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30. Juni 2012

Das gigantische Puzzlespiel

Restauratorin Sarah Mitsching aus Landeck braucht viel Geduld und Fingerspitzengefühl für ihre Arbeit / Funde aus Waldkirch.

  1. Foto: Sylvia-Karina Jahn

TENINGEN-LANDECK. Gepuzzelt hat Sarah Mitsching schon als Kind gern. Vergnügt erinnert sie sich an das Weihnachtspuzzle mit 6000 Teilen, das nachts noch unbedingt fertig werden sollte. Jetzt ist ihre Arbeit oft ein Puzzlespiel, freilich eines, das meist kein fertiges Bild liefert, dafür aber Einblick in längst vergangene Zeiten gibt: Sarah Mitsching ist Restauratorin. Gerade arbeitet sie an Gläsern aus der Zeit um 1600, die bei Ausgrabungen in Waldkirch gefunden wurden. Oder besser gesagt, deren Scherben.

Geboren und aufgewachsen in Speyer, wollte sie nach dem Abitur einen Handwerksberuf ausprobieren und versuchte es in Frankreich mit einem Steinmetzzertifikat, noch etwas unsicher, ob sie dem anstrengenden Beruf gewachsen sei. Sie war es und so begann sie eine Lehre an der Mainzer Dombauhütte. Dabei arbeitete sie mit Konservatoren zusammen und wechselte für ein Gesellenjahr an das römisch-germanische Zentralmuseum in Mainz. Die Arbeit für das archäologische Museum war abwechslungsreich, sie lernte die Konservierung von Keramik, Gläsern und Metallen. Ihre erste Anstellung bekam sie beim Regierungspräsidium Freiburg, das über ein eigenes Grabungsteam verfügt. Sie hatte dort eine Restaurierungswerkstatt. 2011 hat sie sich selbständig gemacht – in Landeck, wo sie mit ihrem Ehemann seit knapp drei Jahren wohnt.

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"Die Scherben stammen aus einer riesengroßen Müllkippe"

Sarah Mitsching
Das Haus passt zu ihr: Sie lebt in der alten Zehntscheuer des Ortes, die aus dem 16. Jahrhundert stammt. Die Werkstatt ist in der Scheune untergebracht, die mindestens 300 Jahre jünger ist. Eine schmale, steile Stiege führt unters Dach. In dem kleinen Raum stehen alte Möbel, die von ihrem Großvater stammen, und ein Mikroskop; ein weiteres lässt den lupenscharfen Blick in einen großen Kasten zu. Darin verbirgt sich ein Strahlgerät, mit dem metallische Fundgegenstände, zum Beispiel alte Waffen, von Rost befreit werden. Das muss gründlich geschehen, zu viel darf aber auch nicht weg – deswegen die Kontrolle mit dem Mikroskop.

Auf einer alten Recamiére stehen mehrere Plastikboxen voller Scherben. Gut 20 Kilo davon hat Sarah Mitsching im April in Freiburg abgeholt. Damals waren sie noch bodenfeucht und schmutzig, denn sie stammten aus einer sogenannten Latrinengrabung, "aus einer riesengroßen Müllkippe", erzählt sie lachend. Deswegen beginnt die Restauration mit einem großen Abwasch, aber beiliebe nicht in der Spülmaschine. Etwa drei Tage hat Sara Mitsching mit Schüssel und Pinselchen gewerkelt. Dann müssen die Scherben trocknen und das gigantische Puzzlespiel beginnt. Das Sichten dauert mindestens dreimal so lange dauert wie das Waschen: Sie sortiert die Teile nach Farbe und Oberflächenstruktur, achtet auf Formen, macht verschiedene Scherbenhäufchen. Da wird selbst der große Arbeitstisch rasch zu klein.

Um so kleiner sind die Klebestreifchen, die sie per Hand von einer Tesarolle schneidet, kaum einen Viertelzentimeter breit und vielleicht zwei Zentimeter lang. Damit fügt sie zusammen, was einmal zusammengehört hat. Das Ganze fixiert sie mit selbst geformten Messinghäkchen, die sie in Sekundenkleber taucht. Endgültig zusammengefügt werden die Scherben mit einem Epoxidharzkleber, den sie in die Fugen laufen lässt. Einen Tag später werden die Messinghäkchen entfernt und der Kleber bekommt einen weiteren Tag zum Aushärten. Die Sekundenkleberreste löst sie mit Azeton; läuft Epoxidharz über, hilft nur das Skalpell.

Vier, fünf Stunden dauert so ein Puzzle, wobei sie immer mehrere Stücke in Arbeit hat. Mergelbecher – das sind schlichte Trinkgefäße – gehen schneller; die charakteristischen Nuppenbecher – sie wurden damals mit nachträglich aufgebrachten Glastupfen verziert – machen mehr Arbeit. Oft fehlt einfach zu viel; schließlich waren die Gefäße schon beschädigt, als sie vor etwa 500 Jahren weggeworfen wurden. Und auch Glas, erklärt sie, korrodiere; insbesondere Gläser, die seinerzeit mangels des richtigen Materials aus dem gefertigt wurden, was man hatte. Wenn sich das Material auflöst, sieht das aus wie Perlmutt. "Das ist nicht zu verhindern", sagt sie und trägt eine Festigung auf, die den Prozess bremst. Noch wichtiger sei aber die richtige Lagerung ohne plötzliche Temperaturwechsel.

So viel filigrane Puzzlearbeit wird auch mal zu viel. Sarah Mitsching wechselt dann die Sparte, arbeitet Holz auf oder Leder (dafür hat sie eine spezielle Rezeptur in der Apotheke mischen lassen) . Ohne Geduld geht auch das nicht: "Je mehr Zeit man dem Holz gibt, desto besser", erklärt sie – drei Monate Trockenzeit seien gut. Metalle wollen wieder eine andere Behandlung und Bronze ist ein Sonderfall, denn die dabei einsetzende Chloridkorrision lässt sich oft nur bremsen. Freilich sind Restaurationen immer ein Abwägungsprozess: Wie viel Glanz soll sein?

Puzzlespiele zur Zerstreuung braucht sie wirklich nicht mehr. Zur Abwechslung geht sie mit Hund Nico in die schöne Umgebung oder kocht, probiert neue und bewährte Rezepte aus ("Meine Spätzle sind gut"). Und wenn dabei Geschirr zu Bruch geht? Nein, das fügt sie lieber nicht mit Chemie zusammen. Es landet im Müll. Vielleicht für spätere Archäologen?

Info: Vom 7. Juli an öffnet Sarah Mitsching ihre Werkstatt am Schlossberg 2 in Landeck jeden Samstag von 11 bis 18 Uhr für Besucher.

Internet: sarah-mitsching.de

Autor: ja