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30. Juni 2012

Das ungewöhnliche Lagerhaus

Im neuen Zentralen Kunstdepot im Stadtteil Hochdorf werden seit Mai Tausende von Objekten aus der städtischen Sammlung eingelagert .

  1. Für Kuh Bärbel gibt’s auch ein Plätzchen im neuen Zentraldepot. Foto: ingo schneider

  2. Depotverwalter Edgar Dürrenberger hängt Bilder in eine der Zugwände (links); Figuren aus der ethnologischen Sammlung lagern in fahrbaren Gitterboxen (unten). Foto: Ingo Schneider

  3. Foto: Ingo Schneider

  4. Foto: Ingo Schneider

Anja Alt und Edgar Dürrenberger schieben beide jeweils eine große Kiste auf Rädern vor sich her. Es rattert und klappert in die Stille des langen Flurs hinein. Der Inhalt der Kisten mit den Nummern 6 und 7 ist kostbar, darin sind Werke aus der Sammlung der städtischen Museen, Abteilung Neue Kunst. Sie werden – wie Tausende anderer Exponate aus städtischem Besitz, die gerade nicht in Ausstellungen gezeigt werden – in den kommenden Monaten im neuen Zentralen Kunstdepot im Gewerbegebiet Hochdorf eingelagert.

Ehe die gelieferten Objekte ausgepackt werden, kommen sie in einen Raum, der als Zwischenlager fungiert. "Die Kisten bleiben erstmal stehen", sagt Restauratorin Alt. "Im Moment fahren wir nur von A nach B." Denn derzeit haben Alt und der Ethnologe Dürrenberger zu viel zu tun, um gleich alles auszuräumen – allein an diesem Tag kommen vier Lastwagen mit Kunstobjekten im neuen Depot an, und jeder Lkw ist mit zehn bis 15 Paletten beladen.

Der Grund für die Eile: Einige der provisorischen Depots müssen dringend geräumt werden. Zuletzt waren die Objekte auf neun Standorte verteilt – auf acht in Freiburg und einen in Frankfurt. So mussten etwa 2000 Gemälde wegen eines Schadens am Dach des Augustinermuseums 2009 in eine Spedition in der Mainmetropole ausgelagert werden und sollen nun aus Kostengründen möglichst schnell zurück in den Breisgau kommen. Zudem müssen einige der alten Depots bald geräumt sein: die Kartaus – ein ehemaliges Kloster im Stadtteil Waldsee – schon bis Ende September, weil dort das neue United World College eingerichtet wird, und die Spedition "Art Sped Schütz" an der Endinger Straße bis Ende des Jahres. Aus der Kartaus kommen insgesamt 80 Lkw-Transporte ins neue Depot. Wann es komplett bezogen sein wird? Edgar Dürrenberger überlegt und zuckt dann mit den Schultern. Ein Jahr werde das mindestens noch dauern, genau könne er das nicht sagen, meint der 51-jährige Depotverwalter.

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Pro Woche laden acht Lastwagen Objekte im Depot aus. "Man läuft zehn bis 15 Kilometer am Tag, wenn man das alles alleine einräumt", schätzt Dürrenberger, während er den fast 100 Meter langen Gang des neuen Depotgebäudes abläuft. Dieses hat die Freiburger Stadtbau nach Entwürfen des Freiburger Architekturbüros Pfeifer und Kuhn gebaut; dem voraus gingen sechs Jahre Planungsarbeit. Anfang Mai wurde das zweigeschossige Gebäude, das bundesweit erste Kunstdepot in Passivhausbauweise, eingeweiht. Hier sollen künftig 200 000 Kunstwerke und Objekte aus städtischem Besitz eingelagert werden – außerdem Werke aus dem Besitz der kommunalen Stiftungen und der Erzdiözese, die beide im Zentraldepot Flächen angemietet haben (siehe Infobox). Der geschätzte Gesamtwert aller städtischen Objekte beträgt rund 250 Millionen Euro.

Anja Alt zieht in einem der Depoträume eine der großen Gitterzugwände auf. Jedes Bild, das hier eingehängt wird, ist auf der Rückseite mit zwei Ringschrauben versehen. Durch diese werden Haken gesteckt, die an der 5,60 Meter hohen Gitterwand festgeklemmt werden. Wichtigere Werke, die man häufiger mal erreichen muss, kommen nach vorne, erklärt Anja Alt vor Friedrich Eibners Gemälde "Das Freiburger Münster 1854", das vorne in einer Zugwand hängt. Für die oberen Wandbereiche wird eine Archivbrücke mit Scherenfuß benötigt.

An manchen Tagen bekommen Alt und Dürrenberger Hilfe von Kollegen – dann werden kleine Teams gebildet: Einer packt das Objekt aus einer der nummerierten Kisten aus und legt es auf einen Tisch oder stellt es auf eine Staffelei, ein anderer befestigt die Ringschrauben am Werk, ein Dritter bringt den Barcode mit einer Schnur an (ihn aufzukleben wäre riskant für das Objekt), ein Kurator schaut, wohin das Werk kommt – sortiert wird nach Künstlern –, und ein Fünfter bringt das Bild in der Zugwand an. Textilien werden gerollt und ins Regal gelegt, auch Masken, Keramiken, Waffen und andere Exponate werden offen in den Regalfächern gelagert. Kompliziert wird die Einlagerung großer und fragiler Objekte wie Waffen oder der bis zu acht Meter langen Holzboote aus Afrika, Südamerika und Ozeanien. Warum alles offen gelagert wird? "Das ist hier weitestgehend staubfrei", sagt Edgar Dürrenberger.

