Türkei und in Holland. Das Zugpferd des Internet-TV-Senders ist das Comedy-Trio "Y-Titty" mit mehr als drei Millionen Abonnenten.

Alles nur Quatsch und Comedy? Es gibt auch Politik. Florian Mundt (27) alias LeFloid ist der Nachrichtensprecher der Youtuber. Jeden Montag und Donnerstag lädt er "LeNews" hoch. Dort berichtet er über Themen, die ihn bewegen: Das kann die Scharia-Polizei in Wuppertal sein, die Terrormiliz Islamischer Staat, die korrupte Polizei in Argentinien oder Freier, deren Fotos in den Vereinigten Staaten von der Polizei ins Netz gestellt werden.

Die Amateure werden

professionell und kommerziell

Mit 210 000 000 Abrufen und mehr als zwei Millionen Abonnenten gehört der Student zu den beliebtesten deutschsprachigen Youtube-Kanälen. Von einer solchen Reichweite können viele in den etablierten Medien nur träumen. Eine Einbahnstraße ist die One-Man-Show nicht. "Was sagt Ihr dazu? Sagt mir eure Meinung. Ich bin richtig gespannt!" So oder ähnlich endet jeder Beitrag. Die Aufforderung zur Diskussion schafft eine enge Bindung zum Publikum – und wird rege genutzt.

Für Philipp Riederle, der das Internet als sein zweites Zuhause bezeichnet und selbstverständlich auch auf Youtube zu finden ist, ist dies typisch für die Generation Internet: "Wir kommunizieren anders. Nicht vom Sender zum Empfänger, sondern miteinander ... Es geht aber nicht um Schnelligkeit, sondern um Gleichzeitigkeit – hier und jetzt."

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter           http://mehr.bz/elternwissen

LEGAL ODER ILLEGAL?

Vorsicht Abmahnung!

Hochladen, Anschauen, Mitschneiden, Einbetten – was ist bei Filmen und Musik aus dem Netz eigentlich erlaubt?

Entscheidend für das Hochladen ist, wer den Film gedreht hat oder die Rechte daran besitzt. Er hat das Urheberrecht. Dies gilt nicht nur für Bildmaterial, sondern auch für Tonmaterial. Es reicht nicht, darauf hinzuweisen, dass man die Rechte nicht besitzt! Wer in Sachen Urheberrecht unsicher ist, sollte lieber die Finger davon lassen.

Wer ein Video dreht, muss zudem die Persönlichkeitsrechte beachten. Das heißt: Wer in dem Streifen gezeigt wird, muss zuvor gefragt werden und damit auch einverstanden sein.

Die technische Möglichkeit, einen Youtube-Film auf der eigenen Homepage einzubinden ("embedden") sagt nichts darüber aus, dass dies auch erlaubt ist.

Was tun bei einer Abmahnung? Einen ausführlichen Hintergrund über die rechtliche Situation bei Internet-Tauschbörsen, dubiose Angebote im Internet sowie die Fallstricke und die möglichen Konsequenzen für Jugendliche und ihre Eltern sowie die Möglichkeiten bei kostenpflichtigen Abmahnungen gibt es im Internetdossier.

Weitere Informationen unter      http://mehr.bz/elternwissen

 

Autor: bz

Autor: Petra Kistler