Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. November 2015

Die erste Chefredakteurin der Bild

Tanit Koch löst im Januar Kai Diekmann ab – der aber erhält als künftiger Herausgeber der Gruppe noch mehr Macht.

  1. Tanit Koch Foto: A. Springer SE/dpa

Vor einigen Wochen schrieb Bild-Vize Bela Anda in seinem morgendlichen Newsletter vom Besuch des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann in der Politikredaktion. Er schrieb tatsächlich "besuchen". Einen treffenderen Begriff hätte er kaum wählen können. Ist Diekmann nicht auf Reisen, twittert er unermüdlich, nutzt jede Gelegenheit, gegen Konkurrenten zu sticheln und Kritiker zu provozieren. Seit seiner Auszeit, 2012 im Silicon Valley, wurde dieses Verhalten immer auffälliger.

Am Donnerstag teilte der Springer-Verlag nun mit, die Bild-Chefredaktion neu zu besetzen. Kai Diekmann gibt das Amt nach 15 Jahren ab. Erstmals in der Geschichte der Zeitung tritt eine Frau an die Spitze: Tanit Koch, 38, derzeit stellvertretende Chefredakteurin und Unterhaltungschefin, wird mit Wirkung zum 1. Januar 2016 verantwortlich, wenngleich nur für die gedruckte Ausgabe.

Die Personalie belegt den Einfluss, den Diekmann auf die Regelung seiner eigenen Nachfolge hatte. Koch, die Jura und Politikwissenschaften studiert hat, leitete nach dem Ende ihrer journalistischen Ausbildung bei der Springer-eigenen Journalistenakademie Diekmanns Büro. Zeitweilig war sie bei der Schwesterzeitung Die Welt, doch Diekmann holte sie zurück. Er machte sie zur Textchefin, gab ihr die Verantwortung für Bild Hamburg und holte sie danach als Unterhaltungschefin zurück nach Berlin. Koch sei Diekmann ergeben, formuliert es einer, der die Machtverhältnisse gut kennt. Redaktionsintern wird die Berufung jedoch als Affront gegen Julian Reichelt gesehen. Der Chefredakteur des Bild-Online-Auftritts, der in der jüngsten Vergangenheit verstärkt öffentlich aufgetreten ist und Diekmann in Sachen Aggressivität locker überragt, galt vielen als sicherer Nachfolger.

Werbung


Reichelt bleibt jedoch Chef von Bild Digital, so wie Peter Huth Chefredakteur von Bild Berlin und B.Z. bleibt und Marion Horn Chefredakteurin von Bild am Sonntag ist. Berichteten Chefredakteure früher jedoch ausschließlich an den Vorstandsvorsitzenden, sitzt ihnen allen nun Kai Diekmann im Nacken. Auch Marion Horn, die in diesen Tagen eine kritische Frage nach Bild öffentlich mit dem Satz konterte: "Ich habe mir abgewöhnt, mich für Bild schlagen zu lassen. Ich bin Chefredakteurin von Bild am Sonntag".

Springer teilt mit, Diekmann übernehme als Herausgeber der gesamten Bild-Gruppe künftig nicht nur die gesamte Markensteuerung mitsamt publizistischer Ausrichtung, sondern auch "die Führung der Chefredakteure, die künftig direkt an ihn berichten". Damit ist die Position des 51-Jährigen gestärkt. Vorstandschef Mathias Döpfner sagt: "Das Konzept von Bild hat sowohl digital als auch international spannende Entwicklungsperspektiven. Diese Potenziale wird Kai Diekmann, der langjährigste und wohl auch erfolgreichste Chefredakteur von Bild, in seiner neuen, übergeordneten Aufgabe konkretisieren."

Das "wohl" in Döpfners Lob deutet es an. Über die Frage nach dem Erfolg lässt sich streiten. Gemessen an der Auflage war Diekmann nicht erfolgreich. Die Zeiten, in denen das Blatt vier, in Rekordzeiten gar fünf Millionen Exemplare täglich verkauft hat, sind Geschichte. Aktuell kommt Bild mit Mühe auf zwei Millionen. Freilich ist dank der digitalen Ausgaben die Reichweite der Marke Bild weiterhin hoch. Und knapp 300 000 Abonnenten zahlen für Bild digital. An Tanit Koch, über die Döpfner sagt, sie habe sich "über viele Jahre hinweg überzeugend für die Aufgabe qualifiziert, Europas größte Tageszeitung journalistisch zu führen", liegt es nun, die von Döpfner erwarteten "neuen Akzente" zu setzen.

Autor: Ulrike Simon