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11. Januar 2016 07:10 Uhr

Erster Eindruck

Was man beim Start in Sozialen Netzwerken beachten sollte

Party-Schnappschüsse, Bikini-Fotos, anzügliche Mail-Adressen – auf all das sollte besser verzichten, wer in Online-Netzwerken einen guten Eindruck hinterlassen will.

  1. Was ist er wohl für ein Mensch? Um das herauszufinden, wird heute nicht selten ein Profil im Sozialen Netzwerk angeschaut. Foto: Colourbox

Denn wie im realen Leben mit seinen direkten Kontakten gilt auch hier: Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck.

Immer stärker schaut nicht nur der eigene Freundes- und Bekanntenkreis auf Online-Profile. Auch Personalchefs und Recruiter in Unternehmen interessieren sich für das Bild, das Bewerber und Mitarbeiter in der virtuellen Welt abgeben. "Es gibt kaum noch ein Unternehmen, das das nicht tut. Denn es ist eine relativ simple Prüfung, die nicht viel kostet. Ohne großen Aufwand kann ein Unternehmen checken, ob ein Bewerber wirklich passt. Das ist letztlich auch ein Stück Eigenschutz der Unternehmen", sagt Sebastian Neumann. Er ist Initiator und Gründer von #SoMe – Fachverband für Social Media und Social Business. Außerdem ist er Social Intranet Berater bei agentbase AG, einem IT-Dienstleister.

Neumann beobachtet, dass viele junge Leute sich nicht bewusst sind, wie wichtig der Eindruck in Online-Profilen ist. Wer mit den Sozialen Medien aufgewachsen ist, habe oft wenig Hemmung, auch Privates preiszugeben, das nicht unbedingt in die Öffentlichkeit gehört. "Das Schlimmste, was passieren kann", so Neumann, "ist, wenn die Bewerbung in der Personalabteilung auf Interesse stößt, eine Querprüfung in Sozialen Medien aber ergibt, dass das Bild dort stark abweicht". Bei widersprüchlichen Eindrücken werde ein Bewerber dann nicht mehr berücksichtigt. Sprich, die beste Bewerbung nutzt am Ende nichts, wenn man den guten Eindruck auf seinem Online-Profil postwendend zunichtemacht.

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Beim IT-Beratungsunternehmen BTC im niedersächsischen Oldenburg sieht man die Sache pragmatisch. Prinzipiell begrüßt man es, wenn Mitarbeiter und Bewerber in Sozialen Medien aktiv sind. Die Firma ist das selbst auch. Marketing-Chefin Karin Tanger weiß allerdings, dass viele unsicher sind, wie sich präsentieren und mit anderen kommunizieren sollen. "Mein Rat ist immer, postet nur, was ihr im Zweifelsfall auch auf einer öffentlichen Plakatwand am Haus gegenüber sehen wolltet oder was ihr auch auf eine Postkarte schreiben würdet", erklärt Tanger. Sie rät, sich in den Sozialen Medien stets so zu verhalten und zu präsentieren wie im richtigen Leben auch. Und das heißt vor allem: positiv und wertschätzend anderen gegenüber. Peinliche Partyfotos und aggressive Kommentare sind tabu. Und Firmen sehen es meist gern, wenn Mitarbeiter auch zu beruflichen Themen aktiv sind.

Netzwerke wie Facebook, Linked-In oder Xing, Google-plus, Twitter und Instagram haben weltweit bereits rund zwei Milliarden Nutzer. Um sich einen ersten Eindruck von einer Person zu verschaffen, rufen Kollegen, Freunde und zunehmend auch Personalchefs die Profilseiten auf. "Der erste Eindruck vollzieht sich automatisch, schnell und anhand minimaler Informationen. Er ist die Basis für unsere sozialen Entscheidungen, entscheidet darüber, wie wir auf andere reagieren, mit wem wir kurz- oder langfristige Beziehungen eingehen", erklärt Mitja Back, Professor für Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Gemeinsam mit Kollegen hat er sich erste Eindrücke in Sozialen Medien genauer angeschaut.

Interpersonelle Wahrnehmungen bei Nullbekanntschaft, so lautet der Fachterminus für erste Eindrücke. Und denen sind Back und seine Kollegen auf der Spur. Sie untersuchen beispielsweise, wie Personen in Online-Netzwerken wahrgenommen werden und wie Profile gezielt für ein "Impression Management" genutzt werden. Wir gestalten dort als Nutzer nämlich auch den Eindruck, den wir auf andere machen wollen. "Nutzer zeigen, wer sie sind, das kommt dem Bedürfnis entgegen, wahrgenommen zu werden. Zum anderen verlässt man sich auf die Informationen in fremden Profilen, das fördert das Vertrauen in die Online-Netzwerke und deren Nutzung für soziale Interaktionen", erklärt Back.

