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18. August 2012

Kulturfinanzierung

Crowdfunding: Eine echte Option

Ein großer Investor ist gut, tausend kleine sind besser: Crowdfunding kann Künstlern helfen, an Geld zu kommen – manchmal.

  1. Foto: Thomas Kunz

  2. Foto: photocase/Christopher Jahn

  3. Kunst kostet Geld: Crowdfunding wird für geschäftstüchtige Künstler mehr und mehr zu einer Option. Foto: Kunz/Jahn/DAPD/DPA

  4. Foto: dpa

Andre Rober hat ein Buch geschrieben. Einen Thriller. Zwei Studenten finden am Schauinland eine grässlich entstellte Leiche. Die Polizei ermittelt, die Spur führt zu radikalen Islamisten und einer vergessenen Nazi-Geheimwaffe. "Sturmernte" heißt das Werk, das Manuskript hat 50 Seiten und keinen Verlag – so wie die meisten Romanentwürfe unbekannter Schriftsteller. Andre Rober, 41-jähriger Hobbyautor aus Merzhausen, will "Sturmernte" in einer Kleinauflage selbst auf den Markt bringen – und sucht im Internet nach Geldgebern.

Rober hat sich deshalb bei der Crowdfunding-Plattform "Startnext" angemeldet. Dort stellt er sein Projekt vor. Preist einen "sorgfältig recherchierten, hochaktuellen Kriminal-, Polit- und Actionthriller mit einem Hauch an Emotionen und Erotik" an. Erklärt selbstbewusst, wer seine Vorbilder sind: "Wer Follett, Forsyth und Le Carré gelesen hat, wird auch an ,Sturmernte‘ seine Freunde haben." Und erklärt, wieviel Geld er braucht: 2000 Euro, für eine Startauflage von 120 Exemplaren. Knapp 2700 Euro kamen am Ende zusammen. Überfinanzierung – Rober geht davon aus, dass es sogar zu rund 250 Exemplaren reichen wird.

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Vor zwölf Jahren war die Zeit noch nicht reif

Crowdfunding gehört zu den großen Trends im Internet. Von Vorteil: Man kann bei der Schwarmfinanzierung schon mit einem Euro zum Investor werden. Das ist aber auch der größte Nachteil: Nur selten kommen richtig große Summen zusammen. Das deutsche Vorzeigeprojekt ist der geplante Kinofilm mit dem Büro-Ekel Stromberg. 3000 Fans legten zusammen und investierten insgesamt eine Million Euro. Meistens werden aber kleinere Brötchen gebacken: In den meisten Fällen gelten 20 000 Euro als das höchste aller Gefühle – und selbst daran scheitern viele. Auch heute noch, zwölf Jahre, nachdem Crowdfunding zum ersten Mal ausprobiert wurde.

US-amerikanische Programmierer machten im Jahr 2000 mit der Plattform "Artistshare" den Anfang. Mit ihr versuchten Musiker, die Verluste durch Raubkopien und Online-Tauschbörsen wieder wettzumachen – und wollten von ihren Fans Geld für Alben einsammeln, die noch nicht einmal aufgenommen waren. Doch die Zeit war noch nicht reif für diese Idee. Das Format war neu, das Internet vielen noch zu fremd – und bezahlen per Mausklick für viele eine Horrorvorstellung.

Das hat sich geändert. Heute ist Crowdfunding für Künstler eine echte Option geworden – und eine Möglichkeit, sich von Plattenfirmen zu emanzipieren. Die amerikanische Rap-Truppe Public Enemy sammelte im Jahr 2010 über die Webseite "Sellaband" 75 000 Euro für ein neues Album ein. Die Macher der finnischen Nazi-Ufo-Komödie Iron Sky erzielten 2011 rund 900 000 Euro. Und die US-Sängerin Amanda Palmer brachte sogar 1,2 Millionen Dollar für ein neues Album auf.

