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05. Juli 2010 00:15 Uhr

Beispiel Wiesental

Das gesendete Unheil: Wie Bürgerinitiativen gegen den Mobilfunk kämpfen

Für eine handyfreie Welt: Bürgerinitiativen kämpfen mit wissenschaftlich oft zweifelhaften Argumenten gegen den Mobilfunk. Ein Beispiel dafür gibt eine Debatte im Wiesental ab.

  1. Funkmasten und die von ihnen ausgehenden Funkstrahlen halten manche für eine Gesundheitsgefahr – doch die Wissenschaft widerspricht. Foto: Hans-Peter Ziesmer

"Wer von Ihnen empfindet sich als elektrosensibel?", ruft eine Frau in den überfüllten Saal der Schopfheimer Stadthalle. Dutzende Menschen strecken die Arme hoch. Sie alle glauben, dass sie unter elektromagnetischen Wellen, die von Funkmasten und Handys ausgesandt werden, körperlich leiden. Unter ihnen fällt ein junger Mann auf, der mit seinem silbrigen Schutzanzug an Mitarbeiter eines Reinraumlabors erinnert. Rufe werden laut, alle Handys auszuschalten. "Ich spüre, dass da noch welche an sind", empört sich eine ältere Dame mit schriller Stimme.

Die Informationsveranstaltung der Stadt Schopfheim und der Polizei hat in diesem Moment ihren emotionalen Höhepunkt erreicht. Es geht um das neue digitale Funknetz der Polizei. Dafür sollen zusätzliche Masten hoch über der Stadt, aber auch direkt auf dem Dach des zentral gelegenen Polizeireviers errichtet werden. Das ganze Projekt ist europaweit abgestimmt und andernorts schon weitgehend umgesetzt. Doch im beschaulichen Wiesental stoßen die Behördenvertreter bereits seit Monaten auf Widerstand gegen das neue sogenannte Tetra-Netz.

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Kampf für eine handyfreie Welt

Die regionale Szene der Mobilfunkgegner ist in der "Initiative gegen Mobilfunk im Großen und Kleinen Wiesental" organisiert. Deren Vorsitzende, die selbsternannte Elektrobiologin und bekennende Esoterikerin Heidemarie Walter, und ihre Mitstreiter kämpfen schon länger mit einigem Erfolg für eine handyfreie Welt – und nun eben gegen die Tetra-Technik. Gegen die Strahlung verlangen sie "Sicherheitszonen von mindestens 400 Metern zu Kindergärten und unserem dicht besiedelten Wohngebiet". Die von ihnen behaupteten schädlichen Wirkungen des Mobilfunks reicht von "A wie Alzheimer bis Z wie Zellstörung".

Es ist eine schillernde Szene, die seit den 1990er Jahren in der ganzen Republik gegen Funkmasten protestiert. Für sie gilt als unumstößliche Wahrheit, dass elektromagnetische Strahlung den Menschen krank macht. Handys, Wlan und alles, was dazu gehört, seien daher zu verbieten. Ein Vorkämpfer ist Ulrich Weiner, jener junge Mann, der in Schopfheim im Strahlenschutzanzug aufgetreten ist. Der frühere Mitarbeiter eines Telekommunikationsunternehmens flüchtet vor den allgegenwärtigen Strahlen: im Campingwagen reist er von Funkloch zu Funkloch.



"Weil sie oft so viel wirres Zeug gelesen haben, sind diese Menschen kaum zugänglich für unsere Argumente."

Julia Hurraß
Als angeblicher Experte tritt der Münchner Alternativmediziner Hans Christoph Scheiner auf, ein eloquenter Rundreisender in Sachen Mobilfunk-Angst. Ob Kopfschmerzen, Krebs, Depression oder Potenzstörung: Es gibt kaum eine Krankheit, die er Funkstrahlen nicht schon zugeordnet hätte. Doch seit geraumer Zeit erfährt er auch in der mobilfunkkritischen Szene Gegenwind. "Der Mann ist völlig vernagelt", sagt etwa Franz Titscher über Scheiner, mit dem er in Allach bei München als Vorsitzender einer Bürgerinitiative einst gegen einen Mobilfunkmast gekämpft hat.

Scheiner selbst sieht sich von der Mobilfunkindustrie verfolgt. Und er bestreitet, jemals einen direkten Zusammenhang zwischen Mobilfunk und Erkrankungen wie Krebs und Alzheimer hergestellt zu haben. "Das wäre völlig falsch." Doch am Ende des Gesprächs mit der BZ sagt er, dass Gehirntumore vermehrt auf der rechten Seite des Gehirns aufträten – "dort also, wo in der Regel mobil telefoniert wird".

Eine andere Hauptfigur der Szene ist Siegfried Zwerenz, Vorsitzender des Antimobilfunkvereins "Bürgerwelle" und ebenfalls bei der Schopfheimer Diskussion vertreten. Sein "Dachverband der Bürger und Initiativen zum Schutz vor Elektrosmog" organisiert Klagen von Bürgern gegen Mobilfunkbetreiber und verbreitet im Internet Propaganda.

Kontrast zum Stand der Forschung

Die Behauptungen von Scheiner, Zwerenz und Co. stehen in klarem Kontrast zum Stand der Forschung. "Die Wissenschaft ist sich einig, dass bei den vorliegenden Feldstärken von keiner gesundheitlichen Belastung durch Handys und Mobilfunkmasten auszugehen ist", sagt Julia Hurraß, Mitarbeiterin am Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg. Nachgewiesen sei bei den für den Mobilfunk verwendeten Frequenzen lediglich eine Wärmewirkung – und diese auch nur bei hohen Feldstärken.

Für Hurraß grenzen die Aussagen der Mobilfunkgegner an gezielte Panikmache. In ihrem Institut meldeten sich immer wieder tief besorgte Menschen, "die sich von elektromagnetischen Feldern ganz krank fühlen", berichtet Hurraß. Deren Beratung stoße aber an ihre Grenzen: "Weil sie oft so viel wirres Zeug gelesen haben, sind diese Menschen kaum zugänglich für unsere Argumente." Schon das Wort "Elektrosmog" sei für elektromagnetische Felder unzutreffend. Es impliziere wider besseren Wissens, "dass es sich bei Funkstrahlen um etwas Gefährliches handelt".

Forschungsbedarf bei Langzeiteffekten

Julia Hurraß kennt fast alle Studien, auf die sich die Mobilfunkgegner berufen. Keine einzige habe der wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten, sagt sie. Versuche mit angeblich elektrosensiblen Menschen hätten keine Hinweise gebracht, dass sie die Funkstrahlen spüren oder im Blindtest unterscheiden können. Forschungsbedarf gebe es allenfalls bei Langzeiteffekten. Mit deutlichen Folgen für die Gesundheit sei allerdings nur bei Feldstärken zu rechnen, die "weit oberhalb der uns im Alltag umgebenden Werte liegen".

Die Weltanschauung der Mobilfunkgegner ist von diversen Verschwörungsfantasien geprägt. In Aufsätzen und Internetforen wird das Bild eines Komplotts von Mobilfunkindustrie, Medien und Politik gegen die eigene Bevölkerung gezeichnet. So zirkuliert im Internet der Brief eines angeblichen Holocaust-Überlebenden aus Israel (der sich auf Informationen der "Bürgerwelle" beruft) an den Papst. Darin ist von einem von der Mobilfunkindustrie und der Weltgesundheitsorganisation gemeinsam geplanten "elektromagnetischen Holocaust" die Rede. Dazu passt der Slogan, der bei einer Anti-Mobilfunk-Demo im November 2009 in Stuttgart skandiert wurde: "Alle Masten müssen fort, wir wollen keinen Völkermord." Umweltwissenschaftlerin Julia Hurraß ist über solche Formulierungen empört: "Ich finde es fatal, solche Begrifflichkeiten und rechtsextremen Äußerungen hier zu verwenden."

Zentraler Treffpunkt der Hauptfiguren unter den Mobilfunkgegnern sind die jährlichen "Anti-Zensur-Konferenzen” des Schweizer Sektengründers Ivo Sasek. Saseks "Antizensurbewegung" richtet sich gegen die Medien, die im Dienste der Mächtigen die Bürger angeblich desinformieren und manipulieren. Deshalb brauche es eine Gegenbewegung von Bürgern, die die Wahrheit spürten und sich dann zur Wehr setzten. Vor zwei Jahren war auch Mobilfunkkritiker Hans Christoph Scheiner zu Gast bei Sasek.

Schopfheim: Ortschaftsräte lehnen Bau neuer Funkmasten ab

Dass die "Antizensurzeitung", das Hauptorgan der Sasek-Sekte, in der Schopfheimer Stadthalle auslag, kann sich Initiativen-Chefin Heidemarie Walter nicht erklären: "Damit haben wir nichts zu tun." Eine Verbindung der Wiesentäler Mobilfunkgegner zur Antizensurbewegung gebe es nicht. Allerdings zeigt sich die Schopfheimer Mobilfunkgegnerin selbst Verschwörungstheorien gegenüber offen: In von ihr regelmäßig veranstalteten "spirituellen Stammtischen" will sie klären, "wer wirklich die Macht hat in der Welt". Auf ihrer Website wirbt Walter für die "Germanische Neue Medizin”, einer abstrusen Heilungsmethode, dessen Erfinder sich vor Gericht wegen der Beihilfe zur Körperverletzung verantworten musste.

Doch trotz allem: Die Botschaft der Mobilfunkgegner kommt im Wiesental an: Unter Hinweis auf die ungeklärten Gesundheitsfolgen haben einige Schopfheimer Ortschaftsräte den Bau neuer Funkmasten inzwischen abgelehnt. Und auch die Stadt Schopfheim will dem Land und der Polizei keine Grundstücke für Tetra-Masten zur Verfügung stellen.

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Autor: Robert Bergmann