Viele Holz- und Polstermöbel sind noch luftdicht in Folien verschweißt, da sie mehrere Wochen lang gegen Schädlingsbefall mit Stickstoff behandelt worden sind, ehe sie ins Depot gebracht wurden. Die Folien werden aber bald entfernt, da sich unter ihnen Feuchtigkeit bilden und ein Mikroklima entstehen kann. Im provisorischen Depot in der Kartaus sind derzeit Stickstoffzelte aufgebaut, um dem Schädlingsbefall Einhalt zu gebieten. Neben Möbeln und Textilien müssen Tierexponate aus der naturkundlichen Sammlung – darunter die stattliche Kuh Bärbel – vor Mottenbefall geschützt werden. Im Depot selbst wird es künftig auch eine Art Quarantäneraum geben für neue Objekte sowie eine Vorrichtung, um diese vor Ort mit Stickstoff zu behandeln.

Vor der Zugwand mit den Bildern erklärt Anja Alt das System: Jedes Objekt hat eine Inventarnummer, und jede Inventarnummer hat einen Barcode. Dieser wird sowohl am Kunstwerk als auch an jeder Zugwand und an jedem Regal angebracht. So ist jedes Objekt bei Bedarf schnell zu finden.

In der Anlieferzone des Depots laden zwei Mitarbeiter der Spedition "Art Sped Schütz" ihren Lastwagen aus – schwere alte Steinexponate und Skulpturen aus dem Steinlager der städtischen Museen. Kleinere Objekte kommen auf mehrstöckige Gitterwagen. Die Steinskulpturen werden auf Palettenregalen "eingeschichtet", erklärt Restauratorin Anja Alt. "Jedes einzelne Objekt wurde zuvor gereinigt." Die Laster befahren das Depot durch das 4,05 Meter hohe Stahltor an der Nordwestseite des Gebäudes. Dieses wird danach immer sofort geschlossen, damit weder sommerliche Wärme noch winterliche Kälte das einheitliche Klima im Depot verändern. Dort beträgt die Temperatur immer zwischen 18 und 22 Grad und variiert nur in den unterschiedlichen Jahreszeiten leicht – im Sommer ist es innerhalb dieses Bereiches etwas wärmer, im Winter etwas kühler. An diesem warmem Junitag ist es draußen wärmer, drinnen hat es 19,5 Grad. Exponate, die besonders trocken gelagert werden müssen, kommen in Räume, in denen die Luft zusätzlich entfeuchtet wird.

Generell beträgt die Luftfeuchtigkeit im Gebäude zwischen 40 und 55 Prozent, jeder Raum hat einen Messfühler. Wird dieser Wert überschritten, sieht das System eine automatische Regulierung vor, erklärt Depotverwalter Dürrenberger in seinem Büro vor dem Computer. Auf dem Monitor kann er genau ablesen, welche Temperatur und Luftfeuchtigkeit gerade in welchem Depotraum herrscht. Das Gebäude ist mit zwei Luftkreisläufen ausgestattet, einem für saubere und einem für kontaminierte Luft, die entsteht, weil zahlreiche Exponate durch gesundheitsschädliche Holzschutzmittel belastet sind.

Wenn Dürrenberger durch die Gänge und Räume geht und es irgendwo zischt oder pfeift, hat er inzwischen ein ganz gutes Näschen dafür, was die Ursache sein könnte. "Ich kenne die Technik zunehmend besser, das ist ja schon Neuland für mich." Die gesamte Klimatechnik kann von außerhalb gesteuert werden. Sollte sie einmal komplett ausfallen – in dem Fall spricht man von einem A-Alarm, werden Grenzwerte überschritten von einem B-Alarm –, ist das zunächst einmal keine Katastrophe. "Wenn die Anlage am Freitag ausfällt, reicht es dank der Bauweise, wenn der Monteur am Montag kommt", erklärt Dürrenberger.

INFO: Zentrales Kunstdepot

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Freiburger Stadtbau (FSB) hat das Kunstdepot für 6,3 Millionen Euro auf einem städtischen Grundstück an der Weißerlenstraße in Hochdorf errichtet, für das sie jährlich 24 000 Euro Erbpachtzins zahlt. Gebaut wurde das Depot mit einer Nutzfläche von 5000 Quadratmeter (inklusive Funktionsräumen) innerhalb von 16 Monaten. Die städtischen Museen benötigen 77 Prozent der Lagerfläche, der Rest wird an die Stiftungsverwaltung (15,5 Prozent) und die Erzdiözese (7,5) untervermietet. Die Einrich-
tung kostete 930 000 Euro, davon zahlt die FSB 565 000 und die Stadt 300 000 Euro, 65 000 übernimmt die Stiftungsverwaltung; weitere 60 000 Euro zahlt das städtische Gebäudemanagement für das Blockheizkraftwerk. In den ersten fünf Jahren zahlt die Stadt an die FSB 426 000 Euro Miete, ab dem sechsten Jahr 461 000 und ab dem elften 509 000 Euro. Berücksichtigt man Einnahmen durch Untervermietung (100 000 Euro) und Erbpachtzins (24 000), beträgt die jährliche Miete für die Stadt in den ersten fünf Jahren summa summarum 300 000 Euro.  

Autor: fz

Autor: Frank Zimmermann