Die Künstler betteln auf den Crowdfunding-Plattformen nicht um Almosen. Sie bieten eine Gegenleistung, gestaffelt nach Geldbeträgen – wie der Merzhausener Rober, der für 35 Euro ein signiertes Buch bot und für 200 Euro noch ein selbstgekochtes Abendessen drauflegte. Mit wachsender Prominenz steigen die Möglichkeiten: Amanda Palmer, die als Sängerin der Cabaret-Punk-Band The Dresden Dolls berühmt wurde und auch Zeichentalent hat, wird einige ihrer Fans und Geldgeber in Öl porträtieren – für 10 000 Dollar.

Möglichkeiten gibt es viele. Die Crowdfunding-Portale lassen ihren Fans Freiheiten. Einzige Bedingung: Am Stichtag muss die angepeilte Fördersumme erreicht sein – ein einziger Euro zu wenig, und alles ist wieder weg. Das Geld aufzubringen, klappt immer häufiger: 2011 finanzierten weltweit 3600 Bands ihre Studioaufnahmen über das populärste Portal "Kickstarter" – und sammelten 20 Millionen Dollar ein.

Auch Künstler aus der Region entdecken Crowdfunding. Die Ortenauer Band Rock-Rainer gehörte zu den Ersten – die Musiker versuchten vor einem Jahr, einen Teil ihres neuen Albums zu finanzieren. Erfolglos: Die 3000 Euro, die sie aufbringen wollten, erreichten sie nicht. "Wir sind mit Abstand gescheitert", sagt Bandmitglied Sandro de Lorenzo.

Zum Crowdfunding-Gegner machte ihn das nicht. Nur zum Skeptiker. Crowdfunding, sagt er, lohne sich für drei Arten von Künstlern. Erstens: Für solche, die einen großen Namen haben und entsprechend viele Fans. Zweitens: Für die, die nicht viel Geld brauchen. Drittens: Für Künstler, die in einer Nische sitzen. "Mittelalterbands zum Beispiel", sagt de Lorenzo. "So etwas funktioniert bei Musik, die nicht so oft in den Medien stattfindet. Da sind die Fans oft eine eingeschworene Gemeinschaft – die wissen, dass Crowdfunding vielleicht die einzige Möglichkeit ist."

Etwas technisches
Verständnis hilft

Noch schlechter lief es beim Ihringer Sänger Alexander Vassiliev. Der klassisch ausgebildete Bass wollte eine CD mit Liedern des unbekannten, im Ersten Weltkrieg gefallenen Komponisten Rudi Stephan aufnehmen. "Sein Schicksal hat mich berührt", sagt Vassiliev, "und ich habe mit Erschrecken festgestellt, dass es keine Aufnahmen gab." Er entschloss sich, es mit Crowdfunding zu probieren. Setzte sich ein Finanzierungsziel von 5000 Euro. Und scheiterte – der Geldzähler des mittlerweile beendeten Projektes steht bei 96 Euro. "Für Menschen, die nicht viel technische Erfahrung haben, waren die Hürden zu hoch. Nicht jeder meiner Freunde hat es geschafft, sich da anzumelden." Crowdfunding, meint Vassiliev, sei vielleicht eher etwas für den Bereich Rock und Pop. Seine Lieder-CD mit dem Titel "Memento vivere" ist trotzdem erschienen. Herkömmlich finanziert. Vassiliev will aber nicht ausschließen, dass er nicht noch einmal ein ähnliches Crowdfunding-Projekt auf die Beine stellen wird, irgendwann. "Es ist eine spannend Sache", sagt er, "die staatlichen Mittel für Kultur werden ja auch immer weiter gekürzt."

Crowdfunding

könnte man auch als Schwarmfinanzierung bezeichnen. Hier gibt es keine großen Investoren, sondern viele kleine, die selbst entscheiden, wieviel Geld sie in ein Projekt stecken wollen. Im Gegensatz zur Spende bekommen sie eine Gegenleistung. Das kann zum Beispiel eine Ausgabe der CD sein, an deren Aufnahme sie sich finanziell beteiligt haben, aber auch ein Privatkonzert in den eigenen vier Wänden oder eine Statistenrolle in einem Spielfilm. Die meisten Projekte sind zeitlich begrenzt – wird die Fördersumme nicht erreicht, verfällt das bisher investierte Geld.  

Autor: pam

Autor: Patrik Müller