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30. Oktober 2009

Wenn der Rechner malt

SACHBUCH: "Die Kunst der Mathematik" – Mario Markus visualisiert chaotische Systeme.

Der Computer als Künstler – so stellt man es sich vielleicht vor: Zart setzt der Rechner erste Punkte und Punktwolken auf den Bildschirm. Sie verdichten sich zu Linien, zu Figuren – vogelähnlichen, krebsähnlichen, abstrakten: Pixelorgien, die in allen Farben schillern. Die teils ungestümen, teils filigranen Werke entstehen aber nicht ganz ohne menschliches Zutun. Für ihr berechnendes künstlerisches Geschick benötigen Computer Eingaben, Zahlen und Formeln. Hinter "vielleicht abschreckend wirkenden mathematischen Gleichungen" verstecke sich das Schöne, schreibt Mario Markus, und versucht, es spielerisch zu erschließen.

Der Autor des Buches "Die Kunst der Mathematik", lehrt an der Universität Dortmund. Als Physiker leitet er eine Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie und visualisiert am Rechner biologische, ökologische, physikalische sowie ökonomische Systeme. Sie lassen sich in mathematische Formeln fassen: der Zusammenhang der Populationsdichte von Parasiten mit der ihrer Wirtstiere, der Wechsel von extrem langsamem Verkehrsfluss zu normalem oder auch der Zusammenhang zwischen Investitionen in die Krabbenfischerei und den "Dungeness"-Krabbenbeständen in Nordkalifornien.

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Diese Systeme verhalten sich chaotisch. Dass so etwas überhaupt in der Natur vorkommt, wies Markus als Erster an der Bierhefe nach. Mit der zugehörigen Formel begann der heute 65-Jährige, der in Chile geboren wurde und aufwuchs, vor mehr als 20 Jahren, Chaos in Kunst umzusetzen: Computer wandeln die Berechenbarkeit oder den Grad der Unberechenbarkeit eines Systems für definierte Situationen in Grauwerte oder Farben um. Ein Tanz wilder Linien, plastischer Körper, die an Organe erinnern. Manche Grafiken erdrücken durch ihre Wucht, durch Unruhe. Ein Gewusel wie im Termitenbau. Andere Transformationen ergeben fast regelmäßige, feingliedrige Gebilde. Auch sie wirken lebendig, besitzen aber Leichtigkeit und die Eleganz von Quallen, die im Ozean schweben.

In den 80ern waren Markus’ Abbildungen des Chaos neuartig. Sie faszinierten die Fach- und Kunstwelt, gewannen Preise und wurden weltweit ausgestellt. Hans Magnus Enzensberger und Günter Kunert verfassten lyrische Texte zu den Bildern. Auch Physiker Markus verbindet Wissenschaft und Kunst. Er schreibt selbst Lyrik und Prosa.

In die "Kunst der Mathematik" gibt er seine "kleinen Geheimnisse" der Bildgenerierung preis: Er hat sogar eine CD mit Computerprogrammen beigelegt samt spröder Anleitung. Geduld hilft, einen Eindruck zu bekommen. Und Frechheit nützt, die wüste Mathematik zu ignorieren: Auch wer unbefangen, spaßig an die Sache geht, mehr spielt als nachdenkt, macht den eigenen Rechner zum Künstler. Übrigens klatscht Maestro Maschine seine Werke ex silicio recht flott in kleine Bildfenster. Von wegen zarte Punktnebel! Die Schöpfung mathematischer Schönheit vollzieht sich reichlich prosaisch.
– Mario Markus: Die Kunst der Mathematik – Wie aus Formeln Bilder werden. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt 2009. 223 Seiten, zahlreiche schwarz-weiße und farbige Abbildungen und CD-ROM, 24,90 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger