Demütig und diskret

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 19. Februar 2018

Olympische Spiele

Die stolze Sportnation Russland tritt bei den Spielen außergewöhnlich bescheiden auf – der schnellste Weg zurück in die sogenannte olympische Familie.

PYEONGCHANG. Das "Haus des Sports" ist nicht ganz leicht zu finden. Das liegt auch an diesem merkwürdigen Namen, denn um Sport geht es doch eigentlich überall bei den Spielen in Südkorea. Es liegt auf einem schmalen Landstreifen zwischen dem Japanischen Meer und einem Binnensee an der Küste der Stadt Gangneung, irgendwo in zweiter Reihe in einer Seitengasse zwischen koreanischen Fischrestaurants und einem kleinen Supermarkt. Ein junger russischer Sportfan, er hat sich die rechte Backe mit der russischen Nationalflagge bemalen lassen, Weiß-Blau-Rot, erklärt den Weg auf den letzten Metern.

Der Eingang ist rot angestrichen, aber auch außen taucht das Wort Russland nicht auf, keine Flagge, keine kyrillischen Schriftzeichen, nur eben diese beiden Wörter "Sports House", Haus des Sports. Russland muss diskret sein bei diesen Spielen, darf seine nationalen Symbole nicht offen zeigen, seine Sportler heißen hier "Olympische Athleten aus Russland", was ein bisschen lächerlich ist, wenn die Bezeichnung in den Ergebnislisten der Wettkämpfe auftaucht und wenn bei einem Medaillenerfolg nicht Weiß-Blau-Rot gehisst wird, sondern die Flagge Olympias mit den fünf Ringen.

Jeder weiß Bescheid, keiner spricht darüber

Jeder weiß Bescheid, um wen es wirklich geht, aber man spricht nicht darüber. Das ist ein bisschen wie beim Doping. Auch bei den XXIII. Winterspielen weiß natürlich jeder, dass nicht nur Russen dopen und gedopt haben, sondern auch Athleten anderer Nationen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat nun aber Russland sanktioniert, ausschließlich Russland, wegen der erdrückenden Beweise für die vom Staat mit organisierten und gedeckten Manipulationen, es ließ sich einfach nicht länger aussitzen und verschweigen. Nicht einmal das mächtige IOC konnte das, und irgendwie geht man nun damit um in Südkorea. Allzu drastisch waren die Sanktionen bei näherem Hinsehen nicht, das Nationale Olympische Komitee Russlands durfte immerhin noch 168 Sportlerinnen und Sportler zu den Spielen entsenden, 15 mehr als Deutschland. Die Auflage des IOC bestand außerdem darin, sich mit nationalen Symbolen zurückzuhalten, sich demütig zu zeigen – um dann vielleicht schon bei der Abschlussfeier die Flagge stolz präsentieren zu dürfen.

Wie behandelt man die Russen bei diesen Spielen? Darf man überhaupt mit ihnen sprechen? Darf man sie besuchen? "Wir werden sanktioniert und stigmatisiert, als seien wir die Einzigen auf der Welt, bei denen es Doping gab", hat ein Vertreter Russlands schon vor einigen Tagen gesagt bei seinem Besuch im Deutschen Haus, als man ein paar Minuten unter sich war, draußen auf der Terrasse, unter vier Augen, bei einer Zigarettenpause. Offiziell sagt niemand etwas.

Es ist überraschend einfach, das "Haus des Sports" zu betreten, das eben nicht Russisches Haus heißen darf bei diesen Spielen. Die Sicherheitsleute am Eingang, zwei Koreaner, lächeln freundlich, die Kontrolle ist kurz, und eine junge Russin, die deutsch spricht, notiert den Namen "Badische Zeitung" auf einem kleinen Zettel. Man geht die Treppe hoch und findet sich in einer Art ehemaligem Ball- oder Konzertsaal wieder, mit geschwungenen Balkonen rechts und links an den Seiten, Bolschoi-Theater im Kleinformat. Vorn ist eine Bühne, eine russische Band tritt auf, sie lässt es krachen, einige Besucher beginnen zu tanzen. Für Wodka ist es noch ein bisschen früh, stattdessen wird russischer Tee gereicht und russischer Hotdog, Würstchen im Teig.

Die Bühne trägt rechts und links einen kleinen Schriftzug, "Russia in my Heart", Russland ist in meinem Herzen. Die Fahne, nationale Symbolik, sieht man nirgendwo. Dafür rechts vorn eine Ecke mit Fotos, in Gangneung "Putins Ecke" genannt. Ein Foto zeigt den russischen Staatspräsidenten zusammen mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in bei einer Begegnung in Wladiwostok. Russlands eisfreier Hafen am Pazifik liegt gar nicht weit weg, zweimal in der Woche verkehrt eine Fähre. Sie startet im südkoreanischen Donghae-si gleich südlich von Gangneung, umkurvt Nordkorea weiträumig und erreicht Wladiwostok in nur 24 Stunden. Russland ist einer der nächsten Nachbarn Südkoreas. Auch andere Fotos zeigen Wladimir Putin mit Vertretern des Ausrichterlandes der XXIII. Winterspiele. An den Wänden hängen außerdem Fotos erfolgreicher russischer Athleten, aber auch sie im Kleinformat, nicht aufdringlich, nicht stolz präsentiert, wie es der großen Sportnation Russland doch eigentlich angemessen wäre.

Wer will, kann einen Eishockeyschläger in die Hand nehmen, das Trikot der Sbornaja überstreifen, des russischen Nationalteams, und sich fotografieren lassen. Drei junge Frauen bemalen die Gesichter von Kindern, die das Haus besuchen, und sie sind – nur ausdrücklich und auf Wunsch – bereit, Gästen das Weiß-Blau-Rot, die russische Fahne, auf die Backe zu malen. Das ist aber auch schon das Äußerste an nationaler Symbolik. Viel mehr gibt es in diesem Haus nicht zu sehen, nach einer knappen Stunde steht man wieder am Eingang. Die freundliche junge Frau am Empfang drückt dem Gast ein paar kleine, diskrete Aufkleber in die Hand und ein Papierfähnchen. "Bitte, nehmen Sie eins mit", sagt sie. Auf den Aufklebern und dem Fähnchen ist ein Herz abgebildet und auf kyrillisch der Schriftzug "Russland in meinem Herzen." Auch hier kein Weiß-Blau-Rot.

Erstaunlich wirkt diese zur Schau gestellte Demut. Sie erinnert an den Umgang des Sports mit einem erwischten Doper. Er muss ein bisschen büßen, soll sich reumütig zeigen und darf dann schon bald wieder zurückkehren in die sogenannte Familie des Sports. Die Voraussetzung ist natürlich, dass er nicht auspackt, nicht das ganze Ausmaß des Betrugs öffentlich macht, nicht von Systematik spricht, sondern allenfalls von der kleinen, individuellen Sünde, und im Übrigen schweigt. Das vor allem. Wer erwischt wird, muss schweigen. So macht Russland es jetzt auch, gibt sich demütig, aber diskret. Das IOC wird diese Demut belohnen, mehr aber noch die Verschwiegenheit, und Russland schnell wieder aufnehmen in seine olympische Familie.