BZ-Interview

Interview: Freiburgerin Löwisch übernimmt Leitung der Deutschen Journalistenschule

Savera Kang

Von Savera Kang

Sa, 07. Januar 2017 um 00:01 Uhr

Computer & Medien

Henriette Löwisch begann ihre Karriere als Journalistin in Freiburg bei der BZ, jetzt übernimmt sie die Leitung der Deutsche Journalistenschule in München und spricht über ihren Berufsstand.

BZ: Frau Löwisch, wie leicht fiel es Ihnen als junge Journalistin, sich unbeliebt zu machen?

Löwisch: Als ich damals in der Redaktion Kreis Breisgau-Hochschwarzwald bei der Badischen Zeitung angefangen habe, war ich stolz, wenn sich jemand über meinen Artikel geärgert hat. Ich erinnere mich an eine Kreisjungviehweide im Schwarzwald – da ging es darum, ob es weiterhin eine Weide für alle Bauern geben sollte oder ob jeder für sich schauen soll. Der Artikel diskutierte die unterschiedlichen Auffassungen. Ein Lokalpolitiker war hinterher ganz sauer. Das fand ich gut.

BZ: Wenn heute jemand sauer ist, kann das – durch Social Media beispielsweise – schnell große Kreise ziehen und unerwartete Schlagseiten bekommen. Hat sich Ihre Einstellung durch diese Entwicklung verändert?

Löwisch: Das macht es für junge Journalisten heutzutage auf jeden Fall viel schwieriger. Die Frage, wie Journalisten Hetze begegnen können, ist wichtig. Ich habe kein Allheilmittel für den Umgang damit. Ich beobachte Kollegen, die neue Konzepte ausprobieren und sehr mutig sind. Dunja Hayali zum Beispiel, die versucht hat, auf Hasskommentarschreiber zuzugehen und das Gespräch gesucht hat. Das ist kein Patentrezept, aber ich finde es toll, dass sie es ausprobiert hat.

BZ: Wer entscheidet sich in Zeiten von Fake-News und Lügenpressevorwürfen überhaupt noch, Journalist zu werden?

Löwisch: Ich habe mich damals für den Journalismus interessiert, weil ich etwas machen wollte, das nicht schnell langweilig wird. Ich glaube, das gilt für viele heute noch genauso. Und es geht um was – nicht nur um die eigene kleine Welt, sondern um größere gesellschaftliche Fragen.

BZ: Das klingt, als stecke eine Portion Idealismus mit drin.

Löwisch: Nicht Idealismus, sondern Journalisten brauchen eine gute Mischung aus Leidenschaft und Nüchternheit. Wichtig ist auch eine positive Grundeinstellung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt – über alle Grenzen und Streitereien hinweg. Ich glaube, das sollte man mitbringen.

BZ: Das Fachblatt Journalist widmet sich in seinem aktuellen Titelessay dem Dilemma, in dem Medien stecken, wenn sie auf der einen Seite nicht auf gezielte Provokationen oder Fake-News eingehen wollen, auf der anderen Seite aber mit dem Vorwurf konfrontiert werden, Informationen bewusst zurückzuhalten.

Löwisch: Was Fake-News betrifft, fände ich es gut, wenn der Journalismus sich selbst kreative Wege überlegt, diese als solche sichtbar zu machen. Ich kann nicht programmieren, aber ich würde gerne Bedingungen schaffen, unter denen Journalisten solche Werkzeuge entwickeln können. Das könnte zum Beispiel eine Software sein, die anzeigt, auf wie vielen Quellen Nachrichten basieren und den Lesern so hilft zu beurteilen, wie glaubwürdig Informationen sind. Es gibt immer Rufe nach der Regierung, aber ich fände es besser, Journalisten würden sich selbst etwas ausdenken.

BZ: Was passiert mit dem Journalismus, wenn jeder Klick gezählt werden kann?

Löwisch: Ich glaube, das mit den Klicks ist eine zu primitive Messmethode. Heute zählt eher die Interaktion – Kommentare, Shares und so weiter. Grundsätzlich ist es ja notwendig, zu wissen, für wen man schreibt. Und die Möglichkeiten, zu erfahren, wie sich die Leserschaft bei einem bestimmten Artikel demografisch zusammensetzt, sind durch die Technik größer geworden. Wenn man sich immer nach dem Publikum richtet, hat das natürlich auch Nachteile: Es verleitet dazu, beliebt sein zu wollen, zu provozieren oder aufgeregten Journalismus zu machen. Und das Resultat ist dann halt zum Beispiel Trump.

BZ: Wo sehen Sie in Zukunft die größte Herausforderung für den Journalismus?

Löwisch: Die Digitalisierung und die Finanzierung von Journalismus, das sind die Dauerbaustellen. Was mich aber momentan noch mehr umtreibt ist die Frage nach der Legitimation von Journalismus. Wenn wir schon bei Trump sind: Hinter dem Phänomen steckt meiner Meinung nach letztendlich eine Globalisierungsangst, gepaart mit einem Glaubwürdigkeitsverlust der Medien. Leute fragen sich: Warum haben die Medien uns nicht vor den Folgen der Globalisierung gewarnt oder so gut informiert, dass wir eine Chance hatten, uns zu wehren?

BZ: Welche Herausforderung war für Sie die bisher größte?

Löwisch: Ich habe mir immer Situationen gesucht, in denen ich "die Neue" war. Um die Dinge auch mit einem neuen Blick sehen zu können, mit einer Außensicht. Das ist spannend, kann aber auch schwierig sein. Man fängt immer wieder bei Null an und kann nie eine ruhige Kugel schieben.

BZ: Vor zehn Jahren hat der Spiegel Sie folgendermaßen zitiert: "Am liebsten würde ich eine Journalistenschule leiten." Sind Sie nun am Ziel angekommen?

Löwisch: Ich habe mir noch nie vorstellen können, dass die Suche nach dem Neuen endet [lacht]. Aber erst mal bin ich angekommen.
Henriette Löwisch (51) kommt aus Freiburg. Ihre Mutter ist die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Sigrun Löwisch, ihr Vater Manfred Löwisch war frühere Rektor der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Ihr Bruder Georg ist Chefredakteur der Tageszeitung in Berlin. Henriette Löwisch besuchte die Deutsche Journalistenschule (DJS) in München, war Chefredakteurin der Nachrichtenagentur AFP und Professorin für Journalistik an die University of Montana.