Literatur

Ein Nachschlagewerk und Lesebuch: Das neue "Lexikon der Gesangsstimme"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 01. Februar 2017

Literatur & Vorträge

Das 800 Seiten starke Werk sucht einen ganzheitlichen Anspruch zu erfüllen und beschäftigt sich mit dem ältesten Instrument der Menschheit: der Stimme.

Orpheus soll der Erste gewesen sein: Der mit seiner Stimme, seinem wundervollen Gesang sogar die Götter in Rührung versetzen konnte. Doch die Figur aus der antiken Mythologie hat nur im Farbbildteil Eingang gefunden in das neue "Lexikon der Gesangsstimme". Denn dort geht es a priori um Fakten – "Geschichte, wissenschaftliche Grundlagen, Gesangstechniken, Interpreten", wie der Untertitel des umfassenden, über 800 Seiten starken neuen Werks postuliert. Immerhin unterstreicht der Mythos eines: Die Stimme ist das älteste Instrument der Menschheit – das, das uns am nächsten und in unseren modernen Kulturen gleichwohl doch oft so fern geworden ist.

Mit dem Nachschlagewerk schließt der Laaber-Verlag eine Lücke innerhalb seiner bedeutenden Instrumenten gewidmeten Reihe. Die Struktur ist vergleichbar, wobei gerade den anatomischen Grundlagen viele Artikel gewidmet sind, denn im Unterschied zu allen anderen Instrumenten ist die Stimme ausschließlich Bestandteil unseres Körpers und kann nicht, wie etwa ein Streichinstrument, vom Instrumentenbauer repariert werden. Weshalb einer der vier Herausgeber auch Mediziner ist: der Freiburger Professor für Musikermedizin Bernhard Richter, der neben seiner Ausbildung als Spezialist für HNO und Phoniatrie auch ein Gesangstudium absolviert hat.

Auf den ersten Blick möchte man meinen, dass gerade jene Artikel, die sich mit den anatomischen, physiologischen Grundbedingungen und daraus resultierenden Konsequenzen für Stimme und Gesang beschäftigen, sich dem Laien am ehesten verschließen. Aber das täuscht. Denn erstens ist – großes Kompliment an die Autorinnen und Autoren – durchweg eine sehr anschauliche, nachvollziehbare Form der Darstellung gelungen, zweitens erleichtern gerade in diesem Bereich übersichtliche graphische Darstellungen das Verständnis. So wird zum Beispiel aus einem Artikel zum abstrakt anmutenden Stichwort "Querschnittfunktion" dank der Illustration dazu eine sehr nachvollziehbare, plastische Beschreibung des gesamten Vokaltrakts. Gleichwohl ist es das Zusammenspiel der Artikel aus den unterschiedlichen Bereichen zum Thema, die das neue Lexikon auch als Lesebuch so reizvoll machen.

"Kann etwas faszinierender sein als die menschliche Stimme?", fragt der renommierte Bariton Thomas Hampson in seinem Geleitwort. Unterstellen wir, dass die Antwort nein lautet, und fragen uns, weshalb das so ist. Es muss an der Disparatheit liegen, die sich aus dem gesamten Komplex schöpfen lässt. Und die, nun folgt das Kompliment an die Herausgeber, fängt die Auswahl der Stichworte trefflich ein. Der in Freiburg lebende Karlsruher Musikwissenschaftler und Experte für Geschichte und Ästhetik des Kunstgesangs Thomas Seedorf hat in einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk die Stichwortauswahl erläutert als intensiven Prozess, der sich über einen Zeitraum von achteinhalb Jahren hinzog. Und einen enormen Zugewinn an Lernen über die Stimme mit sich gebracht habe.

Keineswegs nur auf

Klassikstimmen beschränkt

Wer sich durch das Artikelverzeichnis von A wie "Abbellimenti --> Verzierungen" bis Z wie "Zwischenrippenmuskeln" liest, wird erahnen, welche intensiven und langwierigen Denk- und Diskussionsprozesse nötig waren, um zu entscheiden, was in welcher Gewichtung und Größe einen Platz in diesem Nachschlagewerk finden soll.

Am schwierigsten war das vielleicht im Feld der Interpreten. Hier ließen sich am leichtesten Debatten darüber entfachen, warum zum Beispiel einer Sopranistin wie Anneliese Rothenberger, die ihre Karriere im Soubrettenfach begann und als lyrische Sopranistin gerne zwischen den Gattungen Oper, Operette und Unterhaltungsmusik switchte, ein recht umfangreiches Kapitel gewidmet ist. Wohingegen andere große deutschsprachige Sopranistinnen der Nachkriegszeit wie etwa eine Hilde Güden oder eine Gundula Janowitz nicht vorkommen.

Apropos – auch auf viele Opernstars der Gegenwart wurde verzichtet: Netrebko, Villazón, Garanca – Fehlanzeige. Bei näherem Besehen zeigt sich, dass die Auswahlkriterien vielschichtiger und differenziert waren. Denn dieses Lexikon ist kein Sängerlexikon. Sondern eines, das exemplarische Stimmen thematisiert. Und da ist der Fall Rothenberger aufgrund seiner Vielseitigkeit sowie einer bis dato so vielleicht nicht gekannten medialen Präsenz durchaus einen Artikel wert. Im Übrigen: Die legendären Vertreter der Gattung Oper – Lind, Schröder-Devrient, Malibran, Viardot-Garcia, Caruso, Callas, Tauber, Domingo et cetera – sie scheinen alle auf; mit anschaulichen Beschreibungen ihrer Stimmcharakteristiken.

Und dann sucht das "Lexikon der Gesangsstimme" einen ganzheitlichen Anspruch zu erfüllen: nämlich sich nicht auf die Klassik zu beschränken. Ob Marlene Dietrich, Frank Sinatra, Udo Lindenberg ("sprechgesanglich nuschelnder Vokalstil"), John Lennon, Bob Dylan ("rhythmisch unabhängig vom Metrum"), Mahalia Jackson, Michael Jackson ("androgyn anmutendes Timbre"), ja sogar Hans Albers und Peter Alexander ("ungewöhnlich gute Intonation") – hier versammelt sich eine illustre Schar von Stimmakrobaten, Sängern und "Un-Sängern" unterschiedlichster Couleur aus unterschiedlichsten Sparten. Stets mit dem Anspruch, das Phänomen zu beschreiben, das die jeweilige Figur ausmacht.

Alles in allem: profunder Stoff über ein Instrument, das wir alle in uns tragen, aber in den wenigsten Fällen wirklich richtig bedienen können. Und wie für jedes Lexikon gilt – Wissen ist stets unvollendet. Und in so manchen Fällen auch zeitgebunden. Wie es eben Thomas Hampson auch in seinem Geleitwort formuliert: "Jeder Eintrag lässt sich verstehen wie die Spitze eines Eisbergs, der darauf wartet, neugierig und tatkräftig erobert zu werden."

Ann-Christine Mecke, Martin Pfleiderer, Bernhard Richter, Thomas Seedorf (Hg.): Lexikon der Gesangsstimme. Laaber Verlag, Laaber 2016. 800 Seiten, 174 Abbildungen und 24 Notenbeispiele, 98 Euro (Subskriptionspreis bis 31. März), danach ca. 118 Euro.