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03. Oktober 2015 00:01 Uhr

Karlsruhe

ZKM zeigt Ausstellung zur weltweiten Überwachung

Überwachung ist allgegenwärtig. Wie sich Künstler gemeinsam mit Wissenschaftlern und Journalisten den Risiken digitaler Kommunikation nähern, zeigt eine Ausstellung in Karlsruhe.

  1. Die Ausstellung im ZKM Karlsruhe ist vom 03. Oktober bis 01. Mai 2016 zu sehen. Foto: Uli Deck

Eine sprechende WLAN-Barbie könnte zum Verkaufsschlager im diesjährigen US-Weihnachtsgeschäft werden. Was viele nicht wissen: Die Puppe überträgt die Gespräche der Kinder an den Hersteller. Ein Gedanke, der viele Eltern empört. Doch dabei blendeten sie aus, dass auch Smartphones und Computer weltweit miteinander verbunden sind und sekundenschnell Daten rund um den Globus senden, sagt der Kunsthistoriker Bernhard Serexhe. Er hat die Ausstellung "Global Control and Censorship. Weltweite Überwachung und Zensur" kuratiert, die von Samstag bis Mai 2016 im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) zu sehen ist.

"Vom Olymp bis ins Alte Testament, von den Pharaonen bis zur Inquisition, in allen Religionen und Staatssystemen von der Antike bis in unsere Zeit war Überwachung immer auf die Allmacht Gottes beziehungsweise der Götter gegründet", erläutert Serexhe.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts seien etwa Schriften und Briefe von in Verdacht geratenen Wissenschaftlern systematisch durch die "Heilige Inquisition" der katholischen Kirche abgefangen, ausgewertet und gegen ihre Absender verwendet worden. Heute würden Daten aus digitalen Kommunikationsmitteln massenhaft durch private Dienstleister und staatliche Dienste abgegriffen und kontrolliert, kritisiert Serexhe, der die Ausstellung mit Lívia Nolasco-Rózsás geplant hat.

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Ziel der Ausstellung sei es, das unaufhaltsame Eindringen von Überwachung und Zensur in unserem Lebensalltag zu thematisieren. Gezeigt werden mehr als 100 Arbeiten von 70 Künstlern und Journalisten aus 26 Ländern.

Neben interaktiven Exponaten befassen sich Videoarbeiten, Malereien, Zeichnungen, Fotografien, Installationen und skulpturale Objekte mit dem Thema. Auch Wissenschaftler von der Universität Heidelberg und Verschlüsselungsexperten des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben sich beteiligt. Weitere Kooperationspartner sind etwa Reporter ohne Grenzen, der Chaos Computer Club sowie der Blog Netzpolitik.org.

Wie leicht fremde Daten zugänglich sind, demonstriert der Schweizer Künstler Marc Lee. Er zeigt Fotos und Videos, die Menschen weltweit auf der audiovisuellen Plattform Instagram aktuell verbreiten, und verknüpft sie mit dem aktuellen Aufenthaltsort des Senders. Möglich macht das die Geotagging-Funktion bei Instagram, die den Standort gleich mitspeichert. Ob auf den Philippinen, in Mexiko oder Italien: Nicht nur die ZKM-Besucher erfahren so sekundenschnell auf wenige Meter genau, woher die Aufnahme stammt. Auch Unternehmen und Geheimdienste können so auf einfachste Weise ein Bewegungsprofil erstellen.

Sogar auf einen Besuch des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden hofft die Ausstellung - auch wenn dies nicht sehr realistisch ist. Auf Initiative der französischen Künstlerin Alice Cavoukdjian dite Galli wurde dem im russischen Exil lebenden Whistleblower ein eigener Arbeits- und Aufenthaltsraum zur Verfügung gestellt. Bis zu einer möglichen Ankunft Snowdens können Besucher Briefe schreiben und in einem Briefkasten hinterlassen. Die Post werde Snowden ungeöffnet wöchentlich nach Russland zugeschickt, versichert der Kurator.

Mit Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen, in Supermärkten, Straßenbahnen und Tankstellen befasst sich die Installation "Sehen und Gesehen werden". Auf mehreren Monitoren werden aktuelle Bilder von Karlsruher Kameras gezeigt, die nicht verschlüsselt senden und über das Internet zugänglich seien, sagt Serexhe.

Kirchen sind einer der Orte, die in Deutschland noch frei sind von digitalen Überwachungsmethoden. Dennoch gebe es in der katholischen Kirche eine andere Form der Kontrolle, kritisiert die spanische Künstlerin Alicia Framis. Sie hat einen völlig durchsichtigen Beichtstuhl aus Plexiglas gestaltet, den sie Confessarium nennt. Denn im Beichtstuhl würden letztlich auch intimste Gedanken preisgegeben.

Autor: Christine Süß-Demuth (epd)