Gemeinsam mit Psychologen der University of Texas und der Washington University klopfte seine Arbeitsgruppe Facebook- und Studi-VZ-Profile daraufhin ab, wie ehrlich die Nutzer bei der Eigendarstellung sind. Die Psychologen erfassten die tatsächlichen Persönlichkeitseigenschaften ebenso wie die idealisierten Selbstbilder, also Vorstellungen der Profilbesitzer darüber, wie sie gerne wären. Dabei ging es um die "Big Five" der Persönlichkeit: Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus. Fremde Beurteiler schätzten anschließend die Persönlichkeiten der Nutzer auf Basis der Profile ein.

Das Ergebnis überraschte die Psychologen, denn die spontanen Eindrücke stimmten mit den tatsächlichen Eigenschaften der Profilbesitzer auffällig gut überein und wurden nicht durch Versuche der Selbstidealisierung verfälscht: "Sie spiegeln die tatsächliche Persönlichkeit wider. Und fremde Beurteiler konnten das erstaunlich genau einschätzen", berichtet Juliane Stopfer, eine der Leiterinnen der Studie. Auf Online-Profilen wird also nicht überwiegend ein unrealistisches Ideal der eigenen Person präsentiert.

Was ist wichtig, um im Netz einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen? Entscheidend sind die Attraktivität des Profilfotos, Art und Anzahl der Gruppen, denen man angehört, Interessen und Pinnwandeinträge. "Abhängig von der zu beurteilenden Persönlichkeitseigenschaft werden diese Aspekte unterschiedlich stark herangezogen", erklärt Stopfer. Das Profilbild und die Anzahl der Freunde etwa dienen zur Einschätzung der Extraversion, die angegebenen Interessen zur Beurteilung der Offenheit für Erfahrungen. Und auch unsere Freunde färben letztlich auf uns ab: Wer nämlich Freunde hat, die ihre Einträge salopp und formlos verfassen, wird selbst auch als wenig gewissenhaft eingeschätzt.

Allerdings hängt der Eindruck immer auch vom Kontext ab: Privat nämlich fällt er vor allem positiv aus, wenn eine Person authentisch ist. Im beruflichen Kontext dagegen sollte man möglichst gewissenhaft und verträglich "rüberkommen". Hier ist also eine Unterscheidung sinnvoll, wofür man ein Netzwerk vor allem nutzt. So kann man bestimmte Eigenschaften betonen. Das klingt durchaus vertraut aus dem realen Leben, und tatsächlich gibt es offenbar kaum Unterschiede zwischen dem virtuellen und dem reellen ersten Eindruck, wie Max Weisbuch von der Tufts University in einem Experiment zeigte: Menschen, die von reellen Sozialpartnern gemocht werden, kommen auch mit ihren Facebook-Seiten gut an.

Wie gut aber schätzen wir den Eindruck ein, den wir auf andere machen? Dieser Frage ging Back gemeinsam mit Kollegen in einem weiteren Experiment nach: einem Speed-Dating für 400 Singles. Das massenhafte Power-Flirten deckte auf, wer wie gut darin ist, den Eindruck einzuschätzen, den er auf andere macht – für den Erfolg bei der Partnerwahl enorm wichtig. Das Ergebnis hier: Frauen, die hohe Werte bei der Persönlichkeitsdimension "Verträglichkeit" erzielen, also freundlicher und hilfsbereiter sind, und Männer, die "soziosexuell unrestriktiver", also flüchtigen sexuellen Kontakten gegenüber aufgeschlossener sind, punkten hier besonders. Sie können gut einschätzen, wie sie bei anderen ankommen. Frauen dagegen mit einer weniger stark ausgeprägten Verträglichkeit (missmutig, aggressiv) und soziosexuell restriktivere Männer ("kein Sex ohne Liebe") schätzen den Eindruck, den sie auf andere machen, weniger gut ein und vertun sich in ihrer Wirkung auf Fremde deutlich häufiger.

Allerdings kann bei Menschen, die einen besonders guten ersten Eindruck machen, laut einer weiteren Studie der Münsteraner Forscher auch Vorsicht geboten sein. Denn möglicherweise handelt sich um Narzissten. Back fand nämlich heraus, dass es vor allem diesem Persönlichkeitstyp leicht fällt, Eindruck zu schinden. Ob mit Kleidung, Körperhaltung, Gesichtsausdruck oder Wortwahl, diese Typen wickeln andere leicht um den Finger. Ist dann allerdings der erste faszinierende und attraktive Lack ab, schaffen es gerade Narzissten nur selten, Beziehungen auch langfristig positiv zu gestalten. Also: Trau, schau wem – im realen Leben ebenso wie online!



Autor: Eva Tenzer