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23. Juni 2012

"Vorurteile werden radikalisiert"

BZ-INTERVIEW mit dem Journalisten und Medienberater Wolfgang Storz über die Arbeitsweise der Bild-Zeitung.

  1. „Wir sind Papst!“, titelte die Bild-Zeitung 2005 zur Wahl Joseph Ratzingers zum katholischen Kirchenoberhaupt. Die Fassade des Axel-Springer Hochhauses in Berlin zierte ein gigantisches Banner, eine Kopie der Titelseite. Foto: dpa

  2. Storz Foto: Schneider

Am Sonntag vor 60 Jahren ist die Bild- Zeitung zum ersten Mal im Hamburger Axel-Springer-Verlag erschienen. Mit täglich 2,67 Millionen verkauften Exemplaren ist sie die meistgelesene – und auch meistumstrittene – Zeitung in Deutschland. Mit dem Journalisten und Medienberater Wolfgang Storz hat sich Steffen Grimberg über die Rolle der Bild heute unterhalten.

BZ: Herr Storz, am heutigen Samstag will die Bild-Zeitung zu ihrem 60. Geburtstag über 40 Millionen Haushalte in Deutschland mit einem Freiexemplar beglücken. Hunderttausende verbitten sich das und machen dagegen Front. Ist das nicht etwas übertrieben?
Wolfgang Storz: Natürlich kann man auch mal eine Bild-Zeitung in die Hand nehmen. Allerdings sollte man das, was in Bild steht, nicht ernst nehmen. Aber die Aktion ist gut, und Übertreiben tun die Initiatoren natürlich kein bisschen: Bild mischt sich systematisch in gesellschaftspolitische Themen ein – mit Instrumenten, die mit Blick auf verlässliche Öffentlichkeit, auf verlässliche Information sehr bedenklich sind.

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BZ: Viele Stimmen attestieren Bild, im Vergleich zu den 1960er/70er Jahren zahmer geworden zu sein. Was ist denn auch heute noch so bedenklich?
Storz: Nehmen Sie die Sarazzin-Debatte, oder die Griechenland- und Euro-Krise: Wir haben in einer Studie 2010 das erste halbe Jahr der Bild-Berichterstattung zu Griechenland untersucht. Da wurden über die Artikel hauptsächlich Botschaften vermittelt, aber keine Informationen. Bild arbeitet dabei mit Begriffen wie "Pleite-Griechen", die dazu angetan sind, durchaus vorhandene Stereotypen und Vorurteile zu radikalisieren. Dazu wird behauptet: "Die Deutschen müssen jetzt die Luxusrenten der Griechen finanzieren". Das ist klassische Kampagne und kein Journalismus.

BZ: Aber Bild wurde doch eben für die Berichterstattung über den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet...
Storz: Das war eher ein Missverständnis, denn die Entscheidung der Jury ist sehr wackelig – man hat ja vor allem die Relevanz der Geschichte gelobt, nicht die Recherche an sich. Doch der Nannen-Preis macht eben klar, dass das Blatt kein Outlaw mehr, sondern in der Mitte unserer Mediengesellschaft angekommen ist. Sicher gibt es in Bild völlig korrekte Nachrichten, und natürlich arbeitet Bild bei vielen Beiträgen auch journalistisch. Man darf aber nicht einen Text herausoperieren aus dem gesamten Gefüge, und nur diesen einen Text bewerten. Übrigens war die Bild-Berichterstattung über Christian Wulff von 2006 bis Mitte Dezember 2011 ganz eindeutig: Da gab es kein böses Wort, sondern nur Glorifizierung – Bild hat sich buchstäblich als Werbeagentur für Wulff betätigt.

BZ: Wieso kam bei Wulff dann aber der Umschwung, während ein anderer Bild-Held – Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – bis zum Schluss auf das Blatt zählen konnte?
Storz: Das ist eine spannende Frage. Nach unserer Untersuchung haben wir die begründete These – beweisen können wir es nicht –, dass man im Fall Wulff gar nicht anders konnte, weil andere Medien wie der Spiegel auch an der Geschichte dran waren. Das Schlimmste, was Bild hätte passieren können, wäre gewesen, dass diese Person, die sie über Jahre hinweg hochgejubelt haben, von anderen Medien demontiert und überführt wird. Bei Guttenberg hat Bild immer wieder mit viel Geschick und Erfahrung versucht, sich als Stimme des Volkes zu präsentieren. Nach dem Motto: Wir stehen weiter zu ihm, weil auch die Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung abseits des Politik- und Wissenschaftsbetriebs die Plagiatsaffäre gar nicht als so schwerwiegend bewertet hat.

BZ: Welche Rolle spielt hierbei die Politik? Wird Bild nicht einfach viel zu ernst genommen?
Storz: Eindeutig ja. Und nicht nur von Politikern, auch von wichtigen Managern oder Künstlern: Sie alle hofieren ein Medium, das mit Menschen eine Strategie der systematischen Auf- und Abwertungen betreibt, was verharmlosend dann Fahrstuhl-Effekt genannt wird. Dass sie diesem Mechanismus überhaupt erst Wirkung und Weihen verleihen, indem sie mitmachen, blenden sie aus und fallen auf die Inszenierung von Bild herein. Das Blatt schafft es offensichtlich noch immer, der Politik zu vermitteln, es habe realen Einfluss auf die Bevölkerung und der Bevölkerung wird vorgemacht, Bild könne die Politik beeinflussen. Belegt ist das in keinster Weise.

BZ: Am heutigen Samstag vertritt in einer Sendung bei Deutschlandradio Kultur dessen ehemaliger Intendant Ernst Elitz das Blatt, in dem er heute regelmäßig kommentiert. Von der Bild-Chefetage mochte offenbar niemand kommen. Und auch die eigene Bild-Geschichte zum 60. Geburtstag hat kein Bild-Redakteur geschrieben, sondern der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust...
Storz: Bild verweigert sich häufig der direkten Auseinandersetzung. Man sucht dort nach dem Aspekt aus, was nutzt uns bzw. wo können wir nur verlieren? Wenn Bild tatsächlich Journalismus betreiben würde und nicht nur als Parasit vom Nimbus des Journalismus leben würde, müssten sie sich selbstverständlich auch der öffentlichen Debatte stellen. Und Menschen wie Ernst Elitz und Stefan Aust versprechen sich hier mehr Publizität. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert ja auch die "Ihre Meinung zu Bild ..."-Imagekampagne, bei der sogar Ex-Bundespräsidenten wie Richard von Weizsäcker oder Walter Scheel mitmachen.

BZ: Der Journalistik-Professor Bernd Blöbaum gibt dagegen Entwarnung: Weil die Auflage sinkt und junge Leser weglaufen, ist für ihn Bild zum 60. Geburtstag eher reif für den Vorruhestand.
Storz: Bei der Auflage? Wohl kaum. Zumal sich Bild noch stärker als vor fünf oder zehn Jahren ganz bewusst in gesellschaftspolitische Fragen einmischt. Das Blatt ist ja schon lange kein reines Boulevardmedium mehr, das allein auf Sex, Crime und Promi-Klatsch setzt. Die Bild-Zeitung wird heute von den Eliten sehr viel stärker wahrgenommen, hat so an Reputation gewonnen und gleicht eher einem Jüngling: Frisch, aktiv und aggressiv spielt das Blatt eine Rolle mitten in der Mediengesellschaft.

BZ: Ihre abschließende Meinung zu Bild, Herr Storz?
Storz: Ich freue mich über jede Auflagenmeldung, bei der die Zahlen für Bild wieder ein Stück gesunken sind.

Autor